{"id":4415,"date":"2014-07-22T04:04:27","date_gmt":"2014-07-22T02:04:27","guid":{"rendered":"http:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=4415"},"modified":"2014-07-22T04:04:27","modified_gmt":"2014-07-22T02:04:27","slug":"japan-und-nordkorea-geheimdiplomatie-in-der-achse-des-mistrauens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=4415","title":{"rendered":"Japan und Nordkorea: Geheimdiplomatie in der &#8222;Achse des Mi\u00dftrauens&#8220;?"},"content":{"rendered":"<p>Zwischen den ostasiatischen Staaten herrscht aktuell intensives Mi\u00dftrauen. Das japanisch-s\u00fcdkoreanische Verh\u00e4ltnis ist so schlecht wie seit Menschengedenken nicht mehr, seitdem Japans Regierung einseitig eine Neuinterpretation der japanischen Verfassung beschlossen hat, wonach japanische Streitkr\u00e4fte zuk\u00fcnftig im Rahmen &#8222;kollektiver Selbstverteidigung&#8220; weltweit eingesetzt werden k\u00f6nnen &#8212; einschlie\u00dflich der koreanischen Halbinsel. Die VR China wirft sich demonstrativ S\u00fcdkorea an den Hals (soeben haben Beijing und Seoul die Einrichtung eines milit\u00e4rischen Krisentelefons vereinbart) und will damit sowohl Japan als auch Nordkorea verunsichern. Die Bev\u00f6lkerung Taiwans mi\u00dftraut der fortschreitenden wirtschaftlichen Verflechtung ihres Landes mit China; es steht zu erwarten, da\u00df die regierenden Nationalisten die n\u00e4chste Pr\u00e4sidentenwahl verlieren werden. Auch in Japan befinden sich die Popularit\u00e4tswerte der Regierung Abe im steilen Sinkflug, was auch daran liegt, da\u00df der Glaube in die phantasievoll beschworenen &#8222;Abenomics&#8220; geschwunden ist.<br \/>\nNordkorea ist verst\u00e4ndlicherweise schockiert dar\u00fcber, da\u00df China ihm immer mehr die kalte Schulter zeigt. Ein halbes Jahr lang gab es vom gro\u00dfen Bruder keine \u00d6llieferungen mehr &#8212; was angeblich dazu f\u00fchrte, da\u00df die nordkoreanischen Truppenf\u00fchrer aufs Fahrrad umsteigen mu\u00dften. Demonstrative Raketensalven ins Meer erzielten nicht mehr den \u00fcblichen Effekt. Der S\u00fcden scheint ganz auf seine neuen Freunde in Beijing zu setzen und kein \u00fcberm\u00e4\u00dfiges Interesse an neuen Verhandlungen mit den eigenen Br\u00fcdern zu haben.<br \/>\nGut, da\u00df es Japan gibt. F\u00fcr die Regierung Abe ist Nordkorea n\u00e4mlich ein hochwillkommener Verhandlungspartner. Deswegen wird sp\u00e4testens seit M\u00e4rz 2014 intensiv zwischen beiden L\u00e4ndern verhandelt. Offenbar &#8212; und dies ist der entscheidende Unterschied zu fr\u00fcher &#8212; ohne Abstimmung und pr\u00e4zise Information des S\u00fcdens und der USA. Dies widerspricht zwar dem Geist des Japanisch-S\u00fcdkoreanischen Grundlagenvertrags von 1965, dessen 50. Jahrestag n\u00e4chstes Jahr zu feiern niemand so richtig Lust hat. Aber der Regierung Abe ist das schon deswegen egal, weil man Seoul auf diese Weise richtig \u00e4rgern kann. Der Verhandlungsgegenstand scheint harmlos: Es geht um die nach japanischer Darstellung bis zu 450 in den letzten Jahrzehnten spurlos verschwundenen Japaner, von denen ein Gro\u00dfteil nach Nordkorea entf\u00fchrt worden sein soll. Nordkorea