{"id":4787,"date":"2015-06-24T22:49:10","date_gmt":"2015-06-24T20:49:10","guid":{"rendered":"http:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=4787"},"modified":"2015-06-24T22:51:22","modified_gmt":"2015-06-24T20:51:22","slug":"wie-korea-zwei-astronauten-fand-und-wieder-verlor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=4787","title":{"rendered":"Wie Korea zwei Astronauten fand und wieder verlor"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Yi So-yeon &#8230; ist eine s\u00fcdkoreanische Raumfahrerin.&#8220; Sie sei ledig und habe keine Kinder. So steht es mit Stand von heute in der deutschsprachigen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Yi_So-yeon\">Wikipedia<\/a>.<br \/>\nKorrekt w\u00e4re allerdings, diesen Satz in die Vergangenheitsform zu setzen: Sie <strong>war<\/strong> eine Raumfahrerin. Sie ist es l\u00e4ngst nicht mehr. Und sie ist verheiratet.<br \/>\nUnd beides h\u00e4ngt zusammen. Beides h\u00e4ngt aber auch zusammen mit Problemen, die das gegenw\u00e4rtige Korea qu\u00e4len.<br \/>\nZun\u00e4chst sah alles nach einer typischen koreanischen Erfolgsstory aus. Mehr als 36.000 Menschen bewarben sich 2006 bei der s\u00fcdkoreanischen Raumfahrtagentur KARI (Korea Aerospace Research Institute), um an einer zweit\u00e4gigen russisch-s\u00fcdkoreanischen Raumfahrtmission teilzunehmen. Am Ende eines harten Auswahlprozesses, der teils in S\u00fcdkorea, teils in Ru\u00dfland stattfand, blieben am Weihnachtstag 2006 noch zwei Kandidaten \u00fcbrig: Ko San, ein Mann, der als Forscher am Samsung Advanced Institute of Technology t\u00e4tig war, und die 1978 geborene Yi So-yeon, die am Korea Advanced Institute of Science and Technology an ihrer Promotion sa\u00df. Im September 2007 wurde <a href=\"http:\/\/english.chosun.com\/site\/data\/html_dir\/2007\/09\/06\/2007090661026.html\">entschieden<\/a>, da\u00df der Mann den Vorzug bekommen sollte; nicht, weil nach konfuzianischem Brauch der Mann voranzugehen und die Frau zu folgen hat, sondern weil Ko (nicht gerade verwunderlich) als physisch st\u00e4rker galt. Aber Yi wurde als Ersatzfrau weiter mit Ko zusammen ausgebildet.<br \/>\nDie Ausbildung war teuer. Ru\u00dfland lie\u00df sich f\u00fcr jeden der beiden umgerechnet rund 21 Mio. Euro bezahlen (Sprachtraining inklusive). Das war es der s\u00fcdkoreanischen Regierung wert, denn S\u00fcdkorea wollte unbedingt in die bemannte Raumfahrt einsteigen. Getr\u00e4umt wurde davon, damit den Aufstieg in die Riege der Raumfahrtnationen zu schaffen und sich u.a. an neuen internationalen Mondlandeprojekten zu beteiligen.<br \/>\nNun geschah Seltsames. Ko, der Kandidat Nr. 1, der \u00f6ffentlich verlautet hatte, er wolle w\u00e4hrend der Erdumrundung seiner Freundin das Jawort geben (worauf ihm jedoch bedeutet wurde, pers\u00f6nliche Anliegen k\u00f6nne man in eine solche Mission unm\u00f6glich einbauen), verstie\u00df zweimal, wie es offiziell hie\u00df, gegen das russische Protokoll f\u00fcr auszubildende Raumfahrer. Im September 2007 schickte er zusammen mit pers\u00f6nlichen Gegenst\u00e4nden auch ein Handbuch f\u00fcrs Astronautentraining nach Hause. Versehentlich, wie es hie\u00df. Im Februar 2008 lieh er sich von einem russischen Piloten ein Handbuch f\u00fcr Piloten, das mit seinem vorgesehenen Job im All nun wirklich nichts zu tun hatte. &#8222;Weil er pers\u00f6nlich wi\u00dfbegierig war&#8220;, <a href=\"http:\/\/english.chosun.com\/site\/data\/html_dir\/2008\/03\/11\/2008031161009.html\">erkl\u00e4rte<\/a> das s\u00fcdkoreanische Ministerium. Aber den Russen gefiel dieser Wissensdurst nicht. Und die koreanische Presse spekulierte, Ko sei dabei gar nicht seinen pers\u00f6nlichen Interessen gefolgt, sondern einem klaren Auftrag seiner koreanischen Sponsoren. Schlie\u00dflich wollte Korea ja unbedingt an der Eroberung des Weltraums teilhaben, und dazu brauchte man Wissen.