{"id":4771,"date":"2015-06-22T11:21:02","date_gmt":"2015-06-22T09:21:02","guid":{"rendered":"http:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=4771"},"modified":"2015-06-22T19:17:36","modified_gmt":"2015-06-22T17:17:36","slug":"jahreszeit-fur-hundefleisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=4771","title":{"rendered":"Jahreszeit f\u00fcr Hundefleisch"},"content":{"rendered":"<p>Der kalendarische Beginn des Sommers markiert in jedem Jahr den H\u00f6hepunkt des Verzehrs an Hundefleisch in China und Korea. Nur dort sowie in einem Teil S\u00fcdostasiens (Vietnam, Kambodscha, Laos, Philippinen) und Nigeria gelten Hunde heute noch als Delikatesse oder Medizin, oft mit religi\u00f6ser Begr\u00fcndung.<a name=\"t1\"><a href=\"#a1\"><sup>[1]<\/sup><\/a><\/a><br \/>\nIn China ziehen seit einigen Jahren Hundefleisch-Festivals, auf denen zur Sommersonnenwende lebende Hunde zum Zweck des Schlachtens feilgeboten werden, die Aufmerksamkeit und den Zorn chinesischer Tiersch\u00fctzer (und <a href=\"#http:\/\/www.bbc.com\/news\/world-asia-china-33220235\">westlicher Journalisten<\/a>) auf sich. Ein BBC-Reporter <a href=\"#http:\/\/www.bbc.com\/news\/blogs-china-blog-27952543\">berichtete<\/a> 2014, ein s\u00fcdkoreanischer Diplomat habe ihn inst\u00e4ndig gebeten, niemals \u00fcber Hundfleisch zu schreiben, weil \u00fcbertriebene internationale Aufmerksamkeit f\u00fcr dieses Ph\u00e4nomen &#8222;eine komplexe kulturelle Differenz in ein krudes rassistisches Stereotyp&#8220; verwandle.<br \/>\nFreilich wirbt die s\u00fcdkoreanische Regierung seit einigen Jahren im Zuge ihres &#8222;nation branding&#8220;-Konzepts f\u00fcr die Internationalisierung der koreanischen K\u00fcche; insofern darf die Aufmerksamkeit f\u00fcr die eher ungew\u00f6hnlichen Aspekte dieser E\u00dfkultur nicht verwundern; auch wenn feststeht, da\u00df Hundefleisch in der koreanischen K\u00fcche ein wenig bedeutsames Ph\u00e4nomen ist.<a name=\"t2\"><a href=\"#a2\"><sup>[2]<\/sup><\/a><\/a> Mehr als 80 % der S\u00fcdkoreaner (\u00fcberwiegend M\u00e4nner) geben an, in ihrem Leben bereits Hundefleisch gegessen zu haben; die meisten, weil sie glauben, da\u00df es gut f\u00fcr ihre Gesundheit ist, und etwa ein Drittel, weil es ihnen schmeckt.<a name=\"t3\"><a href=\"#a3\"><sup>[3]<\/sup><\/a><\/a> Allerdings essen es die meisten auch nur ein oder zwei Mal in ihrem Leben.<a name=\"t4\"><a href=\"#a4\"><sup>[4]<\/sup><\/a><\/a> Am gebr\u00e4uchlichsten ist es, Hunde an den &#8222;Hundstagen&#8220; (<em>pok il<\/em>) zu Beginn des Sommers zu schlachten, denn nach alter daoistisch-konfuzianischer \u00dcberlieferung gilt ihr Fleisch als guter Schutz gegen die Sommerhitze.<a name=\"t5\"><a href=\"#a5\"><sup>[5]<\/sup><\/a><\/a> Hundesuppe (<em>k\u00e4jang<\/em>) oder durch stundenlanges Sieden von Hundefleisch hergestellter Hundesaft (<em>k\u00e4soju<\/em>) betrachtet man daher als eine Art Medizin (wie so oft, auch gegen Impotenz).<br \/>\nDer Genu\u00df von Hundefleisch datiert in Koreas Fr\u00fchgeschichte zur\u00fcck. Nachdem sich jedoch der Buddhismus auf der Halbinsel verbreitete, dem Fleischgenu\u00df grunds\u00e4tzlich suspekt ist, verschwand er. Erst in der 1392 beginnenden Choseon-Zeit kam das Hundeessen wieder in Mode, denn der Konfuzianismus z\u00e4hlte Hund zu den e\u00dfbaren Tieren. Mindestens 14 verschiedene Arten von Zubereitung sind aus dieser Zeit bis hin zur Kolonialzeit \u00fcberliefert.