hat fr\u00fcher schon ein Dutzend solcher F\u00e4lle einger\u00e4umt; f\u00fcnf Japaner durften bisher in ihre Heimat zur\u00fcckkehren, die \u00fcbrigen sollen tot sein. Die Tochter einer angeblich Verstorbenen namens Yokota Megumi durfte im M\u00e4rz erstmals ihre japanischen Gro\u00dfeltern in der Mongolei treffen. Da die Mongolei zu beiden Staaten diplomatische Beziehungen unterh\u00e4lt, gilt sie als neutraler Boden. Vielleicht geht es auch hier um mehr als nur das, denn Japan ist seit l\u00e4ngerem Gro\u00dfinvestor in diesem &#8222;postkommunistischen&#8220; Staat. Vielleicht geht es hier auch um so etwas wie ein Modell f\u00fcr die Entwicklung Nordkoreas mit japanischer Hilfe. Denn das d\u00fcrfte zweifellos die Hoffnung Pyongyangs sein: Im Gegenzug f\u00fcr eine Normalisierung der Beziehungen mit Japan nebst R\u00fcckgabe der Entf\u00fchrungsopfer zun\u00e4chst die Aufhebung der japanischen Sanktionen, dann die Einrichtung von japanisch finanzierten Sonderwirtschaftszonen, schlie\u00dflich umfassende Investitionen. Dies alles unter Ausschlu\u00df der S\u00fcdkoreaner &#8212; f\u00fcr Nordkorea und Japan ein Traumszenario. F\u00fcr S\u00fcdkorea allerdings der ultimative Albtraum.<br \/>\nUnrealistisch? Weit hergeholt?<br \/>\nIn den letzten Wochen h\u00e4ufen sich jedenfalls die Hinweise darauf, da\u00df es in diese Richtung gehen k\u00f6nnte. Anfang Juli berichteten s\u00fcdkoreanische Medien, Japan und Nordkorea h\u00e4tten sich darauf geeinigt, da\u00df Yokota Megumis Tochter ihre Gro\u00dfeltern in Japan besuchen d\u00fcrfe. Gestreut wurde diese Nachricht von den Angeh\u00f6rigen der (noch viel zahlreicheren) s\u00fcdkoreanischen Entf\u00fchrungsopfer, die nat\u00fcrlich eifers\u00fcchtig beobachten, ob die Japaner in dieser Frage von Nordkorea besser behandelt werden als ihre Leute. Das ist f\u00fcr die s\u00fcdkoreanische Regierung \u00e4u\u00dferst unangenehm, weil es sie unter innenpolitischen Druck setzt, so da\u00df man sich ernsthaft fragen kann, ob S\u00fcdkorea an einem Erfolg der japanisch-nordkoreanischen Verhandlungen wirklich gelegen sein kann.<br \/>\nAm 20. Juli berichtete die &#8222;<a href=\"http:\/\/www.japantimes.co.jp\/news\/2014\/07\/20\/national\/north-korean-facility-sinuiju-houses-abductees-source\/#.U828_U2CiUk\">Japan Times<\/a>&#8222;, Nordkorea habe bei verdeckten Ermittlungen innerhalb des eigenen Landes herausgefunden, da\u00df in einem Haus in Shin\u016diju \u65b0\u7fa9\u5dde, einem am Yal\u00fc-Flu\u00df direkt an der chinesischen Grenze gelegenen, in der Kolonialzeit aufgebauten Ort, mehr als 10 Japaner untergebracht seien. Japans Regierung sei dar\u00fcber bereits informiert worden. Kim Jong-un plane wohl, diesen und anderen Japanern bis Oktober 2015 die R\u00fcckreise nach Japan zu gestatten.<br \/>\nJapans Erwartungen zielen auch auf den Oktober, allerdings auf den Oktober 2014: Innerhalb von drei Monaten <a href=\"http:\/\/www.telegraph.co.uk\/news\/worldnews\/asia\/northkorea\/10897003\/Abductees-in-North-Korea-being-indoctrinated-with-propaganda.html\">erwartet Japans Regierung <\/a>die R\u00fcckkehr der Entf\u00fchrten als Gegenleistung f\u00fcr die teilweise Aufhebung der gegen Nordkorea verh\u00e4ngten Sanktionen.