{"id":3718,"date":"2013-08-02T17:10:23","date_gmt":"2013-08-02T15:10:23","guid":{"rendered":"http:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=3718"},"modified":"2013-08-31T15:14:47","modified_gmt":"2013-08-31T13:14:47","slug":"das-gibts-nur-einmal-miyazaki-hayaos-kaze-tachinu-the-wind-rises","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=3718","title":{"rendered":"Das gibt&#8217;s nur einmal: Miyazaki Hayaos <em>Kaze tachinu<\/em> (The Wind Rises)"},"content":{"rendered":"<p>Heute habe ich in T\u014dky\u014d den neuesten <em>Anime<\/em> von Miyazaki Hayao ansehen k\u00f6nnen: <em>Kaze tachinu<\/em>, englisch <em>The Wind Rises<\/em>.<br \/>\nDieser Film lebt von Voraussetzungen. Wer ihn richtig sehen und genie\u00dfen will, sollte die moderne Geschichte &#8212; politische, milit\u00e4rische, technische, literarische &#8212; kennen: und zwar nicht nur Japans, sondern auch Italiens und Deutschlands. Er sollte wissen, wer <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hori_Tatsuo\">Hori Tatsuo<\/a> war, denn schlie\u00dflich stammt der Filmtitel <em>Kaze tachinu<\/em> von einem seiner Romane. Er sollte aber auch wissen, da\u00df dies eigentlich ein Zitat von Paul Val\u00e9ry ist (&#8222;Le vent se l\u00e8ve!&#8230; il faut tenter de vivre&#8220;), denn das franz\u00f6sische Original steht als Motto am Anfang des Films und wird im Film selbst mehrfach auf franz\u00f6sisch zitiert.<br \/>\nUnd er sollte deutsch k\u00f6nnen. Es handelt sich um den ersten Ghibli-Film, dessen Handlung zum Teil in Deutschland spielt und in dem Deutsch geredet wird &#8212; und gesungen. Aus dem Filmklassiker &#8222;Der Kongre\u00df tanzt&#8220; zitiert Miyazaki die Schlagerzeilen: <\/p>\n<blockquote><p>Das gibt&#8217;s nur einmal,<br \/>\nDas kommt nicht wieder,<br \/>\nDas ist vielleicht nur Tr\u00e4umerei.<br \/>\nDas kann das Leben nur einmal geben,<br \/>\nVielleicht ist&#8217;s morgen schon vorbei.<br \/>\nDas kann das Leben nur einmal geben,<br \/>\nDenn jeder Fr\u00fchling hat nur einen Mai.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Gesungen wird dies passenderweise von Steven Alpert, der bei Walt Disney f\u00fcr die Betreuung der Ghibli-Filme verantwortlich ist. Im Film spielt er einen Deutschen namens Castorp &#8212; nicht zuf\u00e4llig; denn auch Thomas Manns &#8222;Zauberberg&#8220; wird erw\u00e4hnt. Miyazaki w\u00e4hlte diese Liedzeilen aus, weil es darin um &#8222;Tr\u00e4umerei&#8220; geht; ein deutsches Wort, das jeder Japaner von Schumanns &#8222;Tr\u00e4umerei&#8220; her kennt (f\u00fcr Ghibli-Kenner: von Takahata Isao zitiert in <em>Sero-hiki no G\u014dshu<\/em>). Sie passen so gut zu einem Disney-Mann, weil Disney &#8212; genau wie Ghibli &#8212; zum internationalen Komplex der Traumfabriken geh\u00f6rt.<br \/>\nIn dem Film geht es vordergr\u00fcndig nat\u00fcrlich um den Traum vom Fliegen. Kein anderer Ghibli-Film ist so mit Traumszenen &#8212; Tr\u00e4umen bei Tag und Nacht &#8212; durchsetzt, und alle drehen sich ums  Fliegen. Denn sch\u00f6ne Flugzeuge zu bauen ist der Lebenstraum von <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Jiro_Horikoshi\">Horikoshi Jir\u014d<\/a>. Dem Ingenieur, der den erfolgreichsten Kampfflieger der japanischen Luftwaffe, die legend\u00e4re Zero, konstruierte. Und der f\u00fcr das Erreichen seines Traumes das Leben seiner tuberkulosekranken Frau Naoko opferte. Das ist nicht wirklich passiert, sondern eine \u00dcberblendung mit der Romangeschichte von Hori Tatsuo. Hier geht es aber nicht um ein fliegendes Schwein, sondern um historische Pers\u00f6nlichkeiten. Das ist anders als sonst bei Ghibli.<br \/>\nDie Liedzeile &#8222;Das gibt&#8217;s nur einmal&#8220; deutet aber bereits an, da\u00df der Triumph des Flugzeugbauers ebenso kurzlebig ist wie seine Verbindung mit seiner Geliebten: sie haben nur wenige gl\u00fcckliche Tage und N\u00e4chte miteinander. Und auch das gibt es (bisher) nur einmal in der Ghibli-Geschichte: Leidenschaftliche K\u00fcsse und die Andeutung von Sex. Nat\u00fcrlich erst nach der Hochzeit und bei ausgeschaltetem Licht. Das ist schon gut anzusehen.