{"id":4105,"date":"2013-12-14T14:32:16","date_gmt":"2013-12-14T13:32:16","guid":{"rendered":"http:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=4105"},"modified":"2023-02-15T18:21:14","modified_gmt":"2023-02-15T17:21:14","slug":"takahatas-kaguyahime-meisterwerk-in-klassischem-gewand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=4105","title":{"rendered":"Takahatas <em>Kaguyahime<\/em>: Meisterwerk in klassischem Gewand"},"content":{"rendered":"<p>In den letzten Szenen ebbt das Popkorn-Geraschel endlich ab. Stattdessen h\u00f6rt man es verd\u00e4chtig schniefen. Erwachsene wischen sich verstohlen \u00fcber die Augen: Kaguyahime kehrt auf den Mond zur\u00fcck. Nat\u00fcrlich, mag man denken: das wei\u00df doch jeder. Die Geschichte geh\u00f6rt zum ganz alten M\u00e4rchenschatz Ostasiens, und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Takahata_Isao\">Takahata Isao<\/a> bleibt den altbekannten Handlungslinien dieser Geschichte, dem <em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Taketori_Monogatari\">Taketori Monogatari<\/a><\/em> also weitgehend treu. Ist sein Film, der neueste Anime aus der Produktion des Studio Ghibli, nichts als ein M\u00e4rchen also?<br \/>\n<img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/anime.mx\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/KaguyaHime_Takahata08.jpeg\" alt=\"\" \/><br \/>\nSo nicht. Denn mit der Erfahrung und Phantasie eines genialen Anime-Regisseurs macht Takahata aus einer M\u00e4rchenfigur ein glaubw\u00fcrdiges, wenngleich rasch wie ein Bambusspro\u00df aufwachsendes, echtes Menschenkind: als Baby schreit es und saugt an der Stiefmutterbrust; als junge Frau lehnt sie sich gegen die einengenden, lebensfeindlichen Regeln der vornehmen Gesellschaft auf und entdeckt ihre Liebe zur freien Natur und zu jenem jungen, freien Burschen Sutemaru, der schon ihr Spielkamerad w\u00e4hrend ihrer kurzen Kindheit war. Sie empfindet Mitleid, als sie erkennt, da\u00df die f\u00fcnf H\u00f6flinge, deren Werben sie mit wahnwitzigen Forderungen zum Scheitern bringt, dadurch ins Ungl\u00fcck st\u00fcrzen. Und sie, das Kind vom bleichen, freud- und leidlosen Mond, erlebt ein einziges Mal den H\u00f6hepunkt k\u00f6rperlicher Liebe; denn so deute ich die Sequenz, in der sie mit Sutemaru Hand in Hand \u00fcber die Wiesen und W\u00e4lder ihrer Kindheit schwebt und ihn, voller Angst vor der drohenden R\u00fcckkehr auf den bleichen, leblosen Mond bittet, sie fest an sich zu dr\u00fccken: <em>daku<\/em> \u62b1\u304f, das Wort, das sie hier benutzt, hat eine eindeutige sexuelle Konnotation. Doch diese Szene voll aller Leidenschaft, die junge Menschen miteinander teilen k\u00f6nnen, endet j\u00e4h: Sutemaru kommt zu sich, als w\u00e4re alles ein Traum gewesen, und wird daran erinnert, da\u00df er inzwischen der Mann einer anderen Frau und der Vater eines anderen Kindes ist. Kaguyahime, die nun wei\u00df und auch ausspricht, da\u00df sie mit Sutemaru h\u00e4tte gl\u00fccklich werden k\u00f6nnen, reicht diese Erfahrung, um sich dem selbstverschuldeten Schicksal, der R\u00fcckkehr auf den Mond, in Frieden zu stellen.<br \/>\nDenn das ist neu gegen\u00fcber dem Original dieser Geschichte: Takahata wei\u00df, da\u00df zu einer echten Trag\u00f6die eine Mitschuld der Heldin und eine Erkenntnis der eigenen Schuld vonn\u00f6ten ist. Kaguyahime l\u00e4\u00dft sich zur\u00fcckrufen, weil sie glaubt, anderen Menschen (und sich selbst) nur Ungl\u00fcck zu bringen. In der Sekunde, als sie ihren Irrtum erkennt, will sie diesen Wunsch zur\u00fccknehmen, wei\u00df jedoch, da\u00df dies unm\u00f6glich ist.