{"id":4857,"date":"2015-08-15T03:55:03","date_gmt":"2015-08-15T01:55:03","guid":{"rendered":"http:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=4857"},"modified":"2015-08-18T11:20:33","modified_gmt":"2015-08-18T09:20:33","slug":"eine-rede-ohne-mich-abes-blick-auf-japans-vergangenheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=4857","title":{"rendered":"Eine Rede ohne mich: Abes Blick auf Japans Vergangenheit"},"content":{"rendered":"<p>Die <a href=\"?p=4850\">Rede von Abe Shinz\u014d<\/a> \u5b89\u500d\u664b\u4e09 zum 70. Jahrestag des Kriegsendes vom 14.8.2015 gliedert sich in vier Teile, deren Gedankengang ich im folgenden darstelle und kommentiere, bevor ich zu einer Gesamtw\u00fcrdigung komme.<\/p>\n<h3>Der Weg in den Krieg<\/h3>\n<p><em>Der westliche Kolonialismus bedroht im 19. Jahrhundert die Welt (und f\u00fchrt zum Ersten Weltkrieg). Nach dem Ersten Weltkrieg wird nationale Selbstbestimmung gefordert. Japan schlie\u00dft sich dem an, ger\u00e4t aber durch Weltwirtschaftskrise (und anderes?) in Isolierung. Japan trifft die falsche Richtungsentscheidung und wird zur Bedrohung der Weltgesellschaft, weil es nur an sich selbst denkt.<\/em><\/p>\n<h6>Kommentar<\/h6>\n<p>Abe sucht nach einer Erkl\u00e4rung, warum Japan zur &#8222;Bedrohung der Weltgesellschaft&#8220; werden konnte. Er findet sie letztlich in der Aufteilung der Welt durch die westlichen Kolonialm\u00e4chte, die Japan keinen Raum zur freien Entfaltung gegeben h\u00e4tten. In dieser Krise habe Japan sich falsch, n\u00e4mlich f\u00fcr Gewalt, entschieden. Was Abe hier nicht sagt: Japan ist bereits vor dem Ersten Weltkrieg und der Weltwirtschaftskrise selbst Kolonialmacht geworden (Taiwan, Korea) und hat Gewalt angewendet, um sich Raum zu verschaffen und sein eigenes Wirtschaftsimperium aufzubauen. Die falsche Entscheidung, die Abe bem\u00e4ngelt, traf Japan demnach in den 1870er Jahren. Folglich beruhte die gesamte moderne Geschichte Japans auf einem fatalen Irrtum. Es w\u00e4re also besser f\u00fcr die Welt gewesen, die Tokugawa w\u00e4ren nie gest\u00fcrzt und Japan bis heute ein feudaler Bundesstaat geblieben. So kann man die Geschichte nat\u00fcrlich auch sehen. :-) Aber hat Abe das wirklich gemeint? <\/p>\n<h3>Die Folgen des Krieges<\/h3>\n<p><em>3 Millionen Japaner sind gestorben, in anderen L\u00e4ndern sind auch unz\u00e4hlige junge Menschen und unschuldige B\u00fcrger ums Leben gekommen, und Ehre und W\u00fcrde von Frauen wurden verletzt. Japan ist daf\u00fcr verantwortlich.<\/em><\/p>\n<h6>Kommentar<\/h6>\n<p>Das ist alles nicht zu bezweifeln. Es bleibt aber extrem unpers\u00f6nlich. Die T\u00e4ter werden nie genannt; die konkretesten Aussagen fallen zu den Leiden der Japaner, alle anderen werden schlicht &#8222;unz\u00e4hlig&#8220;; wer die in ihrer W\u00fcrde und Ehre verletzten Frauen sind (nat\u00fcrlich meint Abe die &#8222;Trostfrauen&#8220;), bleibt ungesagt. D\u00fcrftiger geht es nicht, und die Nachbarn werden sich nicht dar\u00fcber freuen, da\u00df Abe mit den Leiden der T\u00e4ter beginnt und die Namen der Opfer verschweigt. Abe benutzt immerhin die Schl\u00fcsselw\u00f6rter, die seine Vorg\u00e4nger in ihren Reden bereits benutzt haben, und setzt damit formal (allerdings auf dem kleinsten denkbaren gemeinsamen Nenner) deren Tradition fort.<\/p>\n<h3>Die \u00dcberwindung des Krieges<\/h3>\n<p><em>Japan darf nie wieder mit Gewalt drohen oder anwenden. Der Kolonialismus mu\u00df \u00fcberwunden werden. Das Selbstbestimmungsrecht mu\u00df geachtet werden. Japan ist seit 70 Jahren Friedensstaat. Japan hat mehrfach Reue und Abbitte ge\u00e4u\u00dfert und Wiedergutmachung geleistet. Das soll so bleiben, auch wenn dadurch nichts ungeschehen gemacht wird. Vers\u00f6hnung wurde m\u00f6glich, weil die Opfer (Chinesen, Kriegsgefangene) ihr Leid \u00fcberwunden haben und f\u00fcr Vers\u00f6hnung eingetreten sind. Japans kommende Generationen sollen nicht mehr um Entschuldigung bitten m\u00fcssen, aber sie m\u00fcssen die Vergangenheit kennen. Japans Aufgabe ist, Frieden und Wohlstand \u00fcberall zu sichern.