{"id":54,"date":"2008-01-17T09:12:57","date_gmt":"2008-01-17T08:12:57","guid":{"rendered":"http:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=54"},"modified":"2008-01-17T09:24:34","modified_gmt":"2008-01-17T08:24:34","slug":"blitzabsage-dotakyan-wenn-der-mut-zum-untergang-fehlt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=54","title":{"rendered":"Blitzabsage &#8222;Dotakyan&#8220;: Wenn der Mut zum Untergang fehlt &#8230;"},"content":{"rendered":"<p>In irgendeinem Mantel-und-Degen-Film aus Hollywood gab der Held einmal in voller action die folgende Lebensweisheit kund:<\/p>\n<blockquote><p>Wer verliert und flieht von hinnen, kann ein andermal gewinnen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist nicht sehr tapfer, aber auch nicht die schlechteste Strategie zum \u00dcberleben. Noch besser ist vielleicht nur, sich gar nicht zum Kampf zu stellen, wenn es an Siegeszuversicht fehlt.<br \/>\nDiese Strategie kultivieren zur Zeit Sch\u00fcler und Studenten diesseits und jenseits des Pazifiks in gro\u00dfer Meisterschaft: Man meldet sich (oder wird eingeteilt) f\u00fcr ein Referat &#8212; und kurz vor der Stunde, in der man es halten soll, meldet man sich krank. Per Email oder SMS. Jede Nachfrage ist damit unm\u00f6glich, die Stunde so gut wie geplatzt.<br \/>\nDie Japaner haben f\u00fcr diese Blitzabsage ein h\u00fcbsches neues Wort erfunden: <em>dotakyan<\/em> \u30c9\u30bf\u30ad\u30e3\u30f3. Das ist eine Abk\u00fcrzung aus <em>dotanba kyanseru. Kyanseru <\/em>kommt nat\u00fcrlich aus dem Englisch (to cancel). <em>Dotanba<\/em> \u571f\u58c7\u5834 ist ein sehr viel interessanteres Wort. So nannte man n\u00e4mlich in der Edo-Zeit (1600-1867) die \u00f6ffentliche Hinrichtungsst\u00e4tte, ein aus Erde (\u571f) aufgesch\u00fcttetes Podium (\u58c7); dort wurden die Leichen der Hingerichteten zur Schau gestellt.<br \/>\n<noscript><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/lh6.google.com\/KotobaVision\/R48QgCAGkZI\/AAAAAAAAAH0\/WvNDdTUItac\/dotanba.jpg\" alt=\"Dotanba\" \/><\/noscript><img decoding=\"async\" src=\"data:image\/svg+xml,%3Csvg%20xmlns='http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg'%20viewBox='0%200%20336%20217'%3E%3C\/svg%3E\" data-src=\"http:\/\/lh6.google.com\/KotobaVision\/R48QgCAGkZI\/AAAAAAAAAH0\/WvNDdTUItac\/dotanba.jpg\" alt=\"Dotanba\" \/class=\"lozad\" \/><br \/>\nDas Wort wurde im Sinne von Galgenhumor dann auch auf die Theaterb\u00fchne \u00fcbertragen, auf der schlechte Schauspieler ja zumindest symbolisch auch mit ihrer Hinrichtung durchs Publikum rechnen m\u00fcssen. Wenn sich dann ein Schauspieler kurz vor Beginn einer  Auff\u00fchrung vor dem drohenden Debakel dr\u00fcckte und wegen &#8222;Unp\u00e4\u00dflichkeit&#8220; absagte, dann lag die Neuwortpr\u00e4gung <em>dotanba kyanseru<\/em> nahe.<br \/>\nAus der Welt der Schauspieler ist das Wort sozusagen in der Alltagswelt angekommen: TV-Stars, die eine Liveshow kurzfristig stornieren; Sportler, die aus Angst vor einer Dopingkontrolle einen Unfall verursachen; Politiker, die einen \u00f6ffentlichen Auftritt wegen einer Erk\u00e4ltung absagen; und nun eben Sch\u00fcler und Studenten, denen nicht wohl ist angesichts einer drohenden Blamage im Unterricht &#8230;<br \/>\nDa lag es nahe, auch den Begriff zu verk\u00fcrzen, mit dem man diesen Eskapismus beschreibt. In ein paar Jahren wird sich niemand mehr daran erinnern, was <em>dotanba kyanseru<\/em> eigentlich bedeutete: Feigheit vor dem Feind. Weil es dann eine allgemein akzeptierte soziale Praxis geworden sein wird. Wenn als Konsequenz dann auch richtige Kriege kurzfristig abgeblasen werden, kann man es noch nicht einmal \u00fcbelnehmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In irgendeinem Mantel-und-Degen-Film aus Hollywood gab der Held einmal in voller action die folgende Lebensweisheit kund: Wer verliert und flieht von hinnen, kann ein andermal gewinnen. Das ist nicht sehr tapfer, aber auch nicht die schlechteste Strategie zum \u00dcberleben. Noch besser ist vielleicht nur, sich gar nicht zum Kampf zu stellen, wenn es an Siegeszuversicht fehlt. 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