{"id":6105,"date":"2017-08-09T17:07:01","date_gmt":"2017-08-09T15:07:01","guid":{"rendered":"http:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=6105"},"modified":"2017-08-09T17:07:01","modified_gmt":"2017-08-09T15:07:01","slug":"unsichere-zukunft-fuer-japans-akademisches-proletariat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=6105","title":{"rendered":"Unsichere Zukunft f\u00fcr Japans akademisches Proletariat"},"content":{"rendered":"<p>Mit einem <a href=\"http:\/\/gendai.ismedia.jp\/articles\/-\/52333?page=5\">Vergleich<\/a> endete im April ein Gerichtsverfahren, das die Gewerkschaft der befristeten Lehrkr\u00e4fte 2013 gegen die Leitung der privaten Waseda-Universit\u00e4t angestrengt hatte. Hintergrund war die Entscheidung der Universit\u00e4t, befristete Lehrkr\u00e4fte (<em>hij\u014dkin k\u014dshi<\/em> \u975e\u5e38\u52e4\u8b1b\u5e2b) ab 2018 nur noch f\u00fcr maximal 5 Jahre und maximal 4 Unterrichtseinheiten zu besch\u00e4ftigen.<br \/>\nDies h\u00e4tte dramatisch von der bisherigen Praxis abgewichen und viele der 3.700 Betroffenen wirtschaftlich schwer getroffen. Die Waseda-Universit\u00e4t zahlt 30.000 Yen (230 Euro) pro Semester f\u00fcr eine 90-min\u00fctige Unterrichtseinheit. Bei 4 Einheiten w\u00e4ren dies also 920 Euro &#8212; viel zu wenig zum Leben im teuren T\u014dky\u014d. Einige der aktuellen Lehrkr\u00e4fte kommen auf 10 Einheiten pro Woche, viele arbeiten gleichzeitig an mehreren Universit\u00e4ten oder in anderen Jobs. <a href=\"http:\/\/gendai.ismedia.jp\/articles\/-\/52333?page=4\">Im Durchschnitt<\/a> kamen sie 2007 auf ein Jahreseinkommen von 3 Mio. Yen (rund 24.000 Euro). Aber dies ist der Bruttoverdienst, und eines haben alle Lehrbeauftragten in Japan gemeinsam: Die Universit\u00e4ten zahlen f\u00fcr sie keine Sozialabgaben. Ihre Rente, Kranken- und Pflegeversicherung m\u00fcssen die Lehrbeauftragten also selbst erwirtschaften.Ihre Lehrauftr\u00e4ge werden \u00fcber ein Jahr abgeschlossen. Jedes Jahr beginnt also ein neues Nachrechnen und Bewerben. Immerhin lie\u00dfen private Universit\u00e4ten wie die Waseda ihre Lehrbeauftragten bislang bis zum Alter von 70 Jahren arbeiten &#8212; genau wie ihre regul\u00e4ren Professoren, die freilich bei nur 4 Unterrichtseinheiten pro Woche auf ein Jahresgehalt von 13,5 Mio. Yen (fast 104.000 Euro) kommen.<br \/>\nF\u00fcr ihre Pl\u00e4ne hatte die Universit\u00e4t allerdings einen guten Grund. 2013 wurde ein Gesetz zum Schutz der Arbeitnehmer verabschiedet. Darin wurde geregelt, da\u00df Arbeitnehmer, die 5 Jahre befristet besch\u00e4ftigt werden, auf Antrag einen unbefristeten Vertrag erhalten m\u00fcssen; da\u00df eine &#8222;unlogische&#8220; Verweigerung der Weiterbesch\u00e4ftigung verboten ist; und da\u00df eine &#8222;unlogische&#8220; Differenz der Arbeitsbedingungen von befristeten und unbefristeten Arbeitnehmern verboten ist. Die Universit\u00e4tsleitung wollte sich also einerseits durch die Besch\u00e4ftigungsh\u00f6chstdauer vor einer Entfristungswelle sch\u00fctzen und andererseits durch die Beschr\u00e4nkung der Unterrichtsstunden eine &#8222;logische&#8220; Differenz zwischen unbefristeten Lehrbeauftragten und Professoren nachweisen. Dabei verf\u00fcgen viele der Lehrbeauftragten \u00fcber eine vielen Professoren mindestens gleichwertig akademische Qualifikation und sind promoviert, was f\u00fcr Professoren an japanischen Universit\u00e4ten immer noch nicht \u00fcberall gilt.<br \/>\nDie Gewerkschaft war auf dem besten Wege, den Proze\u00df gegen die Waseda zu gewinnen. Im April einigten sich beide Seiten jedoch. Alle Lehrbeauftragten, die schon vor 2014 dort arbeiteten, k\u00f6nnen jetzt einen Antrag auf Entfristung stellen. Alle \u00fcbrigen werden maximal 10 Jahre lang besch\u00e4ftigt. Wer bislang mehr als 9 Unterrichtsstunden erteilt hat, darf dies auch weiterhin; f\u00fcr alle anderen gelten 8 als Obergrenze. Und es gibt 10 Prozent Gehaltserh\u00f6hung.