<a name=\"t6\"><a href=\"#a6\"><sup>[6]<\/sup><\/a><\/a> In den l\u00e4ndlichen Gegenden Koreas hielten manche Haushalte noch in den 1950er Jahren au\u00dfer ihren Jagdhunden auch einige Hunde, die zum Verzehr bestimmt waren.<a name=\"t7\"><a href=\"#a7\"><sup>[7]<\/sup><\/a><\/a> In adligen Kreisen bis hin zum K\u00f6nigshof galt Hund durchaus als Delikatesse.<a name=\"t8\"><a href=\"#a8\"><sup>[8]<\/sup><\/a><\/a> In der japanischen Kolonialzeit kam zwar der Tierschutzgedanke auf, doch sah man im Verzehr von Hundefleisch kein ethisches Problem.<a name=\"t9\"><a href=\"#a9\"><sup>[9]<\/sup><\/a><\/a> Als <a href=\"#https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Franziska_Donner\">Franziska Donner<\/a>, die \u00f6sterreichische Ehefrau von Staatspr\u00e4sident Yi Sungman, ihr Befremden \u00e4u\u00dferte, benannte man Hundesuppe piet\u00e4tvoll in &#8222;St\u00e4rkungssuppe&#8220; (<em>poshintang<\/em>) um, ohne da\u00df sich freilich an den Ingredienzien etwas \u00e4nderte. Erst im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen von Seoul 1988 stieg die Sensibilit\u00e4t, weil die internationalen G\u00e4ste Hundefleisch-Gerichte degoutant fanden. Deshalb verbot die Regierung Hundem\u00e4rkte, verlegte Hundefleisch-Restaurants in weniger zug\u00e4ngliche Stadtviertel und verbot die grausame T\u00f6tung von Hunden (die man vorher \u00fcblicherweise an einem Baum aufkn\u00fcpfte und zu Tode pr\u00fcgelte).<a name=\"t10\"><a href=\"#a10\"><sup>[10]<\/sup><\/a><\/a><br \/>\nAuch im Umfeld der Fu\u00dfballweltmeisterschaft von 2002 kam es im In- und Ausland zu Protesten, aber nun schlug das Lokale zur\u00fcck: Es bildete sich eine Nationale Vereinigung der Hundefleisch-Restaurants, die den Verzehr von Hundefleisch zum sch\u00fctzenswerten nationalen Kulturgut deklarierte, als &#8222;ein gutes Gericht, auf das wir stolz sind&#8220;.<a name=\"t11\"><a href=\"#a11\"><sup>[11]<\/sup><\/a><\/a> Der Konsum von Hundefleisch scheint seither wieder zu steigen.<a name=\"t12\"><a href=\"#a12\"><sup>[12]<\/sup><\/a><\/a> In einer Meinungsumfrage von 2009 sprachen sich zwar 55 % der befragten S\u00fcdkoreaner dagegen aus, Hunde zu essen, aber nur 24 % waren daf\u00fcr, Hundefleisch zu verbieten.<a name=\"t13\"><a href=\"#a13\"><sup>[13]<\/sup><\/a><\/a> Hundefleisch mag auf dem Speisezettel der heutigen Koreaner kaum eine Rolle spielen, aber als &#8222;nationalistisches Konzept&#8220;<a name=\"t14\"><a href=\"#a14\"><sup>[14]<\/sup><\/a><\/a> ist es im Denken pr\u00e4senter denn je &#8212; ein weiterer Beleg f\u00fcr die Wechselwirkung von globalem Widerspruch und lokalem Eigensinn.<\/p>\n<hr>\n<h5>Anmerkungen<\/h5>\n<p><a name=\"a1\"><a href=\"#t1\"><sup>[1]<\/sup><\/a><\/a>Neville G. Gregory, Temple Grandin (Hgg.): <em>Animal Welfare and Meat Production<\/em>. CABI 2007, S. 165<br \/>\n<a name=\"a2\"><a href=\"#t2\"><sup>[2]<\/sup><\/a><\/a>Anthony L. Podberscek: &#8222;Good to Pet and Eat.&#8220; In: Sarah Knight, Harold Herzog (Hgg.): <em>New Perspectives on Human-Animal Interactions: Theory, Policy and Research<\/em> = <em>Journal of Social Issues<\/em> 65:3 (2009), S. 615&#8211;632, hier S. 623.