<br \/>\nWas f\u00fcr ein toller Film h\u00e4tte das werden k\u00f6nnen &#8212; wenn nicht immer nur angedeutet worden w\u00e4re. Wir erfahren zu wenig \u00fcber den Helden und seine Leidenschaften; warum er dies alles tut, bleibt seltsam unklar. Man k\u00f6nnte meinen, er sei eigentlich ein 20-j\u00e4hriger Pazu; aber w\u00e4hrend des 14-j\u00e4hrigen Pazus Augen vor Begeisterung spr\u00fchen, sein K\u00f6rper von Tatkraft getrieben und seine Entschlossenheit, die Ehre seines Vaters, das Leben seiner Freundin Sheeta und schlie\u00dflich den Planeten Erde zu retten, aus jedem Cel des Filmes lebendig sprechen, bleibt Jir\u014d steif und leblos &#8212; seine Bewegungen wirken, als h\u00e4tte er einen Stock verschluckt; seine Stimme, gesprochen vom Anime-Regisseur <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hideaki_Anno\">Anno Hideaki<\/a>, spr\u00f6de und gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfig, seine politische Einstellung vage und widerspr\u00fcchlich. Was Horikoshis Flugzeuge anrichten, da\u00df der mit ihnen betriebene Krieg Japan ruiniert hat, wird mehrfach betont. Vor der Wirklichkeit verschlie\u00dft er aber immer wieder die Augen und tr\u00e4umt wieder vom sch\u00f6nen Flugzeug. &#8222;Wir sind keine Waffenh\u00e4ndler&#8220;, hei\u00dft es im Film.<br \/>\nWer Miyazakis Familiengeschichte kennt, wei\u00df, da\u00df sein eigener Vater in die Produktion von Kriegsflugzeugen verstrickt war und da\u00df Miyazaki Hayao die Ambivalenz des Flugzeugs als Menschheitstraum und -albtraum wohlbewu\u00dft ist. Er hat versucht, sehr viel &#8212; zu viel &#8212; in eine Geschichte hineinzuweben.<br \/>\nGespenstische Aktualit\u00e4t entwickelt sein Film jedoch in der Ambivalenz der deutsch-japanischen Beziehungen. Die japanischen Techniker wollen mit den Deutschen kooperieren und werden behandelt wie Industriespione. Sie hoffen, da\u00df die Deutschen ihnen helfen, ihren technologischen R\u00fcckstand aufzuholen &#8212; und werden doch nur als K\u00e4ufer deutscher Exportware gesch\u00e4tzt. Das tut weh; genauso weh wie die Instrumentalisierung der Nazi-Geschichte durch japanische Politiker, die gerade eben erst wieder f\u00fcr unsch\u00f6ne Schlagzeilen gesorgt hat. Hier gibt es noch viel zu kl\u00e4ren und zu erkl\u00e4ren. Das kann der Film nicht leisten, auch hier bleibt es bei Andeutungen.<br \/>\nSo bleibt als Fazit ein gespaltener Eindruck. Es ist ein Anime f\u00fcr Erwachsene; entsprechend sind auch die Bilder: technisch perfekt, mit wenigen Momenten, in denen man lachen kann, und daf\u00fcr mit vielen Dialogen und ruhigen Szenen. Aber auch <em>Porco Rosso<\/em> war ein Anime f\u00fcr Erwachsene, der sich mit dem Bauen und Fliegen von Flugzeugen, mit Krieg und Liebe in fast derselben \u00c4ra besch\u00e4ftigte. Thematisch gilt also im Vergleich zu den anderen Ghibli-Produktionen nicht: &#8222;Das gibt&#8217;s nur einmal&#8220; &#8212; und wenn man mich fragt: <em>Porco Rosso<\/em> sehe ich immer wieder gern. Nicht nur einmal. Bei <em>Kaze tachinu<\/em> bin ich mir nicht so sicher.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute habe ich in T\u014dky\u014d den neuesten Anime von Miyazaki Hayao ansehen k\u00f6nnen: Kaze tachinu, englisch The Wind Rises. Dieser Film lebt von Voraussetzungen. Wer ihn richtig sehen und genie\u00dfen will, sollte die moderne Geschichte &#8212; politische, milit\u00e4rische, technische, literarische &#8212; kennen: und zwar nicht nur Japans, sondern auch Italiens und Deutschlands. Er sollte wissen, wer Hori Tatsuo war, denn schlie\u00dflich stammt der Filmtitel Kaze tachinu von einem seiner Romane. 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