<br \/>\nJedenfalls bestand Ru\u00dfland nun darauf, da\u00df Ko auf der Erde blieb. So war es doch eine Frau, eben Yi So-yeon, die (kurz nach ihrer Promotion) im April 2008 erstmals die koreanischen Farben in den Orbit trug. F\u00fcr zwei Tage, an denen sie flei\u00dfig <a href=\"http:\/\/english.chosun.com\/site\/data\/html_dir\/2008\/04\/07\/2008040761011.html\">Experimente<\/a> im Weltraum unternahm. Unter anderem mit Kimchi (wie h\u00e4tte es auch anders sein k\u00f6nnen).<br \/>\nDr. Yi kam heil zur\u00fcck, trotz einer brenzligen <a href=\"http:\/\/english.chosun.com\/site\/data\/html_dir\/2008\/04\/29\/2008042961006.html\">Landung<\/a> etwa 420 km abseits des vorgesehenen Landeplatzes. Auch auf der Erde arbeitete sie flei\u00dfig, nun aber als Ber\u00fchmtheit, an der KARI weiter.<br \/>\nBis 2012. Da verlie\u00df sie die Lust am Astronautendasein. Sie nahm Urlaub vom KARI, um ein MBA-Studium in den USA (an der UCLA, wo sonst?) zu absolvieren. Und sie lernte dort einen Augenoptiker kennen, pikanterweise koreanischer Herkunft, der ihr die Augen f\u00fcr die Erkenntnis \u00f6ffnete, da\u00df das Astronautenleben gar nicht ihr Lebensziel war. Sie sei sehr gl\u00fccklich, jetzt etwas anderes zu machen; es sei gar nicht ihre Absicht gewesen, ber\u00fchmt zu werden, verk\u00fcndete sie, nunmehr Master of Business Administration, verheiratet und mit festem Wohnsitz in Tacoma, 2014 der amerikanischen <a href=\"http:\/\/english.chosun.com\/site\/data\/html_dir\/2014\/09\/04\/2014090401515.html\">Presse<\/a>.<br \/>\nKoreas \u00d6ffentlichkeit sah es mit Unglauben. Die Presse wurde nicht m\u00fcde zu betonen, da\u00df in ihre Ausbildung zur Raumfahrerin immerhin 21 Mio. Euro Steuergelder geflossen waren. Eine Fehlinvestition? Aber, so entgegnete die KARI, ihren Vertrag dort hat sie treu erf\u00fcllt. Niemand kann sie mehr in Korea halten.<br \/>\nWarum auch. Korea ist den <em>brain drain<\/em> gew\u00f6hnt. Immer wieder sind hochqualifizierte koreanische (und japanische, und deutsche und viele andere) Wissenschaftler in den letzten 50 Jahren in die USA gegangen, um dort zu studieren &#8212; und schlie\u00dflich dageblieben. Man hatte sich gewi\u00df von ihnen in ihrer Heimat mehr erhofft.<br \/>\nOft gibt es ganz pers\u00f6nliche Gr\u00fcnde zum Weggehen. Da ist eine Frau, die Anfang 30 ist und nun endlich der Liebe ihres Lebens begegnet. Im Ausland, wo sie nicht st\u00e4ndig jemand mit dem 21-Millionen-Euro-Blick taxiert. Da ist der Wunsch, beruflich noch einmal ganz neu anzufangen. V\u00f6llig verst\u00e4ndlich, wenn man meint, nach all der Schwerelosigkeit einmal festen Boden unter den F\u00fc\u00dfen haben zu wollen.<br \/>\nUnd dann ist da der Hintergrund, vor dem solche Entscheidungen reifen. Der kulturelle und der soziale Hintergrund n\u00e4mlich, der M\u00e4nner zu Industriespionen und Frauen zur zweiten Wahl macht. Der nationale Idole produziert, um kollektive Tr\u00e4ume zu schaffen. Idole, die nicht altern, die nicht heiraten, die keine Privatsph\u00e4re brauchen. Kein Wunder, da\u00df eine Frau, die es zur nationalen Unsterblichkeit geschafft hat, sich am Ende dann doch so f\u00fchlt wie der Fliegende Holl\u00e4nder. Sie brauchte Erl\u00f6sung, sie hat sie gefunden. Sch\u00f6ner Stoff f\u00fcr ein koreanisches Fernseh-Drama.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Yi So-yeon &#8230; ist eine s\u00fcdkoreanische Raumfahrerin.&#8220; Sie sei ledig und habe keine Kinder. 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