{"id":6446,"date":"2018-06-14T09:53:26","date_gmt":"2018-06-14T07:53:26","guid":{"rendered":"http:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=6446"},"modified":"2018-06-15T00:00:43","modified_gmt":"2018-06-14T22:00:43","slug":"verlaufen-geflohen-entfuehrt-84-850-vermisste-in-japan-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=6446","title":{"rendered":"Verlaufen, geflohen, entf\u00fchrt: 84.850 Vermi\u00dfte in Japan 2017"},"content":{"rendered":"<p>Es ist in Deutschland nicht leicht, die Gesamtzahl der Menschen zu erfahren, die bei der Polizei als vermi\u00dft gemeldet werden. &#8222;T\u00e4glich werden jeweils etwa 250 bis 300 Fahndungen neu erfasst und auch gel\u00f6scht&#8220;, hei\u00dft es beim <a href=\"https:\/\/www.bka.de\/DE\/UnsereAufgaben\/Ermittlungsunterstuetzung\/Vermisstensachbearbeitung\/vermisstensachbearbeitung_node.html#doc19618bodyText3\">Bundeskriminalamt<\/a> dazu lapidar. Das ergibt also eine minimale Fallzahl von 91.250 Vermi\u00dften. Nehmen wir der Bequemlichkeit halber also an: 100.000 pro Jahr. Genaueres ist nicht bekannt, weil das fr\u00fcher regelm\u00e4\u00dfig ver\u00f6ffentlichte Kapital &#8222;Vermi\u00dfte&#8220; in der gesamtdeutschen Kriminalstatistik aus nicht nachvollziehbaren Gr\u00fcnden schlicht <a href=\"http:\/\/peter-jamin.de\/bundeskriminalamt-kann-nicht-rechnen\/\">verschwunden<\/a> ist. Man wei\u00df also in Deutschland z.B. auch nicht, Menschen mit welchen Merkmalen &#8212; Alter, Geschlecht, Gesundheitszustand &#8212; am st\u00e4rksten gef\u00e4hrdet sind.<br \/>\nJapans Polizei geht ganz anders vor. J\u00e4hrlich wird die Zahl der Vermi\u00dftenf\u00e4lle <a href=\"https:\/\/www3.nhk.or.jp\/news\/html\/20180614\/k10011477521000.html\">ver\u00f6ffentlicht<\/a> und statistisch sauber analysiert. 2017 wurden demnach 84.850 Menschen vermi\u00dft. Das w\u00e4ren also deutlich weniger als in Deutschland und damit rund halb so viele F\u00e4lle pro Kopf der Bev\u00f6lkerung (in Deutschland: rund 121 F\u00e4lle je 100.000 Einwohner, in Japan: 67 F\u00e4lle je 100.000 EW).<br \/>\nVon diesen 84.850 Menschen wurden laut Polizei 55.939 Menschen als &#8222;Sonderf\u00e4lle&#8220; (\u7279\u7570\u884c\u65b9\u4e0d\u660e\u8005) eingestuft. Ein Teil von ihnen gilt als Opfer von Verbrechen oder eines Suizids. 2017 <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/international\/zahl-der-selbstmorde-in-japan-weiter-gesunken-ld.1349051\">betrug<\/a> die Zahl der Selbstm\u00f6rder in Japan 21.140. Die Zahl der Ermordeten wurde 2017 mit 284 <a href=\"http:\/\/www.mhlw.go.jp\/toukei\/saikin\/hw\/jinkou\/geppo\/nengai17\/dl\/h6.pdf\">angegeben<\/a>.<br \/>\nVon den verbleibenden 34.515 &#8222;Sonderf\u00e4llen&#8220; sind ein Teil Jugendliche, die (z.B. aus Angst vor Mi\u00dfhandlung) von ihren Erziehungsberechtigten geflohen sind; ein weiterer Teil unentdeckt gebliebene Opfer von Naturkatastrophen und Verkehrsunf\u00e4llen; und schlie\u00dflich Menschen, die wegen geistiger oder k\u00f6rperlicher Behinderungen als hilflos und gef\u00e4hrdet gelten. Die japanische Polizei setzt die Zahl der m\u00f6glicherweise dementen Vermi\u00dften f\u00fcr das Jahr 2017 auf 15.800 Menschen an &#8212; das sind mehr als je zuvor.