{"id":4367,"date":"2014-04-25T13:26:58","date_gmt":"2014-04-25T11:26:58","guid":{"rendered":"http:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=4367"},"modified":"2014-04-25T13:26:58","modified_gmt":"2014-04-25T11:26:58","slug":"das-fahrungluck-eine-koreanische-analyse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=4367","title":{"rendered":"Das F\u00e4hrungl\u00fcck: Eine koreanische Analyse"},"content":{"rendered":"<p>Anders als in japanischen Medien h\u00e4ufig zu beobachten, setzen sich s\u00fcdkoreanische Medien h\u00e4ufig schonungslos kritisch mit den Vorg\u00e4ngen in ihrem eigenen Land auseinander. Dies zeigt sich auch wieder im Fall der am 16. April auf dem Weg von Incheon nach Jeju nahe der Insel Jindo gesunkenen <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sewol\">F\u00e4hre Sewol<\/a> \uc138\uc6d4. Ein <a href=\"http:\/\/english.chosun.com\/site\/data\/html_dir\/2014\/04\/24\/2014042401245.html\">Bericht der <em>Chosun Ilbo<\/em><\/a> vom 24.4. z\u00e4hlt das Geflecht von Vers\u00e4umnissen und Fehlern auf, das zur Katastrophe mit rund 190 Toten und Vermi\u00dften f\u00fchrte. Sie betreffen das Schiffsmanagement und das Krisenmanagement zu See und an Land. Da das Schiff noch nicht geborgen und sein Rumpf nur vorl\u00e4ufig untersucht wurde, steht die eigentliche Ursache des Ungl\u00fccks noch nicht fest. Wohl aber lassen sich nach Meinung der Tageszeitung Gr\u00fcnde finden, welche die Katastrophe bef\u00f6rderten:<\/p>\n<ul>\n<li>Das Schiff verlie\u00df den Hafen von Incheon wegen dichten Nebels zwei Stunden sp\u00e4ter als geplant. Die Reederei hatte die \u00dcberfahrt nicht absagen wollen, obwohl alle anderen Schiffe im Hafen blieben. Die Besatzung blieb aber bei dem zuvor festgesetzten Einsatzplan, was dazu f\u00fchrte, da\u00df eine Dritte Offizierin ohne gro\u00dfe Berufserfahrung das Schiff durch die wegen schneller Str\u00f6mungen gef\u00e4hrlichste Strecke f\u00fchren mu\u00dfte, w\u00e4hrend der Kapit\u00e4n in seiner Kaj\u00fcte eine Pause machte.<\/li>\n<li>Das Schiff war bei seiner Ausfahrt \u00fcberladen. Statt 990 t f\u00fchrte es 3.600 t Nutzlast mit. Dazu war seine Man\u00f6vrierf\u00e4higkeit erheblich eingeschr\u00e4nkt. Au\u00dferdem waren seine Aufbauten 2012, nachdem es aus Japan gekauft worden war, so umgebaut worden, um mehr Passagiere bef\u00f6rdern zu k\u00f6nnen, da\u00df der Schwerpunkt des Schiffes nach oben verlagert und damit die Kentergefahr vergr\u00f6\u00dfert wurde. Au\u00dferdem war die Ladung wegen Zeitknappheit vermutlich nicht ordentlich verstaut worden, weshalb sie sich losrei\u00dfen und das Schiff zum Kentern bringen konnte.<\/li>\n<li>Die Mannschaft kannte die geltenden Bestimmungen f\u00fcr Schiffsevakuationen nicht. Die Reederei hat die vorgeschriebenen Sicherheits\u00fcbungen vermutlich nicht durchf\u00fchren lassen (2013 gab die Reederei f\u00fcr Sicherheits\u00fcbungen nicht einmal 400 Euro aus!). Die Besatzung alarmierte auch zun\u00e4chst die K\u00fcstenwache in Jeju, nicht die eigentlich zust\u00e4ndige in Jindo, und vergeudete in sinnlosen Kommunikationen wertvolle Zeit. Auch die K\u00fcstenwache von Jindo reagierte unprofessionell und zu sp\u00e4t.<\/li>\n<li>Die Mannschaft lie\u00df die Passagiere vorschriftswidrig im Stich. Sie forderten die Passagiere viel zu sp\u00e4t dazu auf, das Schiff zu verlassen. Die Rettungsboote funktionierten bis auf ein einziges nicht, in das sich die Besatzung rettete. Die geretteten Besatzungsmitglieder (20 von 29) logen mehrfach; so gab sich der Kapit\u00e4n zun\u00e4chst als &#8222;Passagier&#8220; aus.