{"id":4929,"date":"2015-10-08T15:22:17","date_gmt":"2015-10-08T13:22:17","guid":{"rendered":"http:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=4929"},"modified":"2015-10-08T15:22:17","modified_gmt":"2015-10-08T13:22:17","slug":"nimmt-schilddrusenkrebs-bei-kindern-in-fukushima-wirklich-zu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=4929","title":{"rendered":"Nimmt Schilddr\u00fcsenkrebs bei Kindern in Fukushima wirklich zu?"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr <a href=\"http:\/\/www.japantimes.co.jp\/news\/2015\/10\/07\/national\/science-health\/new-report-links-thyroid-cancer-rise-fukushima-nuclear-crisis\/\">mediale Aufregung<\/a> sorgt der <a href=\"http:\/\/journals.lww.com\/epidem\/Abstract\/publishahead\/Thyroid_Cancer_Detection_by_Ultrasound_Among.99115.aspx\">Aufsatz<\/a> eines japanischen Forschungsteams, der in der Oktober-Ausgabe der Online-Zeitschrift <em>Epidemology<\/em> erschienen ist. Die Autoren, angef\u00fchrt von Tsuda Toshihide \u6d25\u7530\u654f\u79c0 von der Universit\u00e4t Okayama, haben darin die Ergebnisse der ersten Reihenuntersuchungen an den Schilddr\u00fcsen von rund 300.000 Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahren in der Pr\u00e4fektur Fukushima seit 2011 untersucht und kommen zu dem Schlu\u00df, die dabei entdeckten 110 F\u00e4lle von Schilddr\u00fcsenkrebs bedeuteten &#8222;einen etwa 30-fachen Anstieg der Anzahl von F\u00e4llen von Schilddr\u00fcsenkrebs unter Kindern und Heranwachsenden&#8220; gegen\u00fcber dem nicht der Strahlung aus dem AKW-Unfall von Fukushima ausgesetzten Rest Japans. Daraus schlie\u00dfen sie umgekehrt, da\u00df die Strahlenbelastung der Bev\u00f6lkerung von Fukushima &#8222;betr\u00e4chtlich h\u00f6her&#8220; gewesen sein k\u00f6nne als bisher angenommen. Da\u00df die hohe Fallzahl auf einen &#8222;Screening-Effekt&#8220; zur\u00fcckgef\u00fchrt werden k\u00f6nne (also die durch die Reihenuntersuchung erfolgte Entdeckung von Krebserkrankungen in einem Anfangsstadium, die normalerweise wesentlich sp\u00e4ter oder nie erfolgt w\u00e4re und damit die Statistik verzerrt), halten die Autoren f\u00fcr &#8222;unwahrscheinlich&#8220;.<br \/>\nTsuda und sein Team haben diese Bewertung allerdings bereits seit 2013 \u00f6ffentlich vertreten. Unterst\u00fctzung erhalten sie vor allem aus dem Lager derjenigen, die schon vor den epidemologischen Folgen der Tschernobyl-Katastrophe warn(t)en, wie der schweizerische Biophotoniker Marcel Leutenegger, der die Daten der Schweizer Krebsstatistik heranzieht, um einen Screening-Effekt in Fukushima <a href=\"http:\/\/blogs.epfl.ch\/article\/43192\">auszuschlie\u00dfen<\/a>; dieser k\u00f6nne maximal einen Anstieg der Zahlen um das Zwei- oder Dreifache erkl\u00e4ren.<br \/>\nAber so einfach ist die Sache nicht. Ausgerechnet das benachbarte S\u00fcdkorea ist von einem &#8222;Schilddr\u00fcsenkrebs-Tsunami&#8220; \u00fcberrollt worden, wie sich <a href=\"http:\/\/www.nytimes.com\/2014\/11\/06\/health\/study-warns-against-overdiagnosis-of-thyroid-cancer.html?_r=0\">ein Experte ausdr\u00fcckte<\/a>: Binnen zwei Jahrzehnten stieg dort die Zahl der entdeckten Schilddr\u00fcsenkrebse um das F\u00fcnfzehnfache. Und zwar exakt, seit die dortige Regierung vor 15 Jahren regelm\u00e4\u00dfige Krebsvorsorgeuntersuchungen verordnete. Nun gilt dort Schilddr\u00fcsenkrebs als die h\u00e4ufigste aller Krebsarten. Allerdings ist die Zahl der dieser Krebsart zuzuordnenden Todesf\u00e4lle im selben Zeitraum kaum gestiegen. Wissenschaftler sind sich deshalb einig, da\u00df der Anstieg einen klassischen Fall von Screening-Effekt darstellt: Der latent vorhandene Krebs ist durch die Untersuchungen lediglich sichtbarer geworden. &#8222;\u00dcberdiagnose&#8220;, konstatieren die Wissenschaftler &#8212; und zwar mit durchaus gef\u00e4hrlichen Ergebnissen, denn die Nebenwirkungen einer \u00fcberfl\u00fcssigen Behandlung von Schilddr\u00fcsenkrebs k\u00f6nnen zu erheblichen Einschr\u00e4nkungen der Lebensqualit\u00e4t f\u00fchren.<br \/>\nDie Untersuchungsergebnisse in S\u00fcdkorea entstanden nicht durch Reihenuntersuchungen, sondern beim Hausarzt-Besuch. Sie beschr\u00e4nkten sich auch nicht auf Kinder und Jugendliche, deren Schilddr\u00fcsen wesentlich anf\u00e4lliger f\u00fcr Krebs sind als diejenigen von Erwachsenen. So ist zu vermuten, da\u00df der Anstieg beschr\u00e4nkt auf diese Altersgruppe noch erheblich deutlicher &#8212; die Forschung spricht vom 25-fachen gegen\u00fcber Erwachsenen &#8212; ausgefallen w\u00e4re. Stellen wir dies in Rechnung und nehmen an, da\u00df bei \u00e4hnlichen Diagnoseverfahren wie in S\u00fcdkorea auch in Japan w\u00e4hrend der letzten 15 Jahre ein \u00e4hnlicher Anstieg der Fallzahlen zu erwarten gewesen w\u00e4re, lassen sich die Ergebnisse aus Fukushima tats\u00e4chlich doch als Screening-Effekt interpretieren. Es besteht demnach kein Grund, die Ergebnisse aus Fukushima \u00fcberm\u00e4\u00dfig zu dramatisieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr mediale Aufregung sorgt der Aufsatz eines japanischen Forschungsteams, der in der Oktober-Ausgabe der Online-Zeitschrift Epidemology erschienen ist. 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