<br \/>\nDie R\u00fchrung, die das Publikum versp\u00fcrt, ist also ein typischer Effekt der Katharsis, welche die alten Griechen beim Publikum hervorrufen wollten: Das Gl\u00fcck w\u00e4re ja nicht unm\u00f6glich gewesen, wenn alles ein klein wenig anders gelaufen w\u00e4re; wenn der Stiefvater die Zeichen des Himmels ein wenig anders interpretiert h\u00e4tte und seine Frau ein wenig mehr Widerstand geleistet h\u00e4tte, usw. Aber diese vielen Wenns sind vergeblich. Am schwersten zu ertragen ist nicht, da\u00df Kaguyahime gehen mu\u00df; sondern da\u00df sie am Ende alles vergessen wird. (Die Eltern sterben \u00fcbrigens nicht vor Gram wie im Original.)<br \/>\nAus einem M\u00e4rchen eine griechische Trag\u00f6die im Gewand des heianzeitlichen Japans zu machen, noch dazu mit Zitaten und Farben aus dem grotesken Bildvorrat der traditionellen Bildrollen und bei Entlarvung der Hohlheit des h\u00f6fischen Lebens: nur Takahata Isao konnte einen solchen Film machen. Technisch f\u00fchrt er, was er in seinem letzten Film <em>Die Yamadas von Nebenan<\/em> (Tonari no Yamada-kun \u3068\u306a\u308a\u306e\u5c71\u7530\u304f\u3093) begonnen hatte, konsequent fort: Die Bilder erscheinen wie mit dem Pinsel gezeichnet; die nervt\u00f6tende Dreidimensionalit\u00e4t der amerikanischen Animationen fehlt v\u00f6llig, statt dessen gelingt es Takahata, den zweidimensionalen Raum transparent, tief und zugleich <em>superflat<\/em> zu machen. Das ist bezaubernd, hinrei\u00dfend sch\u00f6n und insbesondere in den beiden Traumszenen so \u00fcberragend elegant und schwerelos, wie es wohl kein Pixar-Kreatur jemals werden wird. Die Musik von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hisaishi_Joe\">Hisaishi Joe<\/a> tut ihr \u00dcbriges (schon die Begleitmusik zur Heimholung der Prinzessin ist k\u00f6stlich). Die Synchronsprecher sind perfekt ausgew\u00e4hlt; die 22-j\u00e4hrige Asakura Aki \u671d\u5009\u3042\u304d als Kaguyahime ist makellos: kr\u00e4ftig und lebhaft, genau wie der 26-j\u00e4hrige K\u014dra Kengo \u9ad8\u826f\u5065\u543e als Sutemaru mit einem mit einem wunderbaren Bariton \u00fcberzeugt. In einer Nebenrolle tritt auch Nakadai Tatsuya \u4ef2\u4ee3\u9054\u77e2 auf, der Hauptdarsteller so vieler Kurosawa-Filme. Es ist nur zu bef\u00fcrchten, da\u00df eine deutsche Synchronisation der stimmlichen \u00c4sthetik des Originals nicht gen\u00fcgen wird.<br \/>\nJedenfalls bleibt festzuhalten: Wer diesen Film verpa\u00dft, wei\u00df nicht, wozu auf ihren eigenen Traditionen aufbauende und diese gleichzeitig ins Zeitalter der digitalen Kunst wendende japanische Animationstechnik f\u00e4hig ist. Dieser Film mu\u00df gesehen werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den letzten Szenen ebbt das Popkorn-Geraschel endlich ab. Stattdessen h\u00f6rt man es verd\u00e4chtig schniefen. Erwachsene wischen sich verstohlen \u00fcber die Augen: Kaguyahime kehrt auf den Mond zur\u00fcck. Nat\u00fcrlich, mag man denken: das wei\u00df doch jeder. Die Geschichte geh\u00f6rt zum ganz alten M\u00e4rchenschatz Ostasiens, und Takahata Isao bleibt den altbekannten Handlungslinien dieser Geschichte, dem Taketori Monogatari also weitgehend treu. 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