{"id":5947,"date":"2017-03-15T16:01:08","date_gmt":"2017-03-15T15:01:08","guid":{"rendered":"http:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=5947"},"modified":"2017-03-16T04:55:51","modified_gmt":"2017-03-16T03:55:51","slug":"filmkritik-am-rande-dieser-welt-kono-sekai-no-katasumi-ni","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=5947","title":{"rendered":"Filmkritik: Am Rande dieser Welt (Kono Sekai no Katasumi ni)"},"content":{"rendered":"<p>Der Abspann dieses im November 2016 in die japanischen Kinos gekommenen Anime ist besonders lang; denn er endet mit der Auflistung der Sponsoren: Erstaunlich viele Japaner waren bereit, durch <em>crowd funding<\/em> dem Regisseur Katabuchi Sunao \u7247\u6e15\u9808\u76f4 die Mittel in die Hand zu geben, um <em>Kono Sekai no Katasumi ni<\/em> \u3053\u306e\u4e16\u754c\u306e\u7247\u9685\u306b &#8212; &#8222;Am Rande dieser Welt&#8220; &#8212; zu drehen.<br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/en\/5\/54\/In_This_Corner_of_the_World_poster.jpeg\" alt=\"\" \/><br \/>\nKatabuchi ist in der Anime-Welt kein Unbekannter. Er geh\u00f6rte schon zu Miyazaki Hayaos Team, als dieser Anfang der 1980er Jahre die Sherlock Hound-Filme drehte. Er war auch 1989 f\u00fcr Miyazaki an der Produktion von <em>Majo no Takky\u016bbin<\/em> \u9b54\u5973\u306e\u5b85\u6025\u4fbf (&#8222;Kikis kleiner Lieferservice&#8220;) beteiligt und f\u00fchrte danach bei drei durchaus beachtlichen, wenngleich international weithin unbekannten Animes Regie. Sein Stil ist ganz fraglos am <em>Studio Ghibli<\/em> orientiert.<br \/>\nSein neuester Film l\u00e4uft seit vier Monaten in den japanischen Kinos, und das will durchaus etwas hei\u00dfen. Er ist in Japan mit Preisen \u00fcbersch\u00fcttet worden, u.a. als Bester Anime 2016, und soll in K\u00fcrze auch in \u00dcbersee starten.<br \/>\nAm Ende der Auff\u00fchrung, die ich besuchte, h\u00f6rte ich wieder einmal erwachsene Japaner sich ger\u00fchrt schneuzen. Das ist nicht unverst\u00e4ndlich. Die Heldin des Films, Suzu, w\u00e4chst in Hiroshima \u5e83\u5cf6 als ganz normales, zum Tr\u00e4umen neigendes Kind einer Durchschnittsfamilie auf. Aus heiterem Himmel stellt ihr, als sie gerade 19 ist, ein junger Mann einen Heiratsantrag. Sie ist ihm, wie sie sich erinnert, schon einmal begegnet &#8212; vor 10 Jahren auf der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Aioi-Br\u00fccke\">Aioi-Br\u00fccke<\/a> \u76f8\u751f\u6a4b. (An dieser Stelle wei\u00df bereits jeder Japaner, was folgen wird, denn die Aioi-Br\u00fccke ist nat\u00fcrlich jene Br\u00fccke, die als Ziel der Atombombe vom 6.8.1945 vorgesehen war.) Sie nimmt den Antrag z\u00f6gernd an und zieht zu ihrer neuen Familie nach <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kure\">Kure<\/a> \u5449, jenem Kriegshafen, der knapp eine Stunde von Hiroshima entfernt liegt. Ihr Mann ist lieb, ihre Schwiegereltern auch, doch die Schw\u00e4gerin gibt sich zickig. Sie lernt den Garten zu bestellen, zu kochen und all das zu tun, was von einer jungen Hausfrau erwartet wird. Nur wei\u00df sie nicht wirklich, warum sie dies tut. Am liebsten zeichnet sie, doch die Zeichnungen zeigen ihre Sehnsucht nach einer ganz anderen Welt.<br \/>\nWie jede Familie in der Gegend wird auch ihre erbarmungslos und St\u00fcck um St\u00fcck tiefer in den Zweiten Weltkrieg verwickelt. Bald fallen die ersten Bomben. Ihr Bruder kommt als erster ums Leben, ihr Schwiegervater wird schwer verwundet. Nach einem furchtbaren Bombenangriff stirbt an Suzus Seite Harumi, die Tochter ihrer Schw\u00e4gerin; sie selbst verliert dabei ihre rechte Hand. Ihre Schw\u00e4gerin grollt ihr, ihr Mann mu\u00df zur Marine, sie selbst kann nicht mehr zeichnen. Da \u00fcberredet ihre kleine Schwester sie, nach Hiroshima zur\u00fcckzugehen. Es ist Anfang August 1945, am 6. August soll in ihrer alten Heimat ein gro\u00dfes Fest stattfinden &#8230;<br \/>\nAm Anfang des Films erklingt ein Weihnachtslied. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Adeste_Fideles\">&#8222;Herbei, o ihr Gl\u00e4ubigen&#8220;<\/a>, klingt es \u00fcber die Aioi-Br\u00fccke. Suzu wird sp\u00e4ter noch einmal auf der Aioi-Br\u00fccke stehen. Das Schicksal bindet sie an dieses Ende der Welt.<br \/>\nDieser Film ist wahrlich nicht der erste in Japan, der die Atombombenabw\u00fcrfe oder die Bombardierungen oder das Leben im Krieg thematisiert. Deshalb fragt man sich beim Betrachten unaufh\u00f6rlich: Was ist hier anders? Was gibt es Neues?<br \/>\nIch bin etwas ratlos aus dem Kino gegangen. Zu Tr\u00e4nen ger\u00fchrt war ich nicht. Dies war, meine ich, auch nicht die Absicht des Regisseurs &#8212; zum Gl\u00fcck. Denn das ist anderen vor ihm bereits gelungen (ich nenne nur Takahatas &#8222;Grab der Gl\u00fchw\u00fcrmchen&#8220;). Als Antikriegsfilm kann man diesen Anime auch nicht bezeichnen. Die Ger\u00e4usche der anfliegenden Flugzeuge und der fallenden Bomben kommen dem Zuschauer zwar durchaus bedrohlich nah. Aber irgendwie finden sich die Menschen mit allem ab: mit den Schikanen durch die Milit\u00e4rpolizei, mit der Verknappung der Lebensmittel, mit den Bomben, mit den Toten &#8230; Die Reaktionen auf die Kapitulationserkl\u00e4rung vom 15. August 1945 sind bemerkenswert kurz. Von einem Geb\u00e4ude in der Nachbarschaft weht pl\u00f6tzlich die koreanische Flagge &#8230; und dann kommen die Amerikaner und verteilen Kaugummis.<br \/>\nIst doch alles gar nicht so schlimm gewesen. Soll das die Botschaft sein?<br \/>\nHoffentlich ja nicht. Hoffentlich geht es doch eher um ein durchschnittliches, junges M\u00e4dchen, das sich seiner Gef\u00fchle, seiner Tr\u00e4ume, seiner Lebensziele nicht sicher ist. Und das auf dieser Welt, wenn \u00fcberhaupt, eben nur ganz am Rande dieser Welt seinen bescheidenen Platz findet.<br \/>\nDie Bilder sind zart, Pastellfarben \u00fcberwiegen; die Animation ist sparsam und ohne Glanzeffekte, was ingesamt gut gef\u00e4llt. Der Soundtrack von <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Kotringo\">Kotringo<\/a> \u00fcberzeugt, ohne kitschig zu sein. Die stilsichere Hand von <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Madhouse_(company)\">Madhouse<\/a> hat ein durchaus beachtliches Werk hervorgebracht. Ob es international Bestand haben wird, mu\u00df sich erst noch zeigen. Entscheidend wird sein, ob es gelingen wird, eine (die?) Botschaft zu \u00fcbersetzen &#8230;<br \/>\nUnd das \u00dcbersetzen wird kein Spa\u00df sein. Im Film wird durchg\u00e4ngig im lokalen Dialekt von Hiroshima gesprochen &#8230; nicht ganz leicht zu folgen. Und vielleicht auch ein Grund, warum es f\u00fcr mich schwerer war, mich emotional ber\u00fchren zu lassen. Ohne gute Synchronisation wird dieser Film im Ausland untergehen.<br \/>\nEine letzte Frage ergibt sich ebenfalls aus dem Abspann: Die St\u00e4dte Kure und Hiroshima werden gleichfalls als Sponsoren genannt. Was sie damit wohl beabsichtigt haben? Bombentourismus? Hm. Viele offene Fragen &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Abspann dieses im November 2016 in die japanischen Kinos gekommenen Anime ist besonders lang; denn er endet mit der Auflistung der Sponsoren: Erstaunlich viele Japaner waren bereit, durch crowd funding dem Regisseur Katabuchi Sunao \u7247\u6e15\u9808\u76f4 die Mittel in die Hand zu geben, um Kono Sekai no Katasumi ni \u3053\u306e\u4e16\u754c\u306e\u7247\u9685\u306b &#8212; &#8222;Am Rande dieser Welt&#8220; &#8212; zu drehen. Katabuchi ist in der Anime-Welt kein Unbekannter. Er geh\u00f6rte schon zu Miyazaki Hayaos Team, als dieser Anfang der 1980er Jahre die Sherlock Hound-Filme drehte. 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