{"id":4409,"date":"2014-07-20T09:42:55","date_gmt":"2014-07-20T07:42:55","guid":{"rendered":"http:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=4409"},"modified":"2023-02-15T18:37:56","modified_gmt":"2023-02-15T17:37:56","slug":"ghiblis-neues-meisterwerk-when-marnie-was-there-marnies-erinnerungen-mani-no-omoide","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=4409","title":{"rendered":"Ghiblis neues Meisterwerk: &#8222;When Marnie Was There&#8220; &#8212; &#8222;Erinnerungen an Marnie&#8220; &#8212; Omoide no M\u0101n\u012b"},"content":{"rendered":"<p>Am 19. Juli 2014 wurde das neueste Werk des Studio Ghibli in Japans Kinos uraufgef\u00fchrt: Omoide no M\u0101n\u012b \u601d\u3044\u3067\u306e\u30de\u30fc\u30cb\u30fc, das auf dem 1967 ver\u00f6ffentlichten Kinderbuch &#8222;When Marnie Was There&#8220; von Joan G. Robinson (1910-1988) beruht. Das Original spielt im britischen Norfolk, der Anime versetzt die 12-j\u00e4hrige Mittelsch\u00fclerin Anna aus der Gro\u00dfstadt Sapporo in die Umgebung von Nemuro, also ins l\u00e4ndliche Hokkaid\u014d. Anna hadert mit sich selbst; sie ha\u00dft sich sogar, wie sie zweimal im Film betont, denn sie benimmt sich gegen\u00fcber allen, die ihr n\u00e4herkommen wollen, kratzb\u00fcrstig, ja sogar gemein. Sie ist durch den fr\u00fchen Verlust ihrer Eltern traumatisiert und f\u00fchlt sich zus\u00e4tzlich verraten, als sie erf\u00e4hrt, da\u00df ihre Pflegefamilie vom Jugendamt regelm\u00e4\u00dfig Geld f\u00fcr sie bekommt: niemand, denkt sie, liebt sie; niemand kann sie vertrauen. Ihr Selbstha\u00df bedroht sie auch k\u00f6rperlich, sie leidet an Asthma.<br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/en\/0\/04\/Omiode_no_Marnie_poster.jpg\" alt=\"\" \/><br \/>\nIhre Pflegemutter schickt sie deshalb w\u00e4hrend der Ferien zu ihrer Schwester aufs Land, weil der Arzt Luftver\u00e4nderung empfiehlt. Aber dieses Land hat es in sich: Man lebt dort ganz anders; es gibt viel frisches Gem\u00fcse, herrlichen Sternenhimmel und wunderbare Landschaften, die Anna zu neuen Buntstiftskizzen inspirieren. Denn zeichnen kann sie, und ihre Pflegemutter hat ihr (die einzige offenkundige Reminiszenz an Deutschland) eine Schachtel Buntstifte geschenkt, auf der deutlich das deutsche Wort &#8222;K\u00fcnstler&#8220; zu lesen ist &#8212; Faber-Castell wird es freuen.<br \/>\nW\u00e4hrend sie mit den Gleichaltrigen der Gegend nichts anfangen kann, obwohl (oder vielmehr weil) sie sich ihr freundlich n\u00e4hern, f\u00fchlt sich Anna magisch angezogen von einem alten, verfallenen Haus auf der anderen Seite der Bucht, an der sie nun lebt. Ihr scheint, da\u00df es nachts bewohnt ist, obwohl alle ihr sagen, es sei schon lange verlassen. Fr\u00fcher h\u00e4tten Ausl\u00e4nder dort gelebt &#8230; Ein wichtiger Hinweis, denn Anna ist (wie die Nachbarskinder entdecken) blau\u00e4ugig, &#8222;fast wie eine Ausl\u00e4nderin&#8220;, und sagt \u00fcber sich selbst, sie sei eine Au\u00dfenseiterin. Eines Abends begegnet Anna einem genauso blau\u00e4ugigen M\u00e4dchen, das sich Marnie (im Film M\u0101n\u012b) nennt und angeblich in dem Haus lebt. Sie freunden sich nicht nur an, sie verlieben sich ineinander.<br \/>\nAn diesem Punkt setzten \u00fcbrigens schon vor der Ver\u00f6ffentlichung des Filmes Spekulationen an, dieser Ghibli-Film werde zu einem Ausflug in die Welt des <em>yuri<\/em> (Liebesbeziehungen unter M\u00e4dchen) werden und damit einen deutlichen Kontrapunkt zu den bislang strikt heterosexuellen Geschichten der Disney-Welt setzen. Diese Erwartungen werden nicht erf\u00fcllt. Die Geschichte und der Film stehen in der Tradition des Sh\u014djo-Genres \u5c11\u5973\u6587\u5b66, das in Europa unter dem Titel &#8222;Backfisch-Literatur&#8220; bekannt ist. Es sieht so aus, als sei M\u0101n\u012b die in diesem Genre so h\u00e4ufig gesuchte &#8222;Soul Sister&#8220;, die Seelenverwandte oder platonische Geliebte von Anna; der erste Mensch, dem sie bedingungslos vertraut und den sie \u00fcber alles bewundert. Anna gibt M\u0101n\u012b das Geheimnis ihres Ungl\u00fccks preis, nur um zu erfahren, da\u00df auch M\u0101n\u012b, allem Anschein zum Trotz, mit ihrer Familie ungl\u00fccklich und einsam ist.