{"id":3977,"date":"2013-10-25T10:14:30","date_gmt":"2013-10-25T08:14:30","guid":{"rendered":"http:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=3977"},"modified":"2013-10-25T10:18:01","modified_gmt":"2013-10-25T08:18:01","slug":"geschichtskrieg-in-sudkorea-was-heist-pro-japanisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=3977","title":{"rendered":"Geschichtskrieg in S\u00fcdkorea: Was hei\u00dft &#8222;pro-japanisch&#8220;?"},"content":{"rendered":"<p>S\u00fcdkoreas Nationales Institut f\u00fcr Koreanische Geschichte (<em>Kuksa Pyonchan Wiwonh\u00f6<\/em> \u570b\u53f2\u7de8\u7e82\u59d4\u54e1\u6703, NIKH) ist seit 1946 damit beauftragt, \u00fcber die Darstellung und Verbreitung von Ansichten \u00fcber die Geschichte Koreas zu wachen. Dazu geh\u00f6rt auch die Kontrolle der an den Schulen im Land zugelassenen Lehrb\u00fccher.<br \/>\nSeit Mitte 2013 herrscht \u00fcber dieses Institut und seine Zulassungspolitik erbitterter Streit. Hintergrund ist die Entscheidung der neuen Staatspr\u00e4sidentin Park, da\u00df koreanische Geschichte ab 2017 Pflichtteil der staatlichen Eignungspr\u00fcfung f\u00fcr das Hochschulstudium (<em>d\u00e4hak suhak n\u016dngny\u014fk shih\u014fm<\/em> \u5927\u5b78\u4fee\u5b78\u80fd\u529b\u8a66\u9a57, kurz <em>sun\u016dng<\/em>) wird. Denn die Testfragen bei der <em>sun\u016dng<\/em>, die eine entscheidende Weichenstellung in der Bildungskarriere s\u00fcdkoreanischer junger Menschen darstellt, werden aus den vorliegenden offiziellen Lehrb\u00fcchern abgeleitet.<br \/>\nDer Streit tobt zwischen S\u00fcdkoreas Linken und der rechten Mehrheit. Die Linke wirft den Rechten vor, Koreas Geschichte antidemokratisch und pro-japanisch umschreiben zu wollen.<br \/>\nDer Leiter des NIKH ist Yu Y\u014fng-ik, altgedienter Geschichtsprofessor, der erst in diesem Jahr als Summer seiner eigenen Forschungen das Buch &#8222;Yi S\u016dngman, der Landesgr\u00fcnder-Pr\u00e4sident&#8220; (<em>Konguk D\u00e4tory\u014fng Yi S\u016dngman<\/em> \u5efa\u570b\u5927\u7d71\u9818\u674e\u627f\u665a) publiziert hat. Darin hebt Yu nach intensivem Studium der erst in den 1990er Jahren f\u00fcr die Forschung freigegebenen Akten von S\u00fcdkoreas erstem Staatspr\u00e4sidenten dessen pr\u00e4gende Bedeutung f\u00fcr die Formulierung der US-amerikanischen Haltung gegen\u00fcber der Unabh\u00e4ngigkeit Koreas hervor und schreibt ihm letztlich das gr\u00f6\u00dfte Verdienst beim Aufbau eines unabh\u00e4ngigen S\u00fcdkoreas zu. Diese Interpretation geh\u00f6rt zu einem in j\u00fcngster Zeit hervortretenden <a href=\"http:\/\/book.aks.ac.kr\/lib\/down2.asp?idx=2422\">Forschungstrend<\/a>. Doch da Yis als autorit\u00e4r empfundene Herrschaft 1960 durch Studentenunruhen ein dramatisches Ende fand, kann sich S\u00fcdkoreas Linke mit dieser Interpretation nicht anfreunden. F\u00fcr sie war und bleibt Yi ein pro-amerikanischer Antidemokrat &#8212; was f\u00fcr die Linke nahezu synonym ist und nur noch durch den Vorwurf, projapanisch zu sein (was man Yi schwer nachsagen kann) gesteigert werden k\u00f6nnte.