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Was in der neuen Zeit selbstverständlich sein sollte

Die Stadtverwaltung von Kyōto 京都 hat im April 2019 in den öffentlichen Räumen und Untergrundbahnhöfen ein Plakat aufhängen lassen mit dem Titel: „Gemeinsam leben — Selbstverständlichkeiten des neuen Zeitalters“. Damit wollte sie ihre Bürger auf den bevorstehenden Thronwechsel einstimmen. Das Bild zeigt friedlich unter blühenden feiernde Menschen unterschiedlicher Ethnizitäten (eine Frau mit Kopftuch und ein Mann mit Turban sind dabei), zwei gleichgeschlechtliche Paare (einmal weiblich, einmal männlich) beim Stadtbummel, behinderte Menschen, die am öffentlichen Leben teilnehmen, sowie Kinder beim fröhlichen Seilspringen. Zur Erläuterung ist noch folgender Text beigegeben:

Laßt uns ein Zeitalter schaffen, das für die Beseitigung der Diskriminierung von Behinderten, die Beseitigung von Haßreden, die Beseitigung der Buraku-Diskriminierung und für Diversität tieferes Verständnis besitzt, in dem jeder einzelne respektiert und niemand zurückgelassen wird.

Schöner kann man es nicht sagen.

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Kaisertum und Walfleisch

In einer Buchhandlung in Tōkyō ist derzeit ein auf den ersten Blick merkwürdiges Angebot auf den Auslagentischen zu beobachten: Im Hintergrund Bücher über die mit ihrem Mann am 30. April aus dem Amt scheidende Kaiserin Michiko 美智子, die erste Bürgerliche im Kaiserhaus; im Vordergrund Walfleischkonserven aus Ishinomaki 石巻. So wird zusammengebracht, was nur scheinbar zusammengehört.
 Die Kaiserin hat sich schon seit ihrer Zeit als Kronprinzessin für wohltätige Zwecke engagiert. Sie folgte damit dem Vorbild der ersten modernen Kaiserin Haruko (genannt Shōken), der Ehefrau des Kaisers Mutsuhito (Meiji). Dazu gehörte auch, Katastrophengebiete zu besuchen, um den Überlebenden Trost zuzusprechen und staatlichen Beistand, zumindest symbolisch, anzukündigen. Das tat Michiko natürlich auch nach der nuklearen Erdbebenkatastrophe vom März 2011.
 Zu den arg gebeutelten Städten des japanischen Nordostens gehört auch Ishinomaki, eine Hafenstadt, die auch für den dort betriebenen Walfang bekannt war. Dieser geriet lange vor der Katastrophe in internationale und nationale Kritik. Lange versuchte die japanische Walfanglobby, diese darbende Industrie als nationales Kulturgut vor dieser Kritik zu schützen. Der Tsunami bot nun ein hervorragendes neues Argument: Walfang gehört demnach zum nationalen Wiederaufbau. Dieser Wiederaufbau-Nationalismus wurde auf der Rechten publizistisch unterstützt. Unsere Buchhandlung ist ein glänzendes Beispiel dafür.
 Mit Japans Austritt aus der Internationalen Walfangkommission und der Wiederaufnahme des „traditionellen“ Walfangs ist dieses Ziel vordergründig erreicht. Bleibt nur die Frage, ob die japanischen Buch- und Fischkonsumenten den Köder auch schlucken werden.
 
 
 

Walkonserven und Kaiserin-Literatur in einer Buchhandlung in Tokyo (April 2019)

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Von Heisei zu Reiwa: Japan vor der Zeitumstellung

