{"id":5919,"date":"2017-02-11T10:28:04","date_gmt":"2017-02-11T09:28:04","guid":{"rendered":"http:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=5919"},"modified":"2017-02-11T10:28:04","modified_gmt":"2017-02-11T09:28:04","slug":"tote-lehre-eine-bilanz-nach-20-jahren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=5919","title":{"rendered":"&#8222;Tote Lehre&#8220; &#8212; Eine Bilanz nach 20 Jahren"},"content":{"rendered":"<p>Der Leitartikel der &#8222;Frankfurter Allgemeinen Zeitung&#8220; vom 11.2.2017 von J\u00fcrgen Kaube tr\u00e4gt die \u00dcberschrift &#8222;Tote Lehre&#8220;. Er beklagt, da\u00df die Bildungsmisere, in der sich Deutschland offenkundig befindet, auch durch &#8222;Gleichg\u00fcltigkeit&#8220; auf Seiten der Lehrenden verursacht wurde &#8212; insbesondere in den Geisteswissenschaften.<br \/>\nGerade habe ich ein Wintersemester mit bis zu 14 Stunden Lehre pro Woche hinter mir. Im Sommer habe ich freundlicherweise, zum ersten Mal seit 2011, ein Forschungsfreisemester. Im Oktober, wenn ich mit der Lehre weitermache, werde ich exakt 20 Jahre Professor sein.<br \/>\nIn diesen 20 Jahren habe ich an vermutlich 60 Studienordnungen mitgewirkt &#8212; genau wei\u00df ich es nicht, weil ich die \u00dcbersicht verloren habe. Die Halbwertzeit einer Studienordnung, nach deren Regeln gelehrt und gelernt werden soll, betr\u00e4gt vielleicht zwei Jahre. Dann kommt eine &#8222;Reakkreditierung&#8220; oder eine andere, zumeist sinnfreie Intervention, die uns dazu zwingt, in zeitraubenden Sitzungen Kapazit\u00e4tsberechnungen, Modulbeschreibungen, Studiengangsberichte etc. neu auszuhandeln.<br \/>\nDabei bleibt freilich die Hauptsache auf der Strecke: Die Lehre. Das Verh\u00e4ltnis zu den &#8222;Studierenden&#8220; beschr\u00e4nkt sich auf das Einsammeln von Abwesenheitserkl\u00e4rungen, seit die NRW-Landesregierung vor zwei Jahren die Anwesenheitspflicht abgeschafft hat; das mechanische Abhaken von Listen von Voraussetzungen, damit ein Student endlich zu einer Pr\u00fcfung zugelassen werden darf; das Anh\u00f6ren von Referaten, die zum \u00fcberwiegenden Teil innerhalb einer Woche &#8212; also schlecht &#8212; vorbereitet werden; das Lesen von Hausarbeiten, die zum betr\u00e4chtlichen Teil genau so geschrieben sind, wie man es von schlecht vorbereiteten Sch\u00fclern erwartet: ohne pr\u00e4zise Fragestellung, in fehlerhaftem Deutsch, auf der Grundlage hastiger Recherchen, ohne Verst\u00e4ndnis f\u00fcr methodische Probleme. Es fehlt eben auch den Studenten die Zeit, die sie eigentlich br\u00e4uchten, um mit Tiefgang und geistiger Freiheit zu studieren. Der Fetisch, dem wir alle dienen, lautet: 3 + 2. 3 Jahre f\u00fcr den Bachelor, 2 Jahre f\u00fcr den Master; zusammen nicht mehr als 5 Jahre, in denen Abiturienten zu Akademikern reifen sollen. Das ist die Vorgabe des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bologna-Prozess\">Bologna-Systems<\/a>.<br \/>\nLeider funktioniert das nicht. Nirgendwo. Denn &#8222;Bologna&#8220; setzt nach seinen eigenen Vorgaben voraus, da\u00df Studenten rund ums Jahr &#8212; Semesterferien eingeschlossen &#8212; nahezu 40 Stunden in der Woche &#8222;arbeiten&#8220; (d.h.: studieren &#8212; einschlie\u00dflich Lekt\u00fcre und eigenen Recherchen). Nur dann w\u00e4re das Pensum in dieser Zeit zu bew\u00e4ltigen. Das tut aber so gut wie niemand (was auch fr\u00fcher nicht anders war), und deshalb verl\u00e4ngern sich die &#8222;Regelstudienzeiten&#8220; in der Praxis: 6 Jahre, 7 Jahre und sogar noch l\u00e4nger sind keine Seltenheit.