<br \/>\nIn dieselbe Linie wie den von Park zum Institutsleiter ernannten Yu ordnet die oppositionelle Linke auch die j\u00fcngste Ernennung von Yi B\u00e4-yong zur Leiterin der Academy of Korean Studies ein. Yi war vorher Pr\u00e4sidentin der Ehwa-Frauenuniversit\u00e4t und spricht sich etwa daf\u00fcr aus, in Geschichtsb\u00fcchern den bisher f\u00fcr die Zeit nach 1989 verwendeten Begriff der &#8222;Demokratie&#8220; in &#8222;liberale Demokratie&#8220; zu differenzieren &#8212; was impliziert, da\u00df es bereits vor dem Ende der Milit\u00e4rdiktatur in S\u00fcdkorea Demokratie gegeben habe; nur eben keine liberale (sondern eine konservative). Dies widerspricht der Geschichtsauffassung der Linken nat\u00fcrlich vehement, deren Pathos aus der Konstruktion einer durchg\u00e4ngigen Widerstandsbewegung von 1910 bis 1989 sch\u00f6pft: anti-japanisch, anti-amerikanisch, anti-autorit\u00e4r. Mit der geringsten Betonung auf anti-kommunistisch, denn dies nimmt die Gegenseite f\u00fcr sich in Anspruch.<br \/>\nDie linksliberale Zeitung Kyunghyang Shinmun sieht in beiden Personalentscheidungen der Pr\u00e4sidentin eine <a href=\"http:\/\/english.khan.co.kr\/khan_art_view.html?code=790101&#038;artid=201309251411207\">Kriegserkl\u00e4rung<\/a> an die Linke:<\/p>\n<blockquote><p>The fact that the government is pushing ahead with the appointment of figures with biased views to head both institutions overseeing Korean studies and Korean history despite controversy is enough to make people suspect that the current history war is progressing at the government level.<\/p><\/blockquote>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/img.koreatimes.co.kr\/upload\/newsV2\/images\/14-01(41).jpg\" alt=\"Demonstration gegen das Schulbuch des Kyohak-Verlags\" \/><br \/>\nIns Visier der Kritik kommt aber auch die Geschichtswissenschaft treibende Zunft selbst. Der Verlag Kyohaksa \u6559\u5b78\u793e ver\u00f6ffentlichte ein neues Geschichtslehrbuch f\u00fcr Oberschulen, dessen Autoren wie Yu und Yi zur &#8222;Neuen Rechten&#8220; gez\u00e4hlt werden. Das Buch erhielt als eines von acht f\u00fcr das Schuljahr 2014 vorgelegten Geschichtsb\u00fcchern eine vorl\u00e4ufige Zulassung durch das koreanische Kultusministerium. Die linke Kritik wirft diesem Werk vor, &#8222;Vorurteile&#8220; zu verbreiten, die auf eine Revision der modernen koreanischen Geschichte hinausliefen. Festgemacht wird dies an <a href=\"http:\/\/www.asianewsnet.net\/Koreas-new-history-textbook-stirs-ideological-deba-47908.html\">Begrifflichkeiten<\/a>, an denen die Linke h\u00e4ngt. So werde die &#8222;Studentenrevolution&#8220; von 1960 (die Yi S\u016dngman aus dem Amt jagte und eine kurze Periode liberaler Demokratie einleitete) nur als &#8222;Studentenbewegung&#8220; bewertet, die &#8222;Demokratische Bewegung von Kwangju&#8220; 1980 nur als &#8222;Aufstand&#8220;. Aus einigen &#8222;Unabh\u00e4ngigkeitk\u00e4mpfern&#8220; der Zeit vor 1945 w\u00fcrden gar &#8222;Terroristen&#8220;, wodurch &#8222;pro-japanische Vorurteile&#8220; verbreitet w\u00fcrden. Die Kolonialzeit werde viel zu positiv dargestellt. Das Buch sei, so ein <a href=\"http:\/\/www.koreatimes.co.kr\/www\/news\/nation\/2013\/10\/180_142911.html\">Oppositionspolitiker<\/a>, &#8222;pro-japanischer als japanische Schulb\u00fccher&#8220;. Die Opposition gelobte gar, Druck und Verwendung dieses Buches mit allen Mitteln verhindern zu wollen. Kritische Historiker beanstandeten fast 300 Stellen in diesem Buch als fehlerhaft und geschichtsverf\u00e4lschend. Stellenweise sei es au\u00dferdem aus Wikipedia abgeschrieben.