{"id":6108,"date":"2017-08-10T08:26:59","date_gmt":"2017-08-10T06:26:59","guid":{"rendered":"http:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=6108"},"modified":"2017-08-14T04:15:01","modified_gmt":"2017-08-14T02:15:01","slug":"goethe-in-japan-lifestyle-zeitschriften-als-kulturelle-gedaechtnisorte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=6108","title":{"rendered":"Goethe in Japan: Lifestyle-Zeitschriften als kulturelle Ged\u00e4chtnisorte"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Ich m\u00f6chte ein echter Mann werden.&#8220; Fast klingt es wie ein Zitat aus Goethes <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Die_Leiden_des_jungen_Werthers\"><em>Werther<\/em><\/a>, was in gro\u00dfen Lettern auf dem Titel der Maiausgabe der Zeitschrift prangt, die des Meisters Namen tr\u00e4gt: <em>Goethe<\/em>.<br \/>\nAber weit (?) gefehlt. Urheber ist <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Masaki_Aiba\">Aiba Masaki<\/a> \u76f8\u8449\u96c5\u7d00, der 35-j\u00e4hrige Popstar und S\u00e4nger der in ganz Ostasien verg\u00f6tterten Boygroup <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arashi\">Arashi<\/a>, dessen schlanke Figur auch das Titelbild bildet. Niemand also, der an der &#8222;Krankheit zum Tode&#8220; litte. Obwohl man das bei Popstars wohl auch nicht ausschlie\u00dfen kann.<\/p>\n<div max-width:33%><noscript><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm5.staticflickr.com\/4428\/35667030313_5b693b903d_z.jpg\" alt=\"Goethe\" \/><\/noscript><img decoding=\"async\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns='http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg'%20viewBox='0%200%20480%20640'%3E%3C\/svg%3E\" data-src=\"https:\/\/farm5.staticflickr.com\/4428\/35667030313_5b693b903d_z.jpg\" alt=\"Goethe\" \/class=\"lozad\" \/><\/div>\n<p>Das war dann auch schon die einzige Verwandtschaft, die sich zwischen der Lifestyle-Zeitschrift und ihrem deutschen Namensgeber konstruieren l\u00e4\u00dft. Das Blatt bietet ansonsten eben Lifestyle f\u00fcr lebenshungrige japanische M\u00e4nner.<br \/>\nEine andere Zeitschrift mit deutschem Namen wendet sich an die japanische Frau. Und hei\u00dft auch genau so: <em>Frau<\/em>. Ihre Juliausgabe zeigt einen anderen ostasiatischen Star: Kang Dae-sung, in Japan bekannt als D-LITE, 7 Jahre j\u00fcnger als Aiba und S\u00e4nger der koreanischen Boygroup <em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Big_Bang_(Band)\">Bigbang<\/a><\/em> &#8212; eine der repr\u00e4sentativsten Bands des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/K-Pop\">K-Pop<\/a>. Das ganze Heft dieser Zeitschrift, an der nichts deutsch ist au\u00dfer ihrem Namen, ist dem Thema &#8222;S\u00fcdkorea&#8220; gewidmet. D.h., es gibt ein paar Informationen wie &#8222;Korean Food Basics&#8220;, und der Rest besteht aus, nun ja, Empfehlungen zum Shopping in Korea. Trotz aller politischen Konflikte taugt koreanischer Lifestyle in Japan also immer noch zur Ansprache junger Japanerinnen.<\/p>\n<div max-width:33%><noscript><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm5.staticflickr.com\/4423\/36307092192_cd06de04a8_z.jpg\" alt=\"Frau\" \/><\/noscript><img decoding=\"async\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns='http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg'%20viewBox='0%200%20510%20639'%3E%3C\/svg%3E\" data-src=\"https:\/\/farm5.staticflickr.com\/4423\/36307092192_cd06de04a8_z.jpg\" alt=\"Frau\" \/class=\"lozad\" \/><\/div>\n<p>Thematisch etwas eingegrenzter, aber daf\u00fcr mit ausf\u00fchrlichem Horoskop-Teil pr\u00e4sentiert sich die Zeitschrift <em>Spur<\/em> (\u30b7\u30e5\u30d7\u30fc\u30eb <em>shup\u016bru<\/em> zu lesen und damit eindeutig deutsch) in ihrer Augustausgabe. Hier geht es um Mode, um &#8222;Geschichten von der Liebe zur Kleidung&#8220;, wie es auf dem Titel hei\u00dft: &#8222;Wir kleiden uns in Erinnerungen.&#8220; (\u79c1\u305f\u3061\u306f\u601d\u3044\u51fa\u3092\u7740\u3066\u3044\u308b) Das ist ein h\u00fcbscher, fast philosophischer Gedanke, und die junge Frau auf dem Titelbild ist entsprechend <em>retro<\/em> gestylt. Deutschland findet auch hier nicht statt, aber wer h\u00e4tte das bei einer Modezeitschrift mit dem Untertitel &#8222;National Fashion Story Project&#8220; schon erwartet?<\/p>\n<div max-width:33%><noscript><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/farm5.staticflickr.com\/4407\/35639963464_0ca1e26017_z.jpg\" alt=\"Spur\" \/><\/noscript><img decoding=\"async\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns='http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg'%20viewBox='0%200%20492%20640'%3E%3C\/svg%3E\" data-src=\"https:\/\/farm5.staticflickr.com\/4407\/35639963464_0ca1e26017_z.jpg\" alt=\"Spur\" \/class=\"lozad\" \/><\/div>\n<p>Solche Zeitschriften sind ja keine japanische Besonderheit. Man mu\u00df sie auch nicht von vorn bis hinten lesen, um zu erkennen, da\u00df sie eine Qualit\u00e4t besitzen, die den Tagesmedien abgeht: Sie sind Tr\u00e4ger des kulturellen Ged\u00e4chtnisses. J-Pop, K-Pop, Retromode &#8230; alles Schaupl\u00e4tze, an denen sich f\u00fcr junge Menschen in Ostasien die Sehnsucht nach kultureller Geborgenheit offenbart. Wenn das dann noch unter geheimnisvollen deutschen Namen geschieht, sind wir ein St\u00fcck weit hineingenommen in diese Sehnsucht nach M\u00e4nnlichkeit, Fraulichkeit und den Spuren, die uns kleiden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Ich m\u00f6chte ein echter Mann werden.&#8220; Fast klingt es wie ein Zitat aus Goethes Werther, was in gro\u00dfen Lettern auf dem Titel der Maiausgabe der Zeitschrift prangt, die des Meisters Namen tr\u00e4gt: Goethe. Aber weit (?) gefehlt. Urheber ist Aiba Masaki \u76f8\u8449\u96c5\u7d00, der 35-j\u00e4hrige Popstar und S\u00e4nger der in ganz Ostasien verg\u00f6tterten Boygroup Arashi, dessen schlanke Figur auch das Titelbild bildet. Niemand also, der an der &#8222;Krankheit zum Tode&#8220; litte. Obwohl man das bei Popstars wohl auch nicht ausschlie\u00dfen kann. 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