<br \/>\n<a name=\"a3\"><a href=\"#t3\"><sup>[3]<\/sup><\/a><\/a>Podberscek ebd. 623.<br \/>\n<a name=\"a4\"><a href=\"#t4\"><sup>[4]<\/sup><\/a><\/a>Boudewijn Walraven: &#8222;Bardot Soup and Confucian&#8217;s Meat: Food and Korean identity in global context.&#8220; In: Katarzyna J. Cwiertka, Boudewijn C. A. Walraven (Hgg.): <em>Asian Food: The Global and the Local<\/em>. Routledge 2013, S. 95&#8211;115, hier S. 102.<br \/>\n<a name=\"a5\"><a href=\"#t5\"><sup>[5]<\/sup><\/a><\/a>Walraven ebd. 619.<br \/>\n<a name=\"a6\"><a href=\"#t6\"><sup>[6]<\/sup><\/a><\/a>Podberscek ebd. 102.<br \/>\n<a name=\"a7\"><a href=\"#t7\"><sup>[7]<\/sup><\/a><\/a>Walraven ebd. 102.<br \/>\n<a name=\"a8\"><a href=\"#t8\"><sup>[8]<\/sup><\/a><\/a>Walraven ebd 103.<br \/>\n<a name=\"a9\"><a name=\"#t9\"><sup>[9]<\/sup><\/a><\/a>Walraven ebd. 103.<br \/>\n<a name=\"a10\"><a href=\"#t10\"><sup>[10]<\/sup><\/a><\/a>Podberscek ebd. 620.<br \/>\n<a name=\"a11\"><a href=\"#t11\"><sup>[11]<\/sup><\/a><\/a>Walraven ebd. 110.<br \/>\n<a name=\"a12\"><a href=\"#t12\"><sup>[12]<\/sup><\/a><\/a>Podberscek ebd. 623.<br \/>\n<a name=\"a13\"><a href=\"#t13\"><sup>[13]<\/sup><\/a><\/a>Podberscek ebd. 625&#8211;626.<br \/>\n<a name=\"a14\"><a href=\"#t14\"><sup>[14]<\/sup><\/a><\/a>Walraven ebd. 110.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der kalendarische Beginn des Sommers markiert in jedem Jahr den H\u00f6hepunkt des Verzehrs an Hundefleisch in China und Korea. Nur dort sowie in einem Teil S\u00fcdostasiens (Vietnam, Kambodscha, Laos, Philippinen) und Nigeria gelten Hunde heute noch als Delikatesse oder Medizin, oft mit religi\u00f6ser Begr\u00fcndung.[1] In China ziehen seit einigen Jahren Hundefleisch-Festivals, auf denen zur Sommersonnenwende lebende Hunde zum Zweck des Schlachtens feilgeboten werden, die Aufmerksamkeit und den Zorn chinesischer Tiersch\u00fctzer (und westlicher Journalisten) auf sich. Ein BBC-Reporter berichtete 2014, ein s\u00fcdkoreanischer Diplomat habe ihn inst\u00e4ndig gebeten, niemals \u00fcber Hundfleisch zu [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"fifu_image_url":"","fifu_image_alt":"","footnotes":""},"categories":[4,173,641,9,10,1],"tags":[647,646],"class_list":{"0":"post-4771","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","6":"category-china","7":"category-gesellschaft","8":"category-gesundheit","9":"category-korea","10":"category-leben","11":"category-uncategorized","12":"tag-eskultur","13":"tag-hundefleisch","14":"bnp_pattern1","15":"cat-4-id","16":"cat-173-id","17":"cat-641-id","18":"cat-9-id","19":"cat-10-id","20":"cat-1-id"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4771","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4771"}],"version-history":[{"count":14,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4771\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4786,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4771\/revisions\/4786"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4771"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4771"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4771"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}