<br \/>\nAuch das Kultusministerium unterzog Anfang September alle eingereichten Lehrb\u00fccher einer Pr\u00fcfung und ordnete eine Revision zahlreicher &#8222;Fehler&#8220; an. Alle betroffenen Verlage und Autoren wehrten sich dagegen &#8212; die sieben Konkurrenten des Kyohak-Werkes taten sich gar zusammen und wiesen die \u00c4nderungsw\u00fcnsche des Ministeriums mit dem <a href=\"http:\/\/koreajoongangdaily.joins.com\/news\/article\/article.aspx?aid=2979408&#038;cloc=joongangdaily%7Chome%7Cnewslist1\">Hinweis<\/a> zur\u00fcck, sie w\u00fcrden sich nicht in einen Topf mit dem &#8222;fehlerbehafteten&#8220; Konkurrenzwerk werfen lassen. Das Ministerium habe unanst\u00e4ndigerweise nicht ber\u00fccksichtigt, da\u00df das Kyohak-Werk &#8222;pro-japanische Aktivit\u00e4ten und Diktaturen&#8220; glorifiziere.<br \/>\nGegen diese Kritik wehrten sich wiederum die Autoren des Kyohak-Bandes und bezeichneten sie als unfair. Erstens gebe es viele andere B\u00fccher, die pro-kommunistisch, pro-nordkoreanisch, anti-amerikanisch und anti-japanisch verzerrte Darstellungen enthielten und daf\u00fcr nicht kritisiert w\u00fcrden. Mitautor <a href=\"http:\/\/www.asianewsnet.net\/Koreas-new-history-textbook-stirs-ideological-deba-47908.html\">Lee Myung-hee<\/a> hob hervor, es gehe in diesem Buch darum, die bislang &#8222;dichotomisierende Sicht&#8220; auf die koreanische Geschichte aufzubrechen. So sei die Kolonialzeit bislang schwarz-wei\u00df gemalt worden, ohne anzuerkennen, da\u00df sie positive Elemente der Modernisierung mit sich gebracht habe.<br \/>\nSolche von seri\u00f6sen Historikern seit einiger Zeit durchaus vertretenen Ansichten (&#8222;colonial modernity&#8220;) sind freilich unpopul\u00e4r. Die Bezeichnung &#8222;pro-japanisch&#8220; ist in S\u00fcdkorea gleichbedeutend mit &#8222;Kollaboration&#8220;, und zwar sowohl mit dem japanischen Kolonialregime als auch mit den Nachkriegsregimen. Die massive Kritik lie\u00df den Verlag sogar erw\u00e4gen, auf eine Ver\u00f6ffentlichung zu verzichten &#8212; zu gro\u00df war die Gefahr, da\u00df seine anderen Lehrb\u00fccher zum Opfer eines konzertierten Boykotts werden konnten. Die Lehrergewerkschaft organisierte eine Demonstration gegen das Buch, die Schulbeh\u00f6rde der linksregierten Provinz Ky\u014fnggi k\u00fcndigte an, es nicht zulassen zu wollen. Als die Autoren des Geschichtsbuchs im September auf einer Pressekonferenz jedoch versprachen, Korrekturw\u00fcnschen nachzukommen, entschied der Verlag, es wie geplant zu <a href=\"http:\/\/english.yonhapnews.co.kr\/culturesports\/2013\/09\/17\/3\/0701000000AEN20130917003100315F.html\">publizieren<\/a>.