<br \/>\nDoch Annas Vertrauen in M\u0101n\u012b ger\u00e4t ins Wanken, als beide in der Ruine eines Getreidesilos von einem Unwetter \u00fcberrascht werden. M\u0101n\u012b f\u00fcrchtet sich, Anna will ihr helfen; doch in ihrer Verzweiflung redet M\u0101n\u012b ihre Freundin zweimal mit &#8222;Kazuhiko&#8220; an, dem Namen eines Jungen, mit dem Anna sie zuvor schon auf einer Feier hat tanzen sehen. Anna schl\u00e4ft ein und tr\u00e4umt, da\u00df Kazuhiko M\u0101n\u012b aus dem Silo abholt, w\u00e4hrend Anna allein zur\u00fcckbleibt.<br \/>\nTats\u00e4chlich ist M\u0101n\u012b spurlos verschwunden. Anna findet sie auch nicht mehr im alten Haus, in das pl\u00f6tzlich eine neue Familie eingezogen ist. Deren Tochter h\u00e4lt Anna f\u00fcr M\u0101n\u012b, denn sie hat in ihrem Zimmer M\u0101n\u012bs Tagebuch gefunden. In diesem Tagebuch schildert M\u0101n\u012b Erlebnisse, die Anna mit ihr zusammen erlebt hat &#8212; aber Annas Name kommt nie vor, sondern immer nur Kazuhiko.<br \/>\nNun wei\u00df Anna gar nicht mehr, was sie davon halten soll. Es ist am Ende die Kunst, oder besser gesagt: die Begegnung mit einer K\u00fcnstlerin, die dasselbe Haus malt und die ihr die Augen \u00fcber M\u0101n\u012b \u00f6ffnet. Schlie\u00dflich begreift Anna, wer M\u0101n\u012b ist, weshalb sie ihre Geschichte kennt und warum sie beide mit diesem Haus so schicksalhaft verbunden sind.<br \/>\nMit diesem Wissen lernt sie sich selbst und ihre eigene Geschichte zu akzeptieren. Von den Geistern der Vergangenheit ist sie endlich erl\u00f6st. Oder anders gesagt: Sie wei\u00df, da\u00df diese Geister sehr real waren.<br \/>\n\u00dcber den Roman schrieb ein Leser:<\/p>\n<blockquote><p>I&#8217;m still not sure whether it is a ghost story, or a time travel story, or simply a trick of an imaginative memory? See what you think. I&#8217;m sure you&#8217;ll enjoy it!<\/p><\/blockquote>\n<p>\u00dcber den Film (an dem erstmals f\u00fcr das Studio Ghibli weder Miyazaki Hayao noch Takahata Isao irgendwie beteiligt waren) wird man dasselbe sagen. Es handelt sich um den zweiten Ghibli-Film von Yonebayashi Hiromasa \u7c73\u6797\u5b8f\u660c, der schon 2010 mit &#8222;<a href=\"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=1425\">Arietti<\/a>&#8220; \u00fcberzeugen konnte. Die Charaktere sind Ghibli-\u00fcblich dezent und menschlich gezeichnet, wobei die typisch, wohlvertrauten Gesichtsz\u00fcge gerade der Kinder D\u00e9ja-vu-Erlebnisse garantieren. Die Musik von Muramatsu Takatsugu \u6751\u677e\u5d07\u7d99 ist dezent und f\u00fcgt sich gut in die Handlung ein, ohne allerdings einen Ohrwurmeffekt zu erzeugen. \u00dcberbordende Komik oder fesselnde Action kann man in einem Film, dessen Haupttheme das Seelenleben eines pubertierenden, mit sich selbst ringenden M\u00e4dchens ist, nicht erwarten. Dennoch gibt es Szenen voller Dramatik, die man so oder so \u00e4hnlich schon zu sehen geglaubt hat: Aber dies ist kein Zufall, denn der Film ist wie die Handlung ein meisterhaftes Leporello aus Erinnerungen und Tr\u00e4umen, aus W\u00fcnschen und Wirklichkeiten, aus Vergangenheit und Gegenwart; kurz: ein animiertes D\u00c8JA-VU. Und gerade deshalb sehenswert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 19. Juli 2014 wurde das neueste Werk des Studio Ghibli in Japans Kinos uraufgef\u00fchrt: Omoide no M\u0101n\u012b \u601d\u3044\u3067\u306e\u30de\u30fc\u30cb\u30fc, das auf dem 1967 ver\u00f6ffentlichten Kinderbuch &#8222;When Marnie Was There&#8220; von Joan G. Robinson (1910-1988) beruht. Das Original spielt im britischen Norfolk, der Anime versetzt die 12-j\u00e4hrige Mittelsch\u00fclerin Anna aus der Gro\u00dfstadt Sapporo in die Umgebung von Nemuro, also ins l\u00e4ndliche Hokkaid\u014d. 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