{"id":5130,"date":"2016-03-16T08:30:44","date_gmt":"2016-03-16T07:30:44","guid":{"rendered":"http:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=5130"},"modified":"2016-03-16T13:51:20","modified_gmt":"2016-03-16T12:51:20","slug":"gruse-aus-fukushima-dorris-dorrie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=5130","title":{"rendered":"Gr\u00fc\u00dfe aus Fukushima (Dorris D\u00f6rrie)"},"content":{"rendered":"<p>Die Stadt <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Minamis\u014dma\">Minamis\u014dma<\/a> \u5357\u76f8\u99ac in der Pr\u00e4fektur Fukushima \u798f\u5cf6 ist Schauplatz des j\u00fcngsten Spielfilms von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Doris_D\u00f6rrie\">Dorris D\u00f6rrie<\/a>, der den wenig originellen Titel <em>Gr\u00fc\u00dfe aus Fukushima<\/em> tr\u00e4gt (international \u00fcbrigens angek\u00fcndigt unter dem noch schlimmeren Titel <em>Fukushima mon Amour<\/em>).<a name=\"r1\"><a href=\"#a1\"><sup>1<\/sup><\/a><\/a> Bereits 2008 hatte sich D\u00f6rrie in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kirschbl\u00fcten_\u2013_Hanami\">Kirschbl\u00fcten &#8212; Hanami<\/a> mit Japan befa\u00dft, und die japanische Schauspielerin <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Aya_Irizuki\">Irizuki Aya<\/a> \u5165\u6708\u7d62, die damals eine tragende Rolle spielte, erscheint auch in D\u00f6rries neuem Japan-Film in einer Nebenrolle: sie darf <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ukulele\">Ukulele<\/a> spielen, um die Bewohner einer provisorischen Siedlung (<em>kasetsu j\u016btaku<\/em> \u4eee\u8a2d\u4f4f\u5b85) zu bespa\u00dfen. Es handelt sich um Menschen, die nach dem Tsunami vom 11.3.2011 und dem Reaktorunfall im nahegelegenen Atomkraftwerk Fukushima II ihre H\u00e4user und Wohnungen verlassen mu\u00dften und die bis heute weder ein neues Zuhause gefunden haben noch in ihre alte Heimat zur\u00fcckkehren durften. Ganz \u00fcberwiegend handelt es sich um Alte, denen Mut, Kraft und Geld fehlen, um noch einmal neu anzufangen.<br \/>\nUm den Lebensmut dieser Menschen zu erhalten, engagieren sich seit 2011 zahlreiche Freiwillige. Zu ihnen geh\u00f6rt auch die Organisation Clowns4Help, die das Konzept des <em>social clowning<\/em> verfolgt. Ihnen geht es um <a href=\"http:\/\/www.clownswithoutborders.org\">&#8222;resilience through laughter&#8220;<\/a>, und man scheut sich ein wenig, dies ins Deutsche zu \u00fcbersetzen, denn allzu leicht kommt dabei <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kraft_durch_Freude\">&#8222;Kraft durch Freude&#8220;<\/a> heraus. So wie bei den Nazis ist es nat\u00fcrlich nicht gemeint; vielmehr geht es darum, bei Menschen, die in kollektiven Krisen stecken, Lebensmut zu mobilisieren.<br \/>\nPech nur, wenn die Clowns, die dies vermitteln sollen, selbst in einer Krise gefangen sind. Genau darum geht es in diesem Film. Die junge deutsche Heldin mit dem programmatischen Namen Marie (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rosalie_Thomass\">Rosalie Thomass<\/a>) hat sich ihre eigene Hochzeitsfeier vermasselt und flieht vor sich selbst nach Fukushima, weil sie hofft, dort auf Menschen zu treffen, die noch ungl\u00fccklicher sind als sie selbst. Sie tritt dort auf wie der sprichw\u00f6rtliche Elefant im Porzellanladen, bis sie <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kaori_Momoi\">Momoi Kaori<\/a> \u6843\u4e95\u304b\u304a\u308a begegnet, einem richtig gro\u00dfen Namen des japanischen Filmgesch\u00e4fts. Deutsche Kinog\u00e4nger kennen sie mindestens aus Kurosawas <em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kagemusha_\u2013_Der_Schatten_des_Kriegers\">Kagemusha<\/a><\/em> (1980). Unter D\u00f6rries Regie spielt Momoi &#8222;die letzte Geisha&#8220; des Ortes, die mit Hilfe von Marie in ihr vom Tsunami zerst\u00f6rtes Haus zur\u00fcckkehrt. Es stellt sich heraus, da\u00df die junge Deutsche und die alternde Japanerin beide von b\u00f6sen Geistern heimgesucht werden: Schuldgef\u00fchle belasten sie so stark, da\u00df sie kurz vorm Selbstmord stehen. Erst im gemeinsamen Umgang mit ihren Erinnerungen (Gespr\u00e4che kann man das kaum nennen, denn es reicht auf beiden Seiten nur f\u00fcr holpriges Englisch) \u00fcberwinden sie die Vergangenheit. Nebenbei lernt die Deutsche ein paar grundlegende Benimmregeln (wie man anst\u00e4ndig sitzt) und wie man eine Tasse Tee genie\u00dft, was durchaus klischeehaft und wie ein Zitat aus Arnold Fanks <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Die_Tochter_des_Samurai\">Die Tochter des Samurai<\/a> wirkt. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ruth_Eweler\">Ruth Eweler<\/a>, die deutsche Hauptdarstellerin von 1937, war damals \u00fcbrigens genauso blond wie Rosalie Thomass heute und hatte auch genauso viel Angst vor Erdbeben, und der Buddhismus mu\u00dfte schon damals daf\u00fcr herhalten, um solche \u00c4ngste zu beruhigen.<br \/>\nGenau wie Eweler seinerzeit der Versuchung widerstand, in Japan zu bleiben, kehrt auch Thomass am Ende in ihre Heimat zur\u00fcck. Eine weitere, sicher nicht zuf\u00e4llige Parallele: D\u00f6rries Film ist komplett in Schwarz-Wei\u00df gehalten.<br \/>\nTrotz aller Klischees ist der Film unterhaltsam, stellenweise dank der gro\u00dfartigen Momoi sogar am\u00fcsant. Da\u00df er im \u00dcberma\u00df sozialkritisch w\u00e4re, kann man wirklich nicht behaupten. Es geht um zwei Protagonistinnen, deren Krisen letztlich selbstverschuldet sind.<br \/>\nRadioaktivit\u00e4t kommt zum Gl\u00fcck nur kleindosiert vor (wiederum klischeehaft, aber vielleicht nicht ohne Realit\u00e4tsbezug: die Deutsche mi\u00dft am Anfang panisch die Strahlenbelastung in der Luft), der Bezug zum Atomkraftwerk wird lediglich im Abspann wie eine Pflicht\u00fcbung durch einige Standbilder von Anti-Atomkraft-Demonstrationen hergestellt. Einige dramatische Sequenzen bringen dagegen den gro\u00dfen Tsunami von 2011 ins Bild, dessen Verw\u00fcstungsspuren bis heute erhalten sind.<br \/>\nEs ist sicher kein sonderlich tiefsch\u00fcrfender Film, der unsere Sicht auf die japanische Welt grundst\u00fcrzend ver\u00e4ndern k\u00f6nnte. Ich habe den Kinobesuch dennoch nicht bereut. Er ruft Erinnerungen an 2011 wach, die mir &#8212; f\u00fcnf Jahre nach den Geschehnissen &#8212; immer noch nahegehen, und er tut dies dankenswerter Weise ohne den Anspruch, belehren zu wollen. Wenn er eine Botschaft vermitteln will, dann wohl diese: Wir k\u00f6nnen unser Leid miteinander teilen, wenn wir bereit sind, mit den Augen des Anderen zu sehen.<\/p>\n<hr>\n<h2>Anmerkungen<\/h2>\n<p><a name=\"a1\"><a href=\"#r1\"><sup>1<\/sup><\/a><\/a> Um klarzustellen, worauf sich meine Kritik bezieht: Der Bezug zu Alain Resnais&#8216; <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hiroshima,_mon_amour\">&#8222;Hiroshima mon amour&#8220;<\/a> von 1959 ist mir schon bewu\u00dft. Aber es gibt &#8222;Fukushima mon amour&#8220; jetzt bereits mehrfach (u.a. das <a href=\"http:\/\/fukushimamonamour.com\">Butoh-Projekt<\/a> von <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Tadashi_Endo\">End\u014d Takashi<\/a>, der mit Dorris D\u00f6rie wohlbekannt ist, und den <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Fukushima-mon-amour-japanische-Literatur-Literatur\/dp\/3455403522\">Roman<\/a> von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Daniel_de_Roulet\">Daniel de Roulet<\/a>), so da\u00df von &#8222;originell&#8220; nun wirklich nicht mehr die Rede sein kann. Der Bezug zum AKW Fukushima ersch\u00f6pft sich in D\u00f6rries Film zudem in symbolischen Bez\u00fcgen zur Radioaktivit\u00e4t und Hinweisen auf gesperrte Stra\u00dfen. Nichts davon ist allerdings f\u00fcr die Handlung wesentlich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Stadt Minamis\u014dma \u5357\u76f8\u99ac in der Pr\u00e4fektur Fukushima \u798f\u5cf6 ist Schauplatz des j\u00fcngsten Spielfilms von Dorris D\u00f6rrie, der den wenig originellen Titel Gr\u00fc\u00dfe aus Fukushima tr\u00e4gt (international \u00fcbrigens angek\u00fcndigt unter dem noch schlimmeren Titel Fukushima mon Amour).1 Bereits 2008 hatte sich D\u00f6rrie in Kirschbl\u00fcten &#8212; Hanami mit Japan befa\u00dft, und die japanische Schauspielerin Irizuki Aya \u5165\u6708\u7d62, die damals eine tragende Rolle spielte, erscheint auch in D\u00f6rries neuem Japan-Film in einer Nebenrolle: sie darf Ukulele spielen, um die Bewohner einer provisorischen Siedlung (kasetsu j\u016btaku \u4eee\u8a2d\u4f4f\u5b85) zu bespa\u00dfen. Es handelt sich um [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"fifu_image_url":"","fifu_image_alt":"","footnotes":""},"categories":[112],"tags":[693,672,467,460],"class_list":{"0":"post-5130","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","6":"category-film","7":"tag-dorris-dorrie","8":"tag-film","9":"tag-fukushima","10":"tag-tsunami","11":"bnp_pattern1","12":"cat-112-id"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5130","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5130"}],"version-history":[{"count":20,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5130\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5151,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5130\/revisions\/5151"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5130"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5130"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5130"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}