<br \/>\nAm 21. Oktober wies das Kultusministerium nun alle acht Schulbuchverlage an, nicht weniger als 829 von ihm ermittelte Fehler oder Fehlinterpretationen bis zum 1. November zu <a href=\"http:\/\/www.koreaherald.com\/view.php?ud=20131021000959\">korrigieren<\/a>. Davon sind <a href=\"http:\/\/koreajoongangdaily.joins.com\/news\/article\/article.aspx?aid=2979408&#038;cloc=joongangdaily%7Chome%7Cnewslist1\">251 im Kyohak-Buch<\/a> gefunden worden.<br \/>\nIm Zusammenhang mit der Kampagne gegen das Kyohak-Buch sprach die konservative Tageszeitung Dong-A Shinmun von einem &#8222;<a href=\"http:\/\/english.donga.com\/srv\/service.php3?biid=2013091793638\">illegalen Angriff<\/a>&#8220; auf die Freiheit von Meinung und Wissenschaft. Zudem k\u00f6nne von Objektivit\u00e4t auch bei den \u00fcbrigen sieben Lehrwerken nicht gesprochen werden. So w\u00fcrden sie nordkoreanischen Terror gegen s\u00fcdkoreanische Politiker wie auch die Versenkung des s\u00fcdkoreanischen Kriegsschiffs Ch\u014fnan <a href=\"http:\/\/english.donga.com\/srv\/service.php3?biid=2013100909908\">verschweigen<\/a>.<br \/>\nJedenfalls beweist die Kontroverse, da\u00df die Liberalisierung des Schulbuchmarktes (vor 2003 gab es in S\u00fcdkorea stets nur vom Staat geschriebene Geschichtslehrb\u00fccher) in einer pluralen Gesellschaft notwendigerweise zu K\u00e4mpfen um die Deutungshoheit \u00fcber die nationale Geschichte f\u00fchrt &#8212; so war es ja auch in Japan, als dort 2001 das rechtslastige &#8222;Neue Geschichtslehrbuch&#8220; des Fus\u014dsha-Verlags erschien. Die &#8222;Geschichtskriege&#8220;, die wir in Japan und S\u00fcdkorea sehen, sind Symptome f\u00fcr die Aufl\u00f6sung eines homogenen, kanonisierten, nationalistischen Geschichtsbildes, an dessen Stelle partikularistische Auffassungen treten. Der &#8222;Geschichtskrieg&#8220; entwickelt sich zunehmend zum B\u00fcrgerkrieg. So grotesk es klingt, mag dies auch wieder Chancen bieten, die sich vor kurzem noch niemand vorstellen mochte: da\u00df sich eines Tages n\u00e4mlich die Linken in beiden L\u00e4ndern und die Rechten in beiden L\u00e4ndern auf ein jeweils gemeinsames, transnationales Geschichtsbild verst\u00e4ndigen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>S\u00fcdkoreas Nationales Institut f\u00fcr Koreanische Geschichte (Kuksa Pyonchan Wiwonh\u00f6 \u570b\u53f2\u7de8\u7e82\u59d4\u54e1\u6703, NIKH) ist seit 1946 damit beauftragt, \u00fcber die Darstellung und Verbreitung von Ansichten \u00fcber die Geschichte Koreas zu wachen. Dazu geh\u00f6rt auch die Kontrolle der an den Schulen im Land zugelassenen Lehrb\u00fccher. Seit Mitte 2013 herrscht \u00fcber dieses Institut und seine Zulassungspolitik erbitterter Streit. Hintergrund ist die Entscheidung der neuen Staatspr\u00e4sidentin Park, da\u00df koreanische Geschichte ab 2017 Pflichtteil der staatlichen Eignungspr\u00fcfung f\u00fcr das Hochschulstudium (d\u00e4hak suhak n\u016dngny\u014fk shih\u014fm \u5927\u5b78\u4fee\u5b78\u80fd\u529b\u8a66\u9a57, kurz sun\u016dng) wird. 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