<br \/>\nZum anderen sind die Vorkenntnisse der Abiturienten derma\u00dfen gering, da\u00df ein Ankn\u00fcpfen an Dinge, die ich vor 20 Jahren als Allgemeinbildung betrachtet h\u00e4tte, heute nicht mehr m\u00f6glich ist. In meinem Feld sehe ich das vor allem am R\u00fcckgang der F\u00e4higkeit, historische Vorg\u00e4nge einzusch\u00e4tzen. Kaum ein Student hat w\u00e4hrend seiner Schulzeit etwas \u00fcber die Fr\u00fche Neuzeit oder das 19. Jahrhundert geh\u00f6rt; wenn ich daher etwas \u00fcber <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Engelbert_Kaempfer\">Kaempfer<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Philipp_Franz_von_Siebold\">Siebold<\/a> erz\u00e4hle, kann dies kaum jemand mit dem Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg oder der Revolution von 1848 verbinden. S\u00e4mtliche Vergleiche zwischen europ\u00e4ischer und japanischer Geschichte sind f\u00fcr die heutigen Studenten nahezu so exotisch wie Vergleiche mit lateinamerikanischer Geschichte. Noch schlimmer ist: Viele k\u00f6nnen nicht einmal richtig lesen; und damit meine ich: exakt lesen, verstehend lesen, vergleichend lesen.<br \/>\nMeine j\u00fcngste Schlu\u00dffolgerung ist daher ganz simpel: Niemand hat etwas davon, wenn ich Fachidioten erziehe, die alles \u00fcber Tokugawa Ieyasu wissen, aber nichts \u00fcber den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Westf\u00e4lischer_Friede\">Westf\u00e4lischen Frieden<\/a>. Oder \u00fcber <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Yoshida_Sh\u014din\">Yoshida Sh\u014din<\/a>, aber nicht \u00fcber <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Immanuel_Kant\">Immanuel Kant<\/a>. Deshalb setze ich in Zukunft wieder st\u00e4rker auf Grundwissen und Grundfertigkeiten.<br \/>\nUnd ab der n\u00e4chsten Studienordnung, die jetzt in Arbeit ist und hoffentlich ab dem Wintersemester 2018\/19 in Kraft ist, wird es auch wieder Proseminare geben &#8212; was seit &#8222;Bologna&#8220; eigentlich v\u00f6llig verp\u00f6nt war.<br \/>\nDavor steht allerdings die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Akkreditierung_(Hochschule)\">Akkreditierung<\/a>. Sie wird je Studiengang etwas 25.000 Euro kosten. Das entspricht etwa dem Jahresgehalt einer halben Mitarbeiterstelle. Einer Stelle, die wir f\u00fcr die Lehre dringend br\u00e4uchten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Leitartikel der &#8222;Frankfurter Allgemeinen Zeitung&#8220; vom 11.2.2017 von J\u00fcrgen Kaube tr\u00e4gt die \u00dcberschrift &#8222;Tote Lehre&#8220;. Er beklagt, da\u00df die Bildungsmisere, in der sich Deutschland offenkundig befindet, auch durch &#8222;Gleichg\u00fcltigkeit&#8220; auf Seiten der Lehrenden verursacht wurde &#8212; insbesondere in den Geisteswissenschaften. Gerade habe ich ein Wintersemester mit bis zu 14 Stunden Lehre pro Woche hinter mir. Im Sommer habe ich freundlicherweise, zum ersten Mal seit 2011, ein Forschungsfreisemester. Im Oktober, wenn ich mit der Lehre weitermache, werde ich exakt 20 Jahre Professor sein. 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