<\/em><\/p>\n<h6>Kommentar<\/h6>\n<p>Abe bem\u00fcht sich zu zeigen, da\u00df das heutige Japan anders ist als vor dem Krieg. Er erkennt an, da\u00df die Opfer gro\u00dfz\u00fcgig genug waren, um Japan die Hand zur Vers\u00f6hnung zu reichen. So weit, so gut. Freilich erw\u00e4hnt er nur Chinesen und westliche Kriegsgefangene; offenbar fehlt also z.B. den Koreanern der Wille zur Vers\u00f6hnung. (So sieht es Japans Rechte, und teilweise stimmt dies auch; es greift aber dennoch zu kurz.) Da\u00df die k\u00fcnftigen Generationen die Geschichte kennen sollen, ist v\u00f6llig richtig. Da\u00df sie nie mehr um Entschuldigung bitten sollen, ist eine verbl\u00fcffende Aussage, aber immerhin ein Schritt \u00fcber Abes bisherige Position hinaus, da\u00df Japan bereits heute genug Abbitte geleistet habe. Abe tut dies ja in dieser Rede ausdr\u00fccklich noch einmal, sagt aber zugleich: Das war das letzte Mal. Da es auch den Nachbarv\u00f6lkern inzwischen weitgehend reicht, alle paar Jahre immer dasselbe von japanischen Politikern zu h\u00f6ren, ist das auch nicht ganz falsch. Aber in manchen Belangen &#8212; Zwangsarbeiter, &#8222;Trostfrauen&#8220; &#8212; reicht es bisher und auch diesmal ganz sicher nicht.<\/p>\n<h3>Lehren aus dem Krieg<\/h3>\n<p><em>Kein Konflikt darf mit Gewalt gel\u00f6st werden. Atomwaffen m\u00fcssen abgeschafft werden. Frauen m\u00fcssen gesch\u00fctzt werden. Die Weltwirtschaft mu\u00df frei, gerecht und offen sein. Armut mu\u00df weltweit bek\u00e4mpft werden. Japan mu\u00df mit L\u00e4ndern kooperieren, die dieselben Werte vertreten.<\/em><\/p>\n<h6>Kommentar<\/h6>\n<p>Hier spricht der nach vorne blickende Weltpolitiker. Er redet nat\u00fcrlich nicht ohne Doppelb\u00f6digkeit. &#8222;Keine Gewalt&#8220; meint hier nat\u00fcrlich Nordkorea, Ru\u00dfland, China. &#8222;Kooperation&#8220; meint nat\u00fcrlich die USA, mit denen Japan nach Abes Vorstellung ein System der kollektiven Selbstverteidigung aufbauen soll. D.h., der aktive Kampf gegen Armut und f\u00fcr die freie Weltwirtschaft schlie\u00dft milit\u00e4rische B\u00fcndnisse nicht aus. Damit \u00f6ffnet sich Abe die n\u00f6tige Hintert\u00fcr f\u00fcr seine &#8222;Neuinterpretation&#8220; der japanischen Friedensverfassung. Aber welche heute im Sterben liegende &#8222;Trostfrau&#8220; wird es tr\u00f6sten, da\u00df die Frauen der Welt sich in Zukunft an Japan &#8222;ankuscheln&#8220; sollen (eine m\u00f6gliche andere \u00dcbersetzung von <em>yorisou<\/em> \u5bc4\u308a\u6dfb\u3046)?<\/p>\n<h3>Eine Rede ohne mich<\/h3>\n<p>Die Rede ist ungew\u00f6hnlich lang ausgefallen (und wiederholt sich gelegentlich), weil Abe sichtlich Schwierigkeiten hat, eine Position zu formulieren, die seine bisher ge\u00e4u\u00dferten historischen Positionen einigerma\u00dfen kompatibel zum historischen Common Sense macht. Er sagt deshalb nicht: Japans Krieg war ein antikolonialistischer Befreiungskrieg gegen den Westen (was vieler seiner rechten Freunde so sagen); der Krieg beginnt (richtigerweise) f\u00fcr ihn nicht erst 1941 (Pearl Harbor), sondern bereits mit Japans Intervention in der Manjurei 1931. Doch erw\u00e4hnt er den Kolonialismus derma\u00dfen penetrant (und verschweigt Japans eigenen Kolonialismus), da\u00df auch die Deutung als Befreiungskrieg nicht v\u00f6llig ausgeschlossen wird. Er sagt nicht: Japan war das Opfer des westlichen Imperialismus und