{"id":2722,"date":"2012-05-05T23:09:41","date_gmt":"2012-05-05T21:09:41","guid":{"rendered":"http:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=2722"},"modified":"2012-05-05T23:14:31","modified_gmt":"2012-05-05T21:14:31","slug":"falschmunzer-der-wissenschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kotoba.japankunde.de\/?p=2722","title":{"rendered":"Falschm\u00fcnzer der Wissenschaft"},"content":{"rendered":"<p>Wissenschaft lebt von Menschen, die gute Ideen haben. Aber sie (diese Menschen) sind selten, und deshalb dauert es mit echtem Fortschritt oft l\u00e4nger als erw\u00fcnscht.<br \/>\nDa\u00df nicht jeder von selbst auf gute Ideen kommt, ist der in der wissenschaftlichen Praxis leider nachweisliche Ist-Zustand. Getreu dem ber\u00fchmten Witz \u00fcber den jungen Pfarrer, der seine Probepredigt hielt und vom Vorsitzenden der Pr\u00fcfungskommission danach gesagt bekam: &#8222;Lieber Bruder, Ihre Predigt war voller neuer und guter Gedanken. Leider waren die neuen Gedanken nicht gut und die guten nicht neu.&#8220; &#8212; Diesen Witz hat mir mein Vater erz\u00e4hlt, Jahrgang 1911. Ich nehme daher an, da\u00df er schon vor dem Zweiten Weltkrieg kursiert hat. Woraus ich schlie\u00dfe: Wenn es um Witze geht, erz\u00e4hlen wir ohne jede Hemmung gern nach.<br \/>\nAber bei wissenschaftlichen Arbeiten?<br \/>\nDa hatte ich vor Jahren einmal ein Schl\u00fcsselerlebnis. F\u00fcr einen japanischen Kollegen hatte ich auf seine Bitte hin einen Aufsatz von ihm ins Deutsche \u00fcbersetzt. Er hat es mir sogar bezahlt. Ich war damals Doktorand und konnte das Geld gut gebrauchen. Die \u00dcbersetzung schickte ich an die von ihm angegebene Adresse: einen deutschen Historiker, der mir als Verfasser hochtheoretischer Texte zur Wissenschaftsgeschichte und -ethik bekannt war. Sonst nicht. Ich h\u00f6rte nie wieder etwas von dem Text.<br \/>\nEtliche Jahre sp\u00e4ter, als ich bereits Professor war, fiel mir ein Buch in die H\u00e4nde, das dieser (nunmehr) Kollege herausgegeben hatte. Darin fand sich jener Aufsatz, den ich ein Dutzend Jahre vorher \u00fcbersetzt hatte. Ziemlich unverkennbar war es meine \u00dcbersetzung. Aber sie war nicht unter meinem Namen ver\u00f6ffentlicht. Als \u00dcbersetzer wurde ein ganz anderer Mensch genannt.<br \/>\nIch schrieb den Kollegen etwas verwundert an. Und bekam zur Antwort, das so etwas (also geistiger Diebstahl) v\u00f6llig ausgeschlossen sei.<br \/>\nDiese Antwort \u00e4rgerte mich, also schaltete ich einen Rechtsanwalt ein, der zuf\u00e4llig besonders gut in Urheberrechtsfragen ist. Das Ganze endete damit, da\u00df sich der Kollege und sein damaliger Doktorand bei mir entschuldigten. Mein Manuskript sei damals eingetroffen, man habe es aber nicht verwenden wollen und es dann aus Versehen doch verwandt. Oder so \u00e4hnlich. Ich verzichtete gro\u00dfm\u00fctig auf eine Wiedergutmachung. Nur die Rechtsanwaltskosten wollte ich erstattet haben. Woraufhin der werte Kollege sich als erstes Charakterschwein entpuppte und die Rechnung an den Doktoranden weiterreichte.<br \/>\nJa, das Leben ist ungerecht. Da findet man eine gute Idee, greift sie begeistert auf &#8212; und mu\u00df dann daf\u00fcr bezahlen.<br \/>\nNiemand kann mir weismachen, es gebe einen Wissenschaftler, der nicht wenigstens einmal hart am Rand eines Plagiats gearbeitet hat. Ich erinnere nur an die Einsichten Georg Christoph Lichtenbergs zu diesem Thema:<\/p>\n<blockquote><p>Wenn wir mehr selbst d\u00e4chten, so w\u00fcrden wir sehr viel mehr schlechte und sehr viel mehr gute B\u00fccher haben. (Heft D, Nr. 422)<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>B\u00fccher werden aus B\u00fcchern geschrieben. (Heft D, Nr. 537)<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>Wir verstehen die Kunst, aus ein paar alten B\u00fcchern ein neues zu machen. (Heft F, Nr. 135)<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>Passabel auszudr\u00fccken, was andere Leute gedacht hatten, war seine ganze St\u00e4rke. (Heft J, Nr. 928)<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>Es w\u00e4re gewi\u00df sehr n\u00fctzlich, der Welt die Schriftsteller anzuzeigen, die mit Kenntnis anderer, die vor ihnen gewesen sind, aus sich selbst allein gesch\u00f6pft haben. Durch diese allein lernt man, und es sind ihrer gewi\u00df sehr wenige, die also jedermann leicht lesen k\u00f6nnte. Die andern pr\u00e4gen nach und sind im eigentlichen Verstande Falschm\u00fcnzer. (Vermischte Schriften I, Nr. 280)<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>Er exzerpierte best\u00e4ndig, und alles, was er las, ging aus einem Buche neben dem Kopfe vorbei in ein anderes. (Vermischte Schriften II, Nr. 83)<\/p><\/blockquote>\n<p>(zitiert nach: <em>Lichtenbergs Werke in einem Band<\/em>. Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 3. Aufl. 1978)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wissenschaft lebt von Menschen, die gute Ideen haben. Aber sie (diese Menschen) sind selten, und deshalb dauert es mit echtem Fortschritt oft l\u00e4nger als erw\u00fcnscht. Da\u00df nicht jeder von selbst auf gute Ideen kommt, ist der in der wissenschaftlichen Praxis leider nachweisliche Ist-Zustand. Getreu dem ber\u00fchmten Witz \u00fcber den jungen Pfarrer, der seine Probepredigt hielt und vom Vorsitzenden der Pr\u00fcfungskommission danach gesagt bekam: &#8222;Lieber Bruder, Ihre Predigt war voller neuer und guter Gedanken. 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