{"id":6278,"date":"2018-04-17T11:41:15","date_gmt":"2018-04-17T09:41:15","guid":{"rendered":"http:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=6278"},"modified":"2018-04-17T11:43:44","modified_gmt":"2018-04-17T09:43:44","slug":"mori-kake-und-me-too-japans-politiker-in-noeten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=6278","title":{"rendered":"Mori-Kake und Me too: Japans Politiker in N\u00f6ten"},"content":{"rendered":"<p>Der japanischen Bev\u00f6lkerung ist offenbar der Appetit auf ihre Regierung gr\u00fcndlich vergangen: Seit Wochen purzeln die Beliebtheitswerte der Regierung unter Ministerpr\u00e4sident Abe Shinz\u014d \u5b89\u500d\u664b\u4e09 <a href=\"https:\/\/www3.nhk.or.jp\/news\/html\/20180417\/k10011406861000.html\">in den Keller<\/a>. Einer von Abes Vorg\u00e4ngern und innerparteilichen Gegnern, Koizumi Jun-ichir\u014d \u5c0f\u6cc9\u7d14\u4e00\u90ce, h\u00e4lt es sogar <a href=\"https:\/\/www3.nhk.or.jp\/news\/html\/20180414\/k10011403661000.html\">f\u00fcr nahezu ausgeschlossen<\/a>, da\u00df Abe im September turnusgem\u00e4\u00df als Pr\u00e4sident der Liberaldemokratischen Partei und damit als Ministerpr\u00e4sident best\u00e4tigt wird. Sogar ein R\u00fccktritt Abes noch im Juni wird inzwischen von den Medien f\u00fcr m\u00f6glich gehalten. Die ehrgeizigen Pl\u00e4ne Abes &#8212; darunter v.a. eine weitgehende Verfassungsreform mit Anerkennung der Selbstverteidigungsstreitkr\u00e4fte als regul\u00e4rer Armee, eine Japan gef\u00e4llige L\u00f6sung der Nordkorea-Krise und die Zementierung der immer noch nicht florierenden <em>Abenomics<\/em> rechtzeitig vor den Olympischen Spielen von T\u014dky\u014d 2020 &#8212; sind damit faktisch Makulatur geworden. Abe gibt jetzt selbst zu, er m\u00fcsse alles tun, um das Vertrauen der Bev\u00f6lkerung wiederzuerlangen. Immerhin: Am 14. April <a href=\"https:\/\/www3.nhk.or.jp\/news\/html\/20180414\/k10011403631000.html\">versammelten sich 50.000 Menschen<\/a> vor dem Parlament im politischen Zentrum der Hauptstadt zu einer Massendemonstration, um lautstark Aufkl\u00e4rung zu fordern &#8212; und Abes R\u00fccktritt.<br \/>\nIn diesen Schlamassel hat sich Japans politische F\u00fchrung offenbar durch Vetternwirtschaft geritten, deren Aufdeckung der Opposition und den wenigen verbliebenen regierungskritischen Medien die Chance gibt, das System Abe frontal anzugreifen. In der Bev\u00f6lkerung und den Medien wird der aktuelle Skandalkomplex als &#8222;Mori-Kake-Skandal&#8220; (<em>morikake mondai<\/em> \u3082\u308a\u304b\u3051\u554f\u984c) diskutiert. <em>Mori-Kake<\/em> ist eigentlich ein Ausdruck aus der K\u00fcche: <em>Kakesoba<\/em> sind Buchweizennudeln in hei\u00dfer Br\u00fche, <em>morisoba<\/em> dagegen in kalter Br\u00fche. Die Ironie des Schicksals will es n\u00e4mlich, da\u00df der jetzige Skandal sich an zwei zweifelhaften Vorg\u00e4ngen entz\u00fcndet: Zum einen erhielt eine am \u00e4u\u00dfersten rechten Rand orientierte Privatschule in \u014csaka offensichtlich mit massiver Unterst\u00fctzung aus hohen politischen Kreisen ein \u00f6ffentliches Grundst\u00fcck zum Schleuderpreis als Baugrund; der damalige Schulleiter, der sich auf seine Freundschaft mit Abe und dessen Frau berief, hie\u00df <em>Mori<\/em>tomo. Zum anderen erhielt eine Privatuniversit\u00e4t die begehrte Erlaubnis, eine Fakult\u00e4t f\u00fcr Veterin\u00e4rmedizin einzurichten &#8212; praktisch eine Lizenz zum Gelddrucken. Ihr Inhaber geh\u00f6rt gleichfalls zu Abes Freundeskreis geh\u00f6rt und hei\u00dft <em>Kake<\/em>. In beiden F\u00e4llen, so stellte sich allm\u00e4hlich heraus, verschwiegen die an diesen Entscheidungen beteiligten B\u00fcrokraten gegen\u00fcber dem mi\u00dftrauischen Parlament wesentliche Informationen \u00fcber die politischen Hintergr\u00fcnde; es kam sogar zur F\u00e4lschung von Dokumenten. Mit anderen Worten: Es riecht nach Beg\u00fcnstigung und Vetternwirtschaft.