Die Thronübergabe

Am 30. April 2019 wird in Japan die Ära des Kaisers Akihito 明仁 enden. In Anwesenheit der höchsten Vertreter der Drei Gewalten Regierung, Parlament und Justiz wird der 85-jährige Kaiser um 17:00 Uhr formell zurücktreten. Genauer gesagt: Er wird der Verlesung seiner Rücktrittserklärung durch Ministerpräsident Abe Shinzō 安倍晋三 zuhören und noch einige letzte Worte äußern. Dabei sein werden auch seine Frau Michiko 美智子, sein Thronfolger Naruhito 徳仁 (59 Jahre) und dessen Ehefrau Masako 雅子. Es handelt sich um den ersten kaiserlichen Amtsverzicht seit 1817; im geltenden Gesetz über das Kaiserhaus ist dieser Fall noch nicht einmal vorgesehen, so daß er offiziell als Ausnahme bezeichnet wird.
Zwischen 17:10 Uhr und 10:30 Uhr am 1. Mai wird Japan kaiserlos sein. Denn erst dann werden zwei der drei kaiserlichen Regalien, nämlich Edelstein und Schwert (letzteres allerdings nur als Replika, denn das Original befindet sich, wenn überhaupt, im Großschreinen von Atsuta) sowie das kaiserliche Staats- und Privatsiegel dem jetzigen Kronprinzen als dem neuen Herrscher übergeben. (Die dritte Regalie, der Spiegel, bleibt stets im Großschrein von Ise.) Dieser Zeremonie (Kenji tō Shōkei no Gi 剣璽等承継の儀) werden wiederum Vertreter der Drei Gewalten sowie ausgesuchte männliche Mitglieder des Kaiserhauses (nicht aber der Ex-Kaiser) beiwohnen; erstmals in der modernen Geschichte wird eine Frau dabei sein, nämlich die Ministerin für Gleichberechtigung Katayama Satsuki 片山さつき. Um 11:10 Uhr wird Naruhito eine öffentliche Rede halten, in der er vermutlich wie schon sein Vater der geltenden Verfassung seine Treue bezeugen wird. Sein Vater war noch zu Zeiten der Vorkriegsverfassung geboren worden; insofern ist Naruhito der erste „geborene“ „Symbolkaiser“.
Vor dem neuen Monarchen liegen nun Monate mit vielen, größtenteils religiösen (und deshalb offiziell nicht-staatlichen) Zeremonien und Feiern am Hof, aber auch an den Shintō-Schreinen mit besonderer Beziehung zum Kaiserhaus. Am 4. Mai werden Kaiser und Kaiserin sich der Bevölkerung zeigen (Sokuigo Chōken no Gi 即位後朝見の儀). Die offizielle Thronbesteigung wird in Anwesenheit auch ausländischer Staatsgäste erst am 22. Oktober stattfinden (Sokuirei Seiden no Gi 即位礼正殿の儀). Am 14. und 15. November wird der Kaiser seinen Ahnen die Thronübernahme formell melden und ein rauschendes Fest veranstalten (Daijōkyū no Gi 大嘗宮の儀). Es folgen dann immer noch ein paar Events, aber das Wichtigste ist dann geschafft.
Eine Konfiserie in Kyōto wirbt mit der neuen Regierungsdevise Reiwa 令和 (April 2019)
Eine Konfiserie in Kyōto wirbt mit der neuen Regierungsdevise Reiwa 令和 (April 2019)

Reiwa: Die neue kaiserliche Devise — „Laßt uns in Ruhe!“

Wie die mit der Thronübergabe anbrechende kaiserliche Zeitrechnung lauten würde, blieb bis einen Monat vor ihrem Beginn den meisten Japanern verborgen. Am 1. April trat Japans Kabinettsminister Suga vor die Presse und hielt eine Tafel hoch, auf der zwei Schriftzeichen prangten, mit welchen die von der Regierung soeben beschlossene Devise für die am 1. Mai anbrechende neue Zeitrechnung Japans geschrieben werden soll. Die Zeichen lauten „Reiwa 令和“, ein Wort, das es in der bisherigen japanischen Sprache noch gar nicht gegeben hat. Eifriges Suchen brachte sogar zutage, daß bislang weder ein Ort noch ein Unternehmen desselben Namens existieren. Ein Universitätsprofessor geriet jedoch ungewollt in die Schlagzeilen, da sein Vorname mit denselben Schriftzeichen geschrieben, allerdings „Norikazu“ gelesen wird. Ein Kollege beschrieb ihn als „sanft, bescheiden und exzellent“ — und als Experten für Verfassungsrecht.
Das ist gleichsam eine Pointe. Denn Verfassungsrechtler sehen das Auswahlverfahren insgesamt als durchaus problematisch an, da das Parlament nicht beteiligt wird. Das Verfahren zur Festlegung der Regierungsdevisen ist in einem Gesetz von 1979 geregelt, das der Regierung sehr freie Hand läßt: Es sieht schlicht ihre Verkündung durch Regierungserlaß vor. Kritiker sprachen gar von einer „Privatisierung“ des Verfahrens durch Premierminister Abe. Die Regierung stellte diesmal nach eigenem Gutdünken eine Findungskommission zusammen, die der Regierung unter strenger Geheimhaltung eine Liste mit sechs Kandidaten zur Auswahl vorlegten. Als Kandidaten kommen stets nur Schriftzeichen in Frage, die einfach zu schreiben und einfach zu lesen sind und deren Kombination kein bislang geläufiges Wort der Umgangssprache darstellt und zugleich einen Bezug zu klassischen Texten besitzt. Die Regierung entschied sich für zwei Schriftzeichen, die aus einer altjapanischen Gedichtsammlung stammen. Das Kabinett beschloß die neue Devise anschließend in einer Sondersitzung, und der amtierende Kaiser Akihito unterzeichnete und besiegelte diese Kabinettsverordnung persönlich. Dies ist in der modernen Geschichte ein Novum, da der Devisenwechsel bislang erst nach dem Ableben des regierenden Kaisers erfolgte. Daß ein Kaiser die Devise seines Nachfolgers regelt, war so an sich nicht vorgesehen. Sein Sohn, Kronprinz Naruhito, der letztlich mit dem neuen Motto leben muß, wurde vor der öffentlichen Verkündigung vom Palastamt informiert. Auch 195 Staaten der Welt erhielten Nachricht über die neue Devise; eine inhaltliche Erklärung werde man nachliefern, versprach Außenminister Kōno Tarō 河野太郎.
Unmittelbar nach der mit Spannung erwarteten und auf fast allen Fernsehkanälen live übertragenen Ankündigung (kunstvoll um ein paar Minuten verzögert) setzte im ganzen Land eine heftige Reaktion ein. Laut dem Staatsrundfunk NHK waren die ersten, die sich professionell auf die neue Devise einstellten, Japans Stempelschneider. Denn Stempel gehören in diesem Land zu den unverzichtbaren Accessoires jedes privaten oder öffentlichen Geschäftsabschlusses. Natürlich kamen als nächstes die Kalenderdrucker. Zeitungen erstellten Sonderausgaben. In einem Schwimmbad in der Präfektur Shizuoka wurde eine Robbe dazu gebracht, die neue Devise mit einem Pinsel im Mund vor dem begeisterten Publikum aufzuschreiben. Ähnliches vollbrachte wenig später ein Elefant in einem Zoo in der Präfektur Chiba. Straßenzüge in Tokyo wurden mit Papierlaternen geschmückt, auf die „Reiwa“ aufgedruckt war. Auf Berghängen, die mit dem Mythos der Kaiserfamilie verbunden sind, errichtete man die Schriftzeichen in Großformat. Verschiedene Firmen gaben ihre Umbennung in „Reiwa“ bekannt. Ein Sumoringer ließ verlauten, er werde sich bemühen, den Geist der neuen Zeit zu verkörpern. Auf der fernen Insel Hokkaidō 北海道 versammelten sich 130 Oberschüler, um in ihrem Kalligrafie-Zirkel das neue Wort zu üben. Die neue Devise sei als Mädchenname besonders geeignet, teilte ein Kalligrafie-Meister mit, und tatsächlich sagten Schwangere in Interviews zu, dies bei der Namenswahl für ihren Nachwuchs zu berücksichtigen. Bislang schon war das erste Schriftzeichen z.B. im Mädchennamen „Reiko“ durchaus geläufig.
Aber in einer kaiserlichen Devise kam „rei“ noch nie vor. Anders als „wa“ („Harmonie, Friede, Japan“), das schon zum 20. Mal eingesetzt wird. Das liegt auch an der geläufigen Bedeutung von „rei“, nämlich „kommandieren, befehlen“. Die ersten Interpretationen waren deshalb auch wenig angetan: „Harmonie/Frieden/Japan befehlen“? Das klang nicht sonderlich überzeugend.
Falsch, sagte da Premierminister Shinzō Abe, dem getreu seiner nationalistischen Grundhaltung großes Interesse nachgesagt wird, daß diesmal ein Motto aus einem japanischen Klassiker ausgewählt wurde und nicht wie bisher aus einem chinesischen: Die neue Devise bedeute, „daß Kultur geboren und gepflegt wird, während die Menschen schön und freundlich sind.“ Die Quelle dieses Mottos, die Gedichtsammlung Man-yōshū 万葉集 aus dem 8. Jh. n. Chr., sei eben kein Produkt einer Elitekultur, sondern von Menschen ganz unterschiedlichen Standes geschaffen worden und damit ein Symbol „der reichen Volkskultur und ihrer langen Tradition“.
Die Stelle im Man-yōshū, auf die Abe so stolz ist und aus der die Zeichen stammen, lautet wörtlich:

Im schönen Monat zu Frühlingsbeginn war die Luft rein und der Wind besänftigte sich …

„Schön“ ist hier mit dem Schriftzeichen „rei“ und „sich besänftigen“ mit „wa“ geschrieben, die man für die neue Devise also ziemlich frei miteinander verbunden hat. Das Gedicht, dem Adligen Ōtomo no Tabito 大伴旅人 zugeschrieben, ist übrigens insgesamt ein Trinklied beim Betrachten der Pflaumenblüte, was dem Pathos des Premiers eine gewisse Würze verleiht. So ähnlich wie in dem berüchtigten deutschen Kommerslied: „In diesen lust’gen Hallen / herrscht Langeweile nicht; / Wir trinken, bis wir lallen / nach alter Teutscher Pflicht.“
Allerdings wies die Redaktion des renommierten Iwanami-Verlags 岩波書店, der nun wirklich zu den wichtigsten Bewahrern der langen Tradition japanischer Kultur gehört und entsprechend auch das Man-yōshū verlegt hat, per Twitter gleich darauf hin, daß sich im Kommentarteil dieser Stelle auch ein Hinweis darauf findet, daß dieses Zitat tatsächlich einem chinesischen Klassiker des 2. Jhs. entlehnt ist, das in Japan seinerzeit wohlbekannt war. Sein Verfasser war Zhang Heng 張衡, ein Naturwissenschaftler, der als Erfinder des ersten Seismoskops und als Urheