{"id":5965,"date":"2017-03-30T10:02:00","date_gmt":"2017-03-30T08:02:00","guid":{"rendered":"http:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=5965"},"modified":"2017-03-30T10:10:25","modified_gmt":"2017-03-30T08:10:25","slug":"verlustgeschaefte-in-japan-business-as-usual","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=5965","title":{"rendered":"Verlustgesch\u00e4fte in Japan: Business as usual?"},"content":{"rendered":"<p>Der 31. M\u00e4rz ist in Japan f\u00fcr die meisten Unternehmen (und auch den Staat) Ultimo &#8212; das Ende des Gesch\u00e4ftsjahres und damit auch die letzte Chance, wichtige Informationen \u00fcber den Gang der Gesch\u00e4fte zu offenbaren. In mehreren spektakul\u00e4ren F\u00e4llen ist dies 2017 so gr\u00fcndlich danebengegangen, da\u00df man froh sein d\u00fcrfte, wenn endlich der 1. April da ist. Jedenfalls diejenigen Unternehmen, die den Schnitt \u00fcberstehen werden.<br \/>\nGanz open auf der Skandalliste steht nat\u00fcrlich <em>T\u014dshiba<\/em> \u6771\u829d, ein Riese der japanischen Elektro- und Elektronikbranche. Die Firmengeschichte reicht bis 1875 zur\u00fcck, doch erst w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges wuchs das Unternehmen zu einem Global Player, der sich auch in der Computerindustrie einen Namen machte. T\u014dshiba stieg auch in die Atomindustrie ein und verantwortete (zun\u00e4chst als Lizenznehmer amerikanischer Partner) den Bau u.a. von Reaktoren in Fukushima II. 2006 kaufte es schlie\u00dflich die Atom-Sparte von Westinghouse und wurde damit zum weltweit gr\u00f6\u00dften AKW-Bauer. Die Hoffnung war, Auftr\u00e4ge f\u00fcr den Neubau der in die Jahre gekommenen Atommeiler in aller Welt akquirieren zu k\u00f6nnen. Selten ist ein Gesch\u00e4ft so in die Hose gegangen wie dieses: Nach der Havarie von Fukushima II wurden weltweit Neubaupl\u00e4ne storniert oder die Sicherheitsanforderungen derart versch\u00e4rft, da\u00df T\u014dshibas Aussichten auf Gewinn verpufften. Nun hat man Westinghouse pleite gehen lassen. Schon 2015 geriet das Unternehmen in eine schwere Krise, als sich herausstellte, da\u00df man jahrelang Bilanzen gesch\u00f6nt hatte. Die Folge waren ein Verlust von Tausenden von Arbeitspl\u00e4tzen und der Verkauf der Sparten f\u00fcr Medizin und Haushaltsger\u00e4te.<br \/>\nF\u00fcr das nun endende Gesch\u00e4ftsjahr meldet T\u014dshiba einen Verlust von <a href=\"http:\/\/www.tokyo-np.co.jp\/s\/article\/2017032901001396.html\">mehr als 8 Mrd. Euro<\/a> an. Nun soll, um die Verluste aus der Atomwirtschaft zu decken, auch noch die lukrative Halbleiter-Sparte zum gr\u00f6\u00dferen Teil ver\u00e4u\u00dfert werden. Was dann von einem stolzen Unternehmen noch bleibt, sind Aufz\u00fcge, Klimaanlagen und \u00e4hnliches Kleinvieh &#8230; und Aufr\u00e4umarbeiten in japanischen Kernkraftwerken. Eines der nicht ganz seltenen japanischen Unternehmen, das von seinen eigenen Managern in den Sand gesetzt wurde (so auch Sharp, das 2016 zu zwei Dritteln an das taiwanische Foxconn verkauft werden mu\u00dfte). Auch f\u00fcr Deutschland wird T\u014dshibas Niedergang \u00fcbrigens Konsequenzen haben: Die Standorte in Neuss, D\u00fcsseldorf und Mannheim (Westinghouse) sind in die betroffenen Sparten involviert.<br \/>\nDie Dimension ist erheblich geringer, aber die japanischen Gem\u00fcter erregt in diesen Tagen auch die Insolvenz von <em>Tellme Club<\/em>, einem Anbieter von Billigreisen. Am 27.3. stellte das Unternehmen abrupt seine T\u00e4tigkeit ein. Das Geld f\u00fcr 26.000 bereits gebuchte Touren &#8212; rund 82 Mio. Euro &#8212; blieb es seinen Partnern <a href=\"http:\/\/www3.nhk.or.jp\/news\/html\/20170329\/k10010928951000.html\">schuldig<\/a>. Mehr als 50 Hochschulabsolventen, denen es Arbeitspl\u00e4tze ab dem 1. April zugesagt hatte, stehen nun vor dem <a href=\"http:\/\/www3.nhk.or.jp\/news\/html\/20170329\/k10010929121000.html\">Nichts<\/a>. Abgesehen von den geplatzten Reisetr\u00e4umen vieler erboster Kunden &#8230; Aber gesamtwirtschaftlich, wie gesagt, sind das Peanuts.<br \/>\nEin anderes Energieunternehmen, n\u00e4mlich <em>Kansai Electric Power<\/em> (Kepco), hat <a href=\"http:\/\/www.tokyo-np.co.jp\/s\/article\/2017033001000885.html\">zugegeben<\/a>, 22.400 Mitarbeitern Entlohnungen f\u00fcr \u00dcberstunden in H\u00f6he von fast 14 Mio. Euro schuldig zu sein. Das Geld soll im April nachgezahlt werden. Nun wird dies Kepco gewi\u00df nicht in die Insolvenz treiben. Doch beim Thema \u00dcberstunden wird in Japan zur Zeit sehr empfindlich reagiert, seitdem im Dezember 2016 der Pr\u00e4sident der Werbeagentur <em>Dents\u016b<\/em> seinen Hut nehmen mu\u00dfte, weil eine 24-j\u00e4hrige Mitarbeiterin zu Weihnachten 2015 vom Dach ihres firmeneigenen Wohnheims gesprungen war. In den 8 Monaten seit ihrem Eintritt in die Firma hatte sie Monat f\u00fcr Monat mehr als 100 \u00dcberstunden leisten m\u00fcssen &#8230;<br \/>\nSchlie\u00dflich noch ein Skandal mit politischen Folgewirkungen. Eine Privatschule in \u014csaka hat sich mit <a href=\"http:\/\/www3.nhk.or.jp\/news\/html\/20170324\/k10010922411000.html\">falschen Angaben<\/a> \u00fcber die Kosten eines geplanten Schulbaus staatliche Beihilfen erschwindelt und mu\u00df diese nun zur\u00fcckzahlen. Den Bauunternehmer hatte der Schulleiter dazu gebracht, drei verschiedene Kaufvertr\u00e4ge mit unterschiedlichen Baupreisen aufzusetzen, damit er die F\u00f6rderstellen t\u00e4uschen konnte. Die wirklichen Kosten beliefen sich auf rund 13 Mio. Euro, Stadt und Staat wurde nur die H\u00e4fte genannt. Aber der erschwindelte Zuschu\u00df ist nur die Spitze des Eisberges. Das Grundst\u00fcck, auf dem die neue Schule gebaut wird, geh\u00f6rte n\u00e4mlich urspr\u00fcnglich dem Staat und wurde vom Finanzministerium f\u00fcr einen Bruchteil des offiziellen Preises an die Schule verschleudert. Besonders anr\u00fcchig ist dabei, da\u00df der Schulleiter Leiter der lokalen Organisation des <em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nippon_Kaigi\">Nippon Kaigi<\/a><\/em> \u65e5\u672c\u4f1a\u8b70 ist, eines nationalistischen Verbandes, dem weite Teile der japanischen Regierung (darunter auch Finanzminister As\u014d Tar\u014d \u9ebb\u751f\u592a\u90ce und Premierminister Abe Shinz\u014d \u5b89\u500d\u664b\u4e09) sowie der Parlamentsabgeordneten der Liberaldemokratischen Partei nahestehen. Zum Programm dieser Truppe geh\u00f6ren die \u00c4nderung der Verfassung einschlie\u00dflich des Friedensartikels 9, ein Shint\u014d-Revival und eine stramm nationalistische Erziehungspolitik &#8230; Vorgelebt hat die Privatschule dieses Programm bereits in ihrer seit einigen Jahren betriebenen Grundschule, in der die Kinder u.a. Milit\u00e4rm\u00e4rsche und den knochenkonservativen Kaiserlichen Erziehungserla\u00df von 1890 auswendig lernen m\u00fcssen. Im Zusammenhang mit dem Bauskandal in \u014csaka ist dies alles ans Licht gekommen und hat ungl\u00e4ubiges Entsetzen bei den meisten Japanern ausgel\u00f6st. Verst\u00e4rkt noch durch die Tatsache, da\u00df die Frau des Premierministers, begleitet von Regierungsbeamten, im Kindergarten als Rednerin auftrat, dessen Erziehungsziele hoch lobte und &#8212; jedenfalls behauptet dies der Schulleiter &#8212; eine beachtliche Geldspende leistete. Abe und seine Frau streiten dies vehement ab, weil ihre Verwicklung in diese Aff\u00e4re politisch gef\u00e4hrlich ist. Die Opposition im Parlament, aber auch die Pr\u00e4fektur \u014csaka haben hier einen Hebel entdeckt, um dem ultrakonservativen Netzwerk am Zeug zu flicken, das Abe und seine Freunde seit Jahren aufbauen. Abe hat sogar seinen R\u00fccktritt f\u00fcr den Fall angeboten, da\u00df ihm eine Einflu\u00dfnahme auf den Schulbauskandal nachgewiesen wird &#8230;<br \/>\nDie Japaner sind jedenfalls mi\u00dftrauisch geworden. Die Popularit\u00e4t Abes hat laut Umfragen wegen dieser Aff\u00e4re sp\u00fcrbar nachgelassen. Und die Schule, die ab dem 1. April eigentlich ihren Betrieb aufnehmen wollte, hat daf\u00fcr viel zu wenige Anmeldungen erhalten &#8230; noch so ein Verlustgesch\u00e4ft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der 31. M\u00e4rz ist in Japan f\u00fcr die meisten Unternehmen (und auch den Staat) Ultimo &#8212; das Ende des Gesch\u00e4ftsjahres und damit auch die letzte Chance, wichtige Informationen \u00fcber den Gang der Gesch\u00e4fte zu offenbaren. In mehreren spektakul\u00e4ren F\u00e4llen ist dies 2017 so gr\u00fcndlich danebengegangen, da\u00df man froh sein d\u00fcrfte, wenn endlich der 1. April da ist. Jedenfalls diejenigen Unternehmen, die den Schnitt \u00fcberstehen werden. Ganz open auf der Skandalliste steht nat\u00fcrlich T\u014dshiba \u6771\u829d, ein Riese der japanischen Elektro- und Elektronikbranche. Die Firmengeschichte reicht bis 1875 zur\u00fcck, doch erst w\u00e4hrend [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"fifu_image_url":"","fifu_image_alt":"","footnotes":""},"categories":[28,207,126],"tags":[569,720,721,719,673],"class_list":{"0":"post-5965","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","6":"category-japan","7":"category-politik","8":"category-wirtschaft","9":"tag-abe-shinzo","10":"tag-nippon-kaigi","11":"tag-osaka","12":"tag-toshiba","13":"tag-wirtschaft","14":"bnp_pattern1","15":"cat-28-id","16":"cat-207-id","17":"cat-126-id"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5965","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5965"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5965\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5972,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5965\/revisions\/5972"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5965"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5965"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5965"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}