<\/li>\n<li>Die Beh\u00f6rden verhedderten sich in widerspr\u00fcchlichen Angaben \u00fcber die Zahl der Passagiere und der Geretteten. Um ihr Gesicht zu wahren, korrigierten sie sich nur schrittweise und erregten damit den \u00c4rger der \u00d6ffentlichkeit. Die Familien der in Not Geratenen wurden schlecht und fehlerhaft informiert, ihre Bitten um mehr Informationen ignoriert, ihre Proteste unterdr\u00fcckt.<\/li>\n<li>Trittbrettfahrer streuten Ger\u00fcchte, die f\u00fcr zus\u00e4tzliche Unruhe sorgten. Eine Frau behauptete beispielsweise im Internet, sie habe als Rettungstaucherin mitbekommen, da\u00df ihre Kollegen Lebenszeichen eingeschlossener Passagiere erhalten h\u00e4tten, da\u00df die K\u00fcstenwache sie aber zum Nichtstun angehalten habe.<\/li>\n<\/ul>\n<p>So identifiziert die Redaktion erschreckendes, t\u00f6dliches mehrfaches Versagen auf den unterschiedlichsten Seiten &#8212; Reederei, Mannschaft, Beh\u00f6rden, Gesellschaft. Es klingt wie eine Bilanz, wenn es in dem Artikel auch hei\u00dft:<\/p>\n<blockquote><p>Viele glauben, da\u00df dieses Desaster auf gr\u00f6\u00dfere Probleme in der koreanischen Gesellschaft hinweist, die materiellen Gewinn pr\u00e4miert.<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese moralisierende Argumentation ist nat\u00fcrlich Teil des konservativen Weltbildes, dem die Zeitung anh\u00e4ngt. Nach dem gro\u00dfen Ostjapanischen Erdbeben 2011 gab auch der damalige Gouverneur von T\u014dky\u014d und rechtsextreme Politiker Ishihara Shintar\u014d der &#8222;Gier&#8220; in der japanischen Gesellschaft die Hauptverantwortung an dem tragischen Ungl\u00fcck. Dies ist nicht weit entfernt von linker Kapitalismuskritik. Freilich fehlt jeder Beweis daf\u00fcr, da\u00df es in weniger materiell eingestellten Gesellschaften, seien sie links oder rechts beherrscht, zu weniger tragischen Unf\u00e4llen und Ungl\u00fccken kommt. Gewissen und Verantwortungsbewu\u00dftsein sind weder links noch rechts. Jede Gesellschaft, in denen sie gef\u00f6rdert und belohnt werden, kann sich gl\u00fccklich sch\u00e4tzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anders als in japanischen Medien h\u00e4ufig zu beobachten, setzen sich s\u00fcdkoreanische Medien h\u00e4ufig schonungslos kritisch mit den Vorg\u00e4ngen in ihrem eigenen Land auseinander. Dies zeigt sich auch wieder im Fall der am 16. April auf dem Weg von Incheon nach Jeju nahe der Insel Jindo gesunkenen F\u00e4hre Sewol \uc138\uc6d4. Ein Bericht der Chosun Ilbo vom 24.4. z\u00e4hlt das Geflecht von Vers\u00e4umnissen und Fehlern auf, das zur Katastrophe mit rund 190 Toten und Vermi\u00dften f\u00fchrte. Sie betreffen das Schiffsmanagement und das Krisenmanagement zu See und an Land. Da das Schiff noch [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"fifu_image_url":"","fifu_image_alt":"","footnotes":""},"categories":[9],"tags":[679,500,627],"class_list":{"0":"post-4367","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","6":"category-korea","7":"tag-medien","8":"tag-unfall","9":"tag-ungluck","10":"bnp_pattern1","11":"cat-9-id"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4367","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4367"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4367\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4368,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4367\/revisions\/4368"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4367"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4367"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4367"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}