{"id":5664,"date":"2016-09-21T17:23:03","date_gmt":"2016-09-21T15:23:03","guid":{"rendered":"http:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=5664"},"modified":"2016-09-21T18:36:50","modified_gmt":"2016-09-21T16:36:50","slug":"freiburg-erhaelt-doch-keine-trostfrauen-statue","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=5664","title":{"rendered":"Freiburg erh\u00e4lt doch keine &#8222;Trostfrauen&#8220;-Statue"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Freiburg_im_Breisgau\">Freiburgs<\/a> Oberb\u00fcrgermeister <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dieter_Salomon\">Dieter Salomon<\/a> sagte dem B\u00fcrgermeister der neuen Partnerstadt Freiburgs, der s\u00fcdkoreanischen Stadt <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Suwon\">Suwon<\/a> \u6c34\u539f, Ende August m\u00fcndlich zu, in einem \u00f6ffentlichen Park der Stadt eine Replik der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Trostfrauen\">&#8222;Trostfrauen&#8220;<\/a>-Statue zu errichten, welche seit mehreren Jahren f\u00fcr heftige Meinungsverschiedenheiten zwischen Korea und dem benachbarten Japan sorgt. Sie sollte am 10. Dezember, dem internationalen Menschenrechtstag, eingeweiht werden. Es w\u00e4re das erste Mal innerhalb Deutschlands und Europas gewesen, da\u00df eine solche Statue errichtet wird. <a href=\"http:\/\/www.dw.com\/de\/freiburg-und-die-trostfrau\/a-19563885\">Heute wurde bekannt<\/a>, da\u00df Salomon seine Zusage zur\u00fcckgezogen hat &#8212; die Statue wird also doch nicht nach Freiburg kommen.<br \/>\nUnd das ist richtig so.<br \/>\nDas Urbild dieser Statuen, eine jugendliche Frau mit sanftem Antlitz im traditionellen koreanischen Gewand, steht seit 2011 in Seoul, wenige Meter vor der japanischen Botschaft. Sie wurde auf private Initiative errichtet und soll an die w\u00f6chentlichen Protestaktionen vor dieser Botschaft gegen die japanische Politik erinnern, welche nach Auffassung der Unterst\u00fctzer zuwenig getan hat, um an den w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs von der japanischen Armee sexuell ausgebeuteten koreanischen Frauen Wiedergutmachung zu leisten. Der Streit um diese so genannten &#8222;Trostfrauen&#8220; geht bis in die 1990er Jahre zur\u00fcck. Er wurde Ende 2015 in einer Vereinbarung zwischen den Regierungen der beiden L\u00e4nder formell beigelegt, indem Japan Geld f\u00fcr eine Stiftung bereitstellte, welche die \u00fcberlebenden Frauen versorgen soll. Weiterhin <a href=\"?p=5066\">erkannte die koreanische Regierung an<\/a>, &#8222;da\u00df die japanische Regierung hinsichtlich der vor der japanischen Botschaft in S\u00fcdkorea befindlichen Frauenstatue unter den Gesichtspunkten der \u00f6ffentlichen Sicherheit und der Wahrung der W\u00fcrde besorgt ist&#8220;, und sagte zu, &#8222;durch Beratungen mit den betroffenen Vereinigungen&#8220; eine &#8222;angemessene L\u00f6sung&#8220; zu finden &#8212; was aus japanischer Sicht nur die Entfernung der Statue bedeuten kann.<br \/>\nDie Statue in Seoul steht immer noch am selben Platz, denn mit der Regierungsvereinbarung ist der Streit nicht wirklich befriedet worden: Weite Teile der s\u00fcdkoreanischen Zivilgesellschaft akzeptieren die mit Japan ausgehandelte \u00dcbereinkunft nicht. Sie tun dies von verschiedenen Standpunkten aus. F\u00fcr die einen spielt dabei offener Nationalismus die Hauptrolle; Japan habe in seiner Rolle als kolonialer Herrscher koreanische Frauen missbraucht, daf\u00fcr m\u00fcsse es Bu\u00dfe leisten, damit Korea diese nationale Schande \u00fcberwinden k\u00f6nne. F\u00fcr diese Gruppe ist es v\u00f6llig unerheblich, da\u00df es bei weitem nicht nur Koreanerinnen waren, die in japanischen Milit\u00e4rbordellen litten, und die Komplizenschaft koreanischer M\u00e4nner und Frauen, die Japan beim Aufbau dieses Prostitutionssystems unterst\u00fctzten, ist f\u00fcr sie ebenfalls kein Thema. Dies sieht der von der Frauenbewegung herkommende Widerstand anders; hier geht es darum, die Opferrolle der Frauen hervorzuheben und gegen die damals wie heute wirksamen Mechanismen des Patriarchalismus und der Unterdr\u00fcckung von Frauen insbesondere im Krieg anzuk\u00e4mpfen. Sie sprechen deshalb nicht von &#8222;Trostfrauen&#8220;, wie es der seinerzeit in Japan und Korea \u00fcbliche Euphemismus wollte, sondern von &#8222;Sexsklavinnen&#8220;. Darin treffen sie sich