<br \/>\nWarum diese Eile? Weil &#8212; und damit rundet sich das Bild &#8212; ein Erfolg in dieser Frage f\u00fcr die angeschlagene Regierung Abe ein Gottesgeschenk w\u00e4re. Angeblich plant Abe f\u00fcr September einen <a href=\"http:\/\/www.nikkan-gendai.com\/articles\/view\/news\/152011\">Blitzbesuch in Nordkorea<\/a>. Dessen Ergebnis soll die Heimkehr der Entf\u00fchrten sein. Dann kann Abe den Reichstag aufl\u00f6sen und in Erwartung eines sicheren Triumphes Neuwahlen ansetzen. Ein Geniestreich &#8212; so denkt man zumindest in Tokyo.<br \/>\nAllerdings pa\u00dft dieses Szenario den Amerikanern \u00fcberhaupt nicht. Au\u00dfenminister John Kerry hat Japans Regierung <a href=\"http:\/\/www.japantimes.co.jp\/news\/2014\/07\/16\/national\/politics-diplomacy\/u-s-warns-abe-visiting-north-korea\/#.U83CDE2CiUk\">davor gewarnt<\/a>, eine Fortsetzung von Japans Geheimdiplomatie mit Nordkorea und insbesondere ein Besuch Abes in Pyongyang w\u00fcrde die japanisch-amerikanisch-s\u00fcdkoreanischen Beziehungen erheblich &#8222;st\u00f6ren&#8220;. Japan solle seine Nordkorea-Politik gef\u00e4lligst im voraus mit den USA abstimmen.<br \/>\nWas wird nun also passieren?<br \/>\n<strong>Szenario 1<\/strong>: Abe pfeift auf die USA, zieht seinen Coup durch, gewinnt die Wahl und einen neuen Freund, n\u00e4mlich Kim Jong-un. S\u00fcdkorea wird toben und in Beijing werden jede Menge Reiss\u00e4cke platzen  (was Abe zur Zeit egal sein kann, weil es kaum noch schlimmer kommen kann), Japans Wirtschaft wird jubilieren; Japans Bev\u00f6lkerung allerdings wird sich erstaunt die Augen reiben, galt doch Nordkorea bislang als der Erzfeind \u00fcberhaupt. Aber diese Wende werden die japanischen Medien flink hinbekommen. Da Nordkorea versprechen wird, seine Atomwirtschaft vollst\u00e4ndig in die H\u00e4nde der Japaner zu legen, wird die Welt applaudieren (bis auf S\u00fcdkorea, f\u00fcr das dieses Szenario eine riesige wirtschaftliche Niederlage bedeutet). Die USA werden nat\u00fcrlich keine Sanktionen gegen Japan verh\u00e4ngen und zum ersten Mal seit 1971 hinnehmen m\u00fcssen, da\u00df eine belangreiche Entwicklung in Ostasien ohne ihre Lenkung stattgefunden hat.<br \/>\n<strong>Szenario 2<\/strong>: Business as usual. Abe kneift, irgendein l\u00e4cherlicher Anla\u00df wird gefunden, um die Verhandlungen mit Nordkorea abzubrechen, woraufhin Nordkorea zwei bis zw\u00f6lf Atomtests durchf\u00fchren und drei bis f\u00fcnf s\u00fcdkoreanische Kriegsschiffe versenken wird. Im \u00fcbrigen bleibt es beim Status Quo, wor\u00fcber sich vor allem die VR China, S\u00fcdkorea und die USA freuen werden. Abe scheitert zum zweiten Mal am Widerstand der USA und zieht sich in ein Kloster zur\u00fcck.<br \/>\nDie Chancen stehen 95:5, da\u00df Szenario 1 nicht Wirklichkeit wird. Eigentlich schade. Denn zum ersten Mal seit langem besteht die realistische M\u00f6glichkeit, echte Bewegung in eine verfahrene Situation zu bringen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen den ostasiatischen Staaten herrscht aktuell intensives Mi\u00dftrauen. 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