<br \/>\nIn Not geraten ist dadurch nicht nur Abe, der noch letztes Jahr vollmundig versprochen hatte, zur\u00fcckzutreten, falls ihm oder seiner Frau Einflu\u00dfnahme auf diese F\u00e4lle nachgewiesen werden k\u00f6nne. Auch sein Stellvertreter, Finanzminister As\u014d Tar\u014d, sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, sein Ministerium nicht im Griff zu haben. Verst\u00e4rkt hat sich dieser Eindruck, seit bekannt wurde, da\u00df sein Staatssekret\u00e4r mehrfach Journalistinnen <a href=\"https:\/\/www3.nhk.or.jp\/news\/html\/20180417\/k10011406781000.html\">sexuell bel\u00e4stigt<\/a> haben soll. Die Opposition fordert nicht nur seine Entlassung, sondern stellt As\u014ds Kompetenz bei der Auswahl seiner Mitarbeiter grunds\u00e4tzlich in Frage. Das st\u00fcmperhafte Krisenmanagement der Regierung beunruhigt selbst die regierenden Liberaldemokraten. Der Generalsekret\u00e4r und der Fraktionsvorsitzende der LDP im Oberhaus <a href=\"https:\/\/www3.nhk.or.jp\/news\/html\/20180417\/k10011406701000.html\">verlangen jetzt<\/a>, im Ministerium &#8222;die \u00c4rmel aufzukrempeln&#8220; und rasch f\u00fcr Ordnung zu sorgen. Wie international \u00fcblich, hat As\u014d jeden Gedanken an R\u00fccktritt zun\u00e4chst weit von sich gewiesen.<br \/>\nIn dieser Frage ist der Gouverneur der Pr\u00e4fektur Niigata, Dr. Ry\u016bichi Yoneyama \u7c73\u5c71\u9686\u4e00, einen Schritt weiter. Er <a href=\"https:\/\/www3.nhk.or.jp\/news\/html\/20180417\/k10011406841000.html\">erw\u00e4gt jedenfalls seinen R\u00fccktritt<\/a>, nachdem japanische Klatschmedien auch ihm &#8222;ein Frauenproblem&#8220; (<em>josei mondai<\/em> \u5973\u6027\u554f\u984c) &#8212; also eine au\u00dfereheliche Beziehung &#8212; zum Vorwurf gemacht haben. Yoneyama leugnet dieses &#8222;Problem&#8220; zwar nicht, wei\u00df jedoch noch nicht, ob es der weiteren Aus\u00fcbung seines Amtes tats\u00e4chlich im Wege steht. Parteipolitisch ist aus diesem Fall \u00fcbrigens nichts herauszuholen. Yoneyama hat in seinem politischen Leben schon fast alles durchprobiert: Von der LDP \u00fcber die Partei der Renovation zu den Demokratisch-Progressiven, amtiert er seit 2016 als Parteiloser. Da ist dieser Fall schon nahezu Privatsache.<br \/>\nEin Fall von Urkundenunterschlagung qu\u00e4lt derweil das Verteidigungsministerium. Offensichtlich auf politische Anweisung gingen unter der vorherigen Verteidigungsministerin Inada die Tagesberichte der in den S\u00fcdsudan und den Irak entsandten Einheiten der Selbstverteidigungskr\u00e4fte &#8222;verloren&#8220;. Erst unnachgiebiges Nachbohren der Opposition im Parlament f\u00f6rderte Teile davon wieder zutage. Auch hier stellt sich die Frage, ob die Regierung die Absicht verfolgt, eine parlamentarische Kontrolle ihrer Aktivit\u00e4ten zu erschweren. Die Opposition vermutet dies, und damit w\u00e4re Japans Demokratie nat\u00fcrlich in h\u00f6chster Gefahr. Das Schicksal der Regierung Abe h\u00e4ngt jetzt davon ab, ob ihr der Gegenbeweis gelingt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der japanischen Bev\u00f6lkerung ist offenbar der Appetit auf ihre Regierung gr\u00fcndlich vergangen: Seit Wochen purzeln die Beliebtheitswerte der Regierung unter Ministerpr\u00e4sident Abe Shinz\u014d \u5b89\u500d\u664b\u4e09 in den Keller. Einer von Abes Vorg\u00e4ngern und innerparteilichen Gegnern, Koizumi Jun-ichir\u014d \u5c0f\u6cc9\u7d14\u4e00\u90ce, h\u00e4lt es sogar f\u00fcr nahezu ausgeschlossen, da\u00df Abe im September turnusgem\u00e4\u00df als Pr\u00e4sident der Liberaldemokratischen Partei und damit als Ministerpr\u00e4sident best\u00e4tigt wird. Sogar ein R\u00fccktritt Abes noch im Juni wird inzwischen von den Medien f\u00fcr m\u00f6glich gehalten. 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