mit Diskursen, die weit \u00fcber Ostasien hinausgehen und sexuelle Gewalt gegen Frauen in vielen Kontexten anprangern. Japan tut sich schwer, die Verletzungen, die nicht nur seine Handlungen im Krieg, sondern auch sein Unterlassen nach dem Krieg bei seinen Nachbarn angerichtet haben, angemessen zu behandeln. Es beharrt darauf, sich in verschiedenen Formen seiner Verantwortung gestellt zu haben. Zu wenig und nicht aufrichtig genug, befinden viele Koreaner und verlangen nach Beistand durch die internationale V\u00f6lkergemeinschaft: Was eine japanisch-koreanische Kontroverse sein sollte, wurde exportiert. Das Hauptvehikel hierf\u00fcr sind Repliken der Statue in Seoul, die inzwischen in Nordamerika und Australien &#8212; meist auf Initiative dort lebender koreanischst\u00e4mmiger Migranten &#8212; errichtet wurden. Koreaner wie Japaner d\u00fcrften wohl darin einig sein, da\u00df die Statuen in erster Linie dazu dienen, koreanische Frauen als Opfer japanischer M\u00e4nner darzustellen. Sie sind als Anklage gedacht, durch die Japan in die moralische Defensive gedr\u00e4ngt werden soll.<br \/>\n<noscript><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/c7.staticflickr.com\/9\/8379\/8561139766_33fa03779f_c.jpg\" height=\"300px\" alt=\"\" \/><\/noscript><img decoding=\"async\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns='http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg'%20viewBox='0%200%20600%20800'%3E%3C\/svg%3E\" data-src=\"https:\/\/c7.staticflickr.com\/9\/8379\/8561139766_33fa03779f_c.jpg\" height=\"300px\" alt=\"\" \/class=\"lozad\" \/><br \/>\n<em><small>Die &#8222;Trostfrauen&#8220;-Statue in Seoul<\/small><\/em><br \/>\nDa\u00df der Oberb\u00fcrgermeister von Freiburg diese Zusammenh\u00e4nge nicht erkennt, ist best\u00fcrzend. Da\u00df ein deutscher Oberb\u00fcrgermeister in solchen Fragen allein entscheidet, ist ein Anachronismus. Gedenken l\u00e4\u00dft sich in Deutschland heute nicht mehr per <em>ordre de mufti<\/em> befehlen. Es kann nur als Resultat eines zivilgesellschaftlichen Aushandlungsprozesses entstehen. Dieter Salomon h\u00e4tte deshalb gut daran getan, sich die Praxis anderer Kommunen anzusehen, die mit der Statuenfrage konfrontiert wurden. Neben wir den hier bereits vorgestellten <a href=\"?p=4841\">Fall von Strathfield<\/a>, einer multikulturellen Vorstadt von Sydney. Als dort ein &#8222;Koreanisches Komitee&#8220; 2014 vorschlug, eine &#8222;Trostfrauen&#8220;-Statue aufzustellen, setzte die Stadt einen Berichterstatter ein, f\u00fchrte eine Umfrage in der Bev\u00f6lkerung durch und hielt eine \u00f6ffentliche Anh\u00f6rung im Rathaus ab. Der Berichterstatter warnte vor einer m\u00f6glichen &#8222;ethnischen Verunglimpfung&#8220; (<em>racial vilification<\/em>) durch das Denkmal. Die Umfrage ergab eine Mehrheit gegen die Statue. Bei der Anh\u00f6rung gab es Reden f\u00fcr und gegen den Vorschlag. Im August 2015 entschied der Stadtrat in \u00f6ffentlicher Sitzung &#8212; und lehnte den Vorschlag einstimmig ab. Was f\u00fcr Australien gilt, sollte auch f\u00fcr Freiburg gelten: Was dauerhaft in den \u00f6ffentlichen Raum soll, mu\u00df zuvor auch \u00f6ffentlich diskutiert werden.<br \/>\nDer Vorwurf der &#8222;ethnischen Verunglimpfung&#8220; wiegt schwer. In Freiburg wohnen zwar weder nennenswerte koreanische noch japanische Minderheiten. Die Stadt Freiburg besitzt jedoch nicht nur eine koreanische, sondern l\u00e4nger schon auch eine japanische Partnerstadt (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Matsuyama\">Matsuyama<\/a>). Durch das Vorgehen Salomons drohte diese Beziehung nun verletzt zu werden.<br \/>\nNoch schwerer wiegt freilich ein spezifisch deutscher Grund, der Salomons Versprechen zur moralischen Groteske werden l\u00e4\u00dft: Denn ausgerechnet Deutschland, das sich gern seines verantwortungsbewu\u00dften Umgangs mit den Untaten der Nazizeit r\u00fchmt, hat sich der Diskussion um die von ihm ausgegangene sexuelle Gewalt w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs bislang beharrlich verschlossen. Es ist schon l\u00e4ngst gekl\u00e4rt, da\u00df es in Konzentrationslagern SS-Bordelle gab; es ist dokumentiert, wie die Wehrmacht beim Einmarsch in Paris die j\u00fcdischen Bordelle in ihre Dienste nahm; es ist kein Geheimnis, da\u00df es an der Ostfront zu massenhaften Vergewaltigungen durch deutsche Soldaten kam. Aber einen \u00f6ffentlichen Diskurs dar\u00fcber, ein \u00f6ffentliches Eingest\u00e4ndnis, gar einen Versuch der Entschuldigung oder der Wiedergutmachung an den betroffenen Frauen hat es in Deutschland nie gegeben. Viel bequemer war es, Unwissen vorzusch\u00fctzen und zugleich den moralischen Finger gegen die Japaner zu erheben, die seit mehr als 20 Jahren versuchen, sich dieser Diskussion zu stellen. Sie sind dabei nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig erfolgreich und oftmals auch nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig aufrichtig gewesen. Aber damit stehen sie in dieser Frage immer noch besser da als die deutsche Gesellschaft, der es konvenierte, das Problem f\u00fcr ein rein japanisches zu erkl\u00e4ren. Deutschland hat Japan allein gelassen.<br \/>\nEine Statue, die mit schlechtem Gewissen errichtet wird, kann keine heilsame Wirkung entfalten &#8212; weder in Ostasien noch in Deutschland. Die Statue geh\u00f6rt nicht nach Freiburg. Ihr einzig sinnvoller Ort ist Japan selbst. Doch die Japaner sind noch nicht so weit, dies zu akzeptieren. Auch mit Druck von au\u00dfen und Freiburger Symbolpolitik wird man sie nicht dazu bewegen. Hier k\u00f6nnte Deutschland dennoch sinnvoll helfen: Indem es sich endlich seiner eigenen Verantwortung stellt und (z.B. in einer gemeinsamen historischen Kommission) mit Japan zusammen nach Vers\u00f6hnung sucht, mit den Frauen, denen Unrecht geschehen ist, ihren Familien und ihren Nationen. Deutschland ist den Weg der Wiedergutmachung und Vers\u00f6hnung schon so oft gegangen &#8212; nun hat es die Chance, ihn noch einmal zu gehen, gemeinsam mit einem Land, das sich auf diesem Weg verirrt hat und das sich genauso nach Frieden sehnt wie seine Opfer. Und unsere Opfer. Ein salomonisches Versprechen, seine eigene Verantwortung zu pr\u00fcfen und Japan auf seinem schweren Weg zu begleiten, w\u00e4re deshalb der angemessene Beginn einer wunderbaren deutsch-koreanischen St\u00e4dtefreundschaft.<br \/>\n<noscript><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/c5.staticflickr.com\/2\/1484\/26037785812_19c0d219a4_c.jpg\" height=\"300px\" \/><\/noscript><img decoding=\"async\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns='http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg'%20viewBox='0%200%20530%20800'%3E%3C\/svg%3E\" data-src=\"https:\/\/c5.staticflickr.com\/2\/1484\/26037785812_19c0d219a4_c.jpg\" height=\"300px\" \/class=\"lozad\" \/><br \/>\n<em><small>Denkmal f\u00fcr die &#8222;Trostfrauen&#8220; im japanischen Tateyama<\/small><\/small><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Freiburgs Oberb\u00fcrgermeister Dieter Salomon sagte dem B\u00fcrgermeister der neuen Partnerstadt Freiburgs, der s\u00fcdkoreanischen Stadt Suwon \u6c34\u539f, Ende August m\u00fcndlich zu, in einem \u00f6ffentlichen Park der Stadt eine Replik der &#8222;Trostfrauen&#8220;-Statue zu errichten, welche seit mehreren Jahren f\u00fcr heftige Meinungsverschiedenheiten zwischen Korea und dem benachbarten Japan sorgt. Sie sollte am 10. Dezember, dem internationalen Menschenrechtstag, eingeweiht werden. Es w\u00e4re das erste Mal innerhalb Deutschlands und Europas gewesen, da\u00df eine solche Statue errichtet wird. Heute wurde bekannt, da\u00df Salomon seine Zusage zur\u00fcckgezogen hat &#8212; die Statue wird also doch nicht nach Freiburg [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"fifu_image_url":"","fifu_image_alt":"","footnotes":""},"categories":[5,8,28,9],"tags":[201,403,550],"class_list":{"0":"post-5664","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","6":"category-diplomatie","7":"category-geschichte","8":"category-japan","9":"category-korea","10":"tag-deutschland","11":"tag-geschichtspolitik","12":"tag-trostfrauen","13":"bnp_pattern1","14":"cat-5-id","15":"cat-8-id","16":"cat-28-id","17":"cat-9-id"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5664","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5664"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5664\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5677,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5664\/revisions\/5677"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5664"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5664"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5664"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}