{"id":5589,"date":"2016-08-30T10:54:57","date_gmt":"2016-08-30T08:54:57","guid":{"rendered":"http:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=5589"},"modified":"2016-08-30T10:59:48","modified_gmt":"2016-08-30T08:59:48","slug":"gans-im-glueck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=5589","title":{"rendered":"Gans im Gl\u00fcck"},"content":{"rendered":"<p>G\u00e4nse sind V\u00f6gel, die in rechtwinkliger Formation fliegen k\u00f6nnen und deren Ordnungssinn sie dem Menschen \u00e4hnlich macht. Das ist jedenfalls die Erkl\u00e4rung daf\u00fcr, warum die alten Chinesen f\u00fcr diese Tierart ein Schriftzeichen schufen, das die Bestandteile f\u00fcr <em>Vogel<\/em> \u96b9, <em>rechten Winkel<\/em> \u5382 und <em>Mensch<\/em> \u4eba vereinte: \u96c1.<a name=\"a1\"><a href=\"#f1\"><sup>1<\/sup><\/a><\/a> Freilich erkl\u00e4rt dies noch nicht, warum sie ihm die Lesung (und damit den Namen) <em>gan<\/em> beilegten (damals <em>\u014b\u0103n<\/em> auszusprechen, also ungef\u00e4hr &#8222;ngan&#8220;; im modernen Chinesischen ist daraus <em>yan<\/em> geworden, im Japanischen blieb es <em>gan<\/em>.).<\/p>\n<p>Aber ein Blick auf die gl\u00fccklichen Streifeng\u00e4nse, die in M\u00fcnchens Englischem Garten direkt vor dem Japanischen Teehaus schwimmen, kl\u00e4rt auf. Denn die Streifengans ist, wie ihr lateinischer Name <em>anser indicus<\/em> verdeutlicht, ein Migrant aus S\u00fcd- und Zentralasien, was bedeutet, da\u00df sie auch in der Mongolei und in Teilen Chinas vorkommt. Ihr Sanskrit-Name lautet <em>hansa<\/em> \u0939\u0902\u0938, was auf das indogermanische Wort f\u00fcr diesen Vogel, n\u00e4mlich <em>ghans<\/em> (in Lautschrift: <em>g\u0311\u02b0\u00e1ns<\/em>), verweist.<\/p>\n<p><noscript><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/c1.staticflickr.com\/9\/8104\/28678250384_b3c9fabd2b_c.jpg\" alt=\"Streifengans im Englischen Garten in M\u00fcnchen\" \/><\/noscript><img decoding=\"async\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns='http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg'%20viewBox='0%200%20800%20530'%3E%3C\/svg%3E\" data-src=\"https:\/\/c1.staticflickr.com\/9\/8104\/28678250384_b3c9fabd2b_c.jpg\" alt=\"Streifengans im Englischen Garten in M\u00fcnchen\" \/class=\"lozad\" \/><\/p>\n<p>Und da liegt doch der Gedanke nahe, da\u00df es von <em>ghans<\/em> zu <em>gan<\/em> nicht ganz so weit sein und mit dem Zugvogel auch der Name zwischen Ost und West gewandert sein k\u00f6nnte. Also ein lebender Beweis daf\u00fcr ist, da\u00df Kiplings k\u00fchne Behauptung &#8222;East is East and West is West, and never the twain shall meet&#8220;<a name=\"a2\"><a href=\"#f2\"><sup>2<\/sup><\/a><\/a> schlicht falsch ist.<\/p>\n<p>In Indien gilt die Streifengans als Symbol und Flugger\u00e4t Brahmas, des Weltensch\u00f6pfers, und ihr Flug als Allegorie der Befreiung aus dem Rad der Wiedergeburt.<a name=\"a3\"><a href=\"#f3\"><sup>3<\/sup><\/a><\/a> Die Gans im Gl\u00fcck also, oder vielmehr die Gans ins Gl\u00fcck: Das pa\u00dft schon.<\/p>\n<hr>\n<p><a name=\"f1\"><a href=\"#a1\"><sup>1<\/sup><\/a><\/a> T\u014dd\u014d, Akiyasu: Gakken Kanwa Daijiten. T\u014dky\u014d: Gakush\u016b Kenky\u016bsha 1982, S. 1436.<br \/>\n<a name=\"f2\"><a href=\"#a2\"><sup>2<\/sup><\/a><\/a> Rudyard Kipling: &#8222;The Ballad of East and West&#8220; (1889). Das Zitat ist nat\u00fcrlich unvollst\u00e4ndig. Kipling f\u00e4hrt bekanntlich fort: &#8222;But there is neither East nor West, Border, nor Breed, nor Birth, When two strong men stand face to face.&#8220; Aber Kipling spricht hier von Menschen, nicht von V\u00f6geln, und deshalb ist es in meinem Kontext doch wieder richtig.<br \/>\n<a name=\"f3\"><a href=\"#a3\"><sup>3<\/sup><\/a><\/a> Verbreitet wird die Gans allerdings dort auch f\u00fcr einen Schwan gehalten. <em>Falsa demonstratio non nocet.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>G\u00e4nse sind V\u00f6gel, die in rechtwinkliger Formation fliegen k\u00f6nnen und deren Ordnungssinn sie dem Menschen \u00e4hnlich macht. 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