{"id":5984,"date":"2017-04-15T11:09:18","date_gmt":"2017-04-15T09:09:18","guid":{"rendered":"http:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=5984"},"modified":"2017-04-15T11:16:28","modified_gmt":"2017-04-15T09:16:28","slug":"mit-kaiser-hitler-und-bajonett-japans-neue-bildungspolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=5984","title":{"rendered":"Mit Kaiser, Hitler und Bajonett: Japans neue Bildungspolitik"},"content":{"rendered":"<p>Am 15. April wurde <a href=\"http:\/\/www.japantimes.co.jp\/news\/2017\/04\/15\/national\/social-issues\/japan-tolerates-use-hitlers-autobiography-schools\/\">bekannt<\/a>, da\u00df Japans Regierung keine Einw\u00e4nde gegen den Gebrauch von Hitlers &#8222;Mein Kampf&#8220; in Japans Klassenzimmern hat &#8212; es d\u00fcrfe nur nicht zur F\u00f6rderung von Rassismus benutzt werden.<br \/>\nAm selben Tag <a href=\"http:\/\/www.jiji.com\/jc\/article?k=2017040400505&#038;g=soc\">erkl\u00e4rte<\/a> Japans Kultusminister <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hirokazu_Matsuno\">Matsuno Hirokazu<\/a> (LDP), auch gegen die Verwendung des Kaiserlichen Erziehungsedikts von 1890 sei nichts einzuwenden, solange der Unterricht auf der Grundlage von Verfassung (von 1946) und Erziehungsgrundgesetz (von 1947) stehe. Matsuno geh\u00f6rt dem umstrittenen, rechtsnationalistischen <em><a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Nippon_Kaigi\">Nippon Kaigi<\/a><\/em> an. Das Edikt wird von drei Grundgedanken gepr\u00e4gt: da\u00df Japans Tugend seit ewigen Zeiten mit dem Kaiserhaus verbunden ist; da\u00df Japan nur gedeihen wird, wenn es in Treue zum Kaiser und dessen Vorfahren steht; und da\u00df die Untertanen gegebenenfalls dem Kaiser tapfer und bis in den Tod dienen sollen.<br \/>\nWenige Tage zuvor wurde bekannt, da\u00df im neuen staatlichen Lehrplan f\u00fcr japanische Mittelschulen ab 2021 Bajonettfechten (<em>J\u016bkend\u014d<\/em> \u9283\u5263\u9053) als Wahlm\u00f6glichkeit im Sportunterricht aufgef\u00fchrt wird. Bajonettfechten geh\u00f6rte in Japan vor dem Zweiten Weltkrieg zur paramilit\u00e4rischen Ausbildung. Seit 1980 wird es auf dem Nationalen Sportfest (Kokutai \u56fd\u4f53) als Kampfsport praktiziert, allerdings nach <a href=\"https:\/\/mainichi.jp\/articles\/20170409\/ddn\/041\/100\/013000c\">Recherchen<\/a> der <em>Mainichi Shinbun<\/em> zur Zeit nur an etwa 15 Oberschulen und einer Mittelschule gelehrt (nat\u00fcrlich nicht mit echten Bajonetten &#8212; es handelt sich um Holzatrappen mit gepolsterter Spitze \u00e4hnlich wie beim &#8222;echten&#8220; Kend\u014d). Bislang wurde es im Lehrplan nicht erw\u00e4hnt, weil es eben nur eine sehr kleine Anh\u00e4ngerschaft &#8212; meist Angeh\u00f6rige der Selbstverteidigungsstreitkr\u00e4fte &#8212; hatte. Diese haben bei der \u00f6ffentlichen Anh\u00f6rung zum neuen Lehrplan offenbar alle Kr\u00e4fte mobilisiert, um die Aufnahme in den Kampfsport-Kanon durchzusetzen. Der Verband des Bajonettfechtsports sieht sich nun im Aufwind und bezeichnet seinen Sport als p\u00e4dagogisch wertvollen Beitrag zur &#8222;Menschenbildung&#8220; (<em>Ningen Keisei<\/em> \u4eba\u9593\u5f62\u6210). Im historischen Ged\u00e4chtnis innerhalb und au\u00dferhalb Japans herrscht ein anderer Eindruck vor; Bilder, die japanische Soldaten dabei zeigen, wie sie an chinesischen Kriegsgefangenen Bajonettangriffe \u00fcben, sind immer noch gegenw\u00e4rtig. Japans Regierung bestritt dennoch auf Anfrage aus der Opposition, es handele sich bei der Aufnahme in den Lehrplan um eine R\u00fcckkehr zum Militarismus der Vorkriegszeit.<br \/>\nEine \u00e4hnliche Argumentation verfolgt die Regierung auch gegen\u00fcber dem Gebrauch des Kaiserlichen Erziehungsedikts von 1890. Ins Gerede kam dieses von den USA w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs als ideologische Grundlage des japanischen Imperialismus identifizierte und seither von Generationen von Japanologen analysierte und sezierte Dokument, weil es ein dem Ministerpr\u00e4sidenten Abe Shinz\u014d \u5b89\u500d\u664b\u4e09 und seiner Ehefrau nahestehender Kindergarten in \u014csaka seine Z\u00f6glinge auswendig lernen l\u00e4\u00dft &#8212; so, wie es vor 1945 Brauch war. Vor wenigen Tagen erkl\u00e4rte Japans Kabinett, gegen den Gebrauch des Edikts im Unterricht spreche nichts, solange man sich im \u00fcbrigen an Verfassung und Erziehungsgrundsetz halte.<br \/>\nDas Muster ist in allen diesen F\u00e4llen unschwer zu erkennen: Keine offizielle Empfehlung, aber nichts spricht dagegen &#8230;<br \/>\nDiese vorgebliche Laisser-faire-Haltung der gegenw\u00e4rtigen Regierung ist neu. Noch unter dem erzkonservativen Ministerpr\u00e4sidenten <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nakasone_Yasuhiro\">Nakasone Yasuhiro<\/a> w\u00e4re sie undenkbar gewesen. Im Mai 1983 <a href=\"https:\/\/www.nikkan-gendai.com\/articles\/view\/news\/202811\/2\">erkl\u00e4rte<\/a> dessen Kultusminister vor dem Parlament, das Edikt passe nicht zum Geist der Nachkriegserziehung, und unterband Versuche, es im Unterricht zu nutzen.<br \/>\nGegen die jetzt von der Regierung Abe propagierte Verharmlosung des alten Edikts regt sich Widerstand. Selbst die ganz sicher nicht als linksliberal geltende Wirtschaftszeitung <em>Nihon Keizai Shinbun<\/em> erinnert in ihrem <a href=\"http:\/\/www.nikkei.com\/article\/DGXKZO15091960Z00C17A4EA1000\/\">Kommentar<\/a> daran, da\u00df das japanische Parlament 1948 mit gutem Grund nicht nur einige Stellen, sondern den gesamten Text des Edikts von 1890 au\u00dfer Kraft gesetzt hat, &#8222;weil es offensichtlich nicht zur gegenw\u00e4rtigen Verfassung pa\u00dft, die auf dem Prinzip der Volkssouver\u00e4nit\u00e4t beruht.&#8220; Die Zeitung folgert: &#8222;Es darf keinesfalls als heilige Schrift der Moralerziehung wieder ins Leben gerufen werden.&#8220;<br \/>\nAber genau das sehen einflu\u00dfreiche Kr\u00e4fte in Japans Regierung und den sie st\u00fctzenden Bewegungen anders. Was sie anstreben, ist eine neue Bildungspolitik, welche den Geist der Verfassung von 1946 Schritt f\u00fcr Schritt aush\u00f6hlt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 15. 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