Rassismus (was viele seiner Freunde sagen). Immerhin gibt er Japan die Verantwortung f\u00fcr eine historisch falsche Weichenstellung, n\u00e4mlich die Entscheidung f\u00fcr die Gewalt. Das ist l\u00f6blich und ein Fortschritt. Er sagt nicht: &#8222;die japanische Armee&#8220;, sondern &#8222;Japan&#8220; (selbst da, wo es offenkundig widerspr\u00fcchlich ist); damit vermeidet er es, die Gef\u00fchle der ihn treu bei seinen Wahlkampagnen unterst\u00fctzenden Hinterbliebenenverb\u00e4nde zu verletzen, und verwischt wieder einmal die Spuren pers\u00f6nlicher Verantwortung. Wer letztlich was getan hat, bleibt ungesagt. (Abe h\u00e4tte hier reichlich Gelegenheit, pers\u00f6nlich zu werden; schlie\u00dflich sollte sein eigener Gro\u00dfvater eigentlich als Kriegsverbrecher vor Gericht gestellt werden. Ein paar Worte hierzu h\u00e4tten die ganze Rede entscheidend ver\u00e4ndert.) Tats\u00e4chlich ist &#8222;unser Land&#8220; das zweith\u00e4ufigste Subjekt in dieser Rede; &#8222;wir&#8220; kommt 14 Mal und damit am h\u00e4ufigsten vor, &#8222;ich&#8220; dagegen \u00fcberhaupt nicht. So strahlt Abes Rede an vielen Stellen den Eindruck eines merkw\u00fcrdigen Abstands des Redners von seinem eigenen Thema, einer Distanzierung von seinem eigenen Text, einer gewissen K\u00fchle aus, die einen glauben macht, nicht ein Ich namens Abe Shinz\u014d habe hier geschrieben und gesprochen, sondern ein anonymes Wir, n\u00e4mlich ein Kollektiv von Beamten, Ratgebern und Diplomaten, deren Rede sich der Ministerpr\u00e4sident als ihr Repr\u00e4sentant (und nicht, weil er selbst es so will und glaubt und verantworten will) angeeignet hat. Aus Kalk\u00fcl, nicht aus Leidenschaft. Es ist eine Rede &#8222;ohne mich&#8220;. Und wer Wert auf meine Meinung legt: Es ist auch nicht meine Rede.<\/p>\n<h3>Japanische Stimmen<\/h3>\n<p>Ex-Ministerpr\u00e4sident Murayama hat <a href=\"http:\/\/www3.nhk.or.jp\/news\/html\/20150814\/k10010190201000.html\">kommentiert<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>Es ist ein Schriftst\u00fcck, das mit sorgf\u00e4ltiger Wortwahl m\u00fchsam erstellt wurde, aber ich habe den starken Eindruck, da\u00df es unfokussiert und unverst\u00e4ndlich ist &#8230; Was Ministerpr\u00e4sident Abe wirklich sagen will, hat Abe lediglich mit einer Oblate umh\u00fcllt und verd\u00fcnnt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die <em>Asahi Shimbun<\/em> <a href=\"http:\/\/www.asahi.com\/paper\/editorial.html?iref=comtop_gnavi\">kommentiert<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>Wof\u00fcr und f\u00fcr wen soll diese Erkl\u00e4rung gut sein? Als historische Zusammenfassung der 70-j\u00e4hrigen Nachkriegsgeschichte ist Ministerpr\u00e4sident Abes Erkl\u00e4rung inhaltlich v\u00f6llig unzureichend. Tats\u00e4chlich sind die Schl\u00fcsselw\u00f6rter, auf welche die Welt gewartet hatte &#8212; Invasion und Kolonialherrschaft, Reue und Abbitte &#8212; darin enthalten. Aber das Subjekt, da\u00df n\u00e4mlich Japan eine Invasion begangen und Kolonialherrschaft ausge\u00fcbt hat, fehlt. &#8230; Diese Erkl\u00e4rung h\u00e4tte nicht abgegeben werden m\u00fcssen. Vielmehr, sie h\u00e4tte nicht abgegeben werden d\u00fcrfen.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Rede von Abe Shinz\u014d \u5b89\u500d\u664b\u4e09 zum 70. Jahrestag des Kriegsendes vom 14.8.2015 gliedert sich in vier Teile, deren Gedankengang ich im folgenden darstelle und kommentiere, bevor ich zu einer Gesamtw\u00fcrdigung komme. Der Weg in den Krieg Der westliche Kolonialismus bedroht im 19. Jahrhundert die Welt (und f\u00fchrt zum Ersten Weltkrieg). Nach dem Ersten Weltkrieg wird nationale Selbstbestimmung gefordert. 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