<br \/>\nDas Problem ist nicht neu. Als ich in den 1990er Jahren in Japan auf dem Land lebte, gab es etwa einmal in der Woche eine Lautsprecherdurchsage der Gemeindeverwaltung: Der oder die greise XY werde seit dem Morgen vermi\u00dft. Er\/sie sei so und so bekleidet und finde wahrscheinlich von selbst nicht mehr nach Hause zur\u00fcck &#8230;<br \/>\nMit der wachsenden Vergreisung der Gesellschaft hat die Zahl solcher F\u00e4lle zugenommen. Um Abhilfe zu schaffen, probiert man in Japan unterschiedliche Wege aus. Sie sind allerdings aus Datenschutzsicht h\u00f6chst problematisch.<br \/>\nZum einen beteiligen sich rund 10.000 &#8222;convenience stores&#8220;, also rund um die Uhr ge\u00f6ffnete kleine Superm\u00e4rkte, an der \u00dcberwachung greiser Kunden. Sie haben mit den Lokalverwaltungen verabredet, Alte, die offensichtlich orientierungslos zu ihnen kommen, zu &#8222;beobachten&#8220;. In der Tat sind solche L\u00e4den, die regelm\u00e4\u00dfig auch kleine preiswerte Mahlzeiten verkaufen, h\u00e4ufig die Anlaufstelle f\u00fcr Menschen, die sich etwas zu essen besorgen oder auch nur einmal am Tag ein Gespr\u00e4ch f\u00fchren wollen, um der Alterseinsamkeit zu entfliehen.<br \/>\nAuf Ky\u016bsh\u016b pr\u00e4pariert man die Schuhe gef\u00e4hrdeter Menschen mit einem kleinen Sender. Passanten, deren Smartphones mit einer speziellen Anwendung ausger\u00fcstet sind, empfangen deren Signal und leiten die Information \u00fcber den Standort dieser Personen automatisch weiter.<br \/>\nAuf der Insel Shikoku befestigt man an der Kleidung der Alten einen QR-Barcode. Er enth\u00e4lt ihren Gesundheitszustand und Kontaktinformationen. Mit Hilfe eines Smartphones kann dieser Code gelesen und eine Email an ihre Verwandten gesendet werden.<br \/>\nAndernorts setzt die Polizei auf <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Handvenenerkennung\">Handvenenerkennung<\/a>: Da bei alten Menschen die Fingerabdr\u00fccke h\u00e4ufig nicht mehr gut zu bestimmen sind, registriert sie die Venenmuster ihrer Handinnenfl\u00e4chen f\u00fcr den Fall der F\u00e4lle.<br \/>\nEine Gesamtstrategie l\u00e4\u00dft sich daraus nicht erkennen. Aber immerhin ist das Problem erkannt. Es geht ja immerhin um rund 16.000 Betroffenen pro Jahr. In Deutschland dagegen herrscht zu dieser Frage staatlicherseits bisher nur Schweigen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>84.850 Menschen wurden 2017 in Japan als vermi\u00dft gemeldet, darunter rund 16.000, die als dement gelten. Da die Bev\u00f6lkerung immer \u00e4lter wird, sucht man in Japan nach Wegen, um die Alten besser zu sch\u00fctzen. Doch dabei wird der Datenschutz vernachl\u00e4ssigt. In Deutschland gab es wahrscheinlich auch 100.000 Vermi\u00dftenmeldung &#8212; die Polizei ver\u00f6ffentlicht aber keine genauen Zahlen, und eine \u00f6ffentliche Diskussion findet nicht statt.<\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"fifu_image_url":"","fifu_image_alt":"","footnotes":""},"categories":[28],"tags":[758,759,760],"class_list":{"0":"post-6446","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","6":"category-japan","7":"tag-alter","8":"tag-demenz","9":"tag-vermisste","10":"bnp_pattern1","11":"cat-28-id"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6446","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6446"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6446\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6450,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6446\/revisions\/6450"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6446"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6446"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6446"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}