<br \/>\nSchon 2014 wurden au\u00dferdem 20 Japanisch-Lehrbeauftragte, deren Stundenlohn ohnehin nur bei knapp der H\u00e4lfte der \u00fcbrigen Dozenten liegt, entlassen, die bereits 5 Jahre lang an der Waseda t\u00e4tig gewesen waren. Auch dies wurde zur\u00fcckgenommen; sie d\u00fcrfen jetzt wieder bis 70 t\u00e4tig sein.<br \/>\nDer Arbeitskampf an der Waseda hat deshalb die Aufmerksamkeit auf Japans akademisches Proletariat gelenkt, das vor allem an den Privatuniversit\u00e4ten einen Gro\u00dfteil der Lehrleistungen erbringt und in vielen F\u00e4llen ohne soziale Absicherung und Aufstiegschancen von der Hand in den Mund lebt &#8212; trotz erstklassiger Studienabschl\u00fcsse. Trotz hoher Studiengeb\u00fchren leiden Japans Privatuniversit\u00e4ten an Geldnot, und ihre Perspektiven sind angesichts des dramatischen Geburtenr\u00fcckgangs schlecht. Die meisten (damals noch als Fachhochschulen bezeichnet) lebten vor 1945 davon, da\u00df die Professoren der staatlichen Universit\u00e4ten durch Lehrauftr\u00e4ge ihr Gehalt aufbesserten. Nach 1945 wurde den Professoren dies verboten. Deshalb stellten die Privaten befristete Dozenten in gro\u00dfen Zahlen ein, um weiterhin mit geringen Personalkosten rechnen zu k\u00f6nnen. Mit der Abschaffung des verpflichtenden Studium Generale 1991 war dann die Abschaffung vieler unbefristeter Positionen verbunden. Der allgemeine Zug zur Reduktion festangestellter Mitarbeiter, der sich seit damals in vielen Wirtschaftsunternehmen bemerkbar macht, machte auch vor den Universit\u00e4ten nicht halt. Fast die H\u00e4lfte der privaten Universit\u00e4ten unterschreitet nach Feststellung der Regierung die vorgesehene Zahl festangestellter Mitarbeiter. Die Regierung plant jetzt deshalb die Zahl der unbefristet Besch\u00e4ftigten weiter zu reduzieren und unwirtschaftlich arbeitende Universit\u00e4ten aufzul\u00f6sen oder zu fusionieren. Dadurch wird die Lage auf dem akademischen Arbeitsmarkt nat\u00fcrlich zus\u00e4tzlich versch\u00e4rft.<br \/>\nUnd es sind nicht nur die Privaten zum Handeln gezwungen. Die staatliche T\u014dhoku-Universit\u00e4t <a href=\"http:\/\/www.mynewsjapan.com\/reports\/2284\">meldete<\/a> Ende 2016, sie werde 3.243 von 5.771 bisherigen Lehrbeauftragten wegen der 5-Jahres-Regel ab 2018 nicht mehr weiterbesch\u00e4ftigen. Die staatliche Universit\u00e4t Yokohama hat beschlossen, Lehrbeauftragte nach Ablauf von 5 Jahren ein Semester lang ohne Vertrag zu lassen &#8212; um ihnen den Entfristungsanspruch zu nehmen.<br \/>\nVor deutschen Arbeitsgerichten h\u00e4tten solche Tricks an staatlichen Universit\u00e4ten keine Chance. Aber dennoch besteht kein Grund zur Selbstzufriedenheit. An vielen deutschen Universit\u00e4ten, auch in Bonn, werden n\u00e4mlich Fremdsprachendozenten grunds\u00e4tzlich nur zwei Jahre lang besch\u00e4ftigt, weil sie sonst unk\u00fcndbar werden &#8212; und zwar in ihrem ganzen Leben. Danach d\u00fcrfen sie nur noch als Lehrbeauftragte t\u00e4tig werden &#8212; ohne Sozialversicherung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit einem Vergleich endete im April ein Gerichtsverfahren, das die Gewerkschaft der befristeten Lehrkr\u00e4fte 2013 gegen die Leitung der privaten Waseda-Universit\u00e4t angestrengt hatte. Hintergrund war die Entscheidung der Universit\u00e4t, befristete Lehrkr\u00e4fte (hij\u014dkin k\u014dshi \u975e\u5e38\u52e4\u8b1b\u5e2b) ab 2018 nur noch f\u00fcr maximal 5 Jahre und maximal 4 Unterrichtseinheiten zu besch\u00e4ftigen. Dies h\u00e4tte dramatisch von der bisherigen Praxis abgewichen und viele der 3.700 Betroffenen wirtschaftlich schwer getroffen. Die Waseda-Universit\u00e4t zahlt 30.000 Yen (230 Euro) pro Semester f\u00fcr eine 90-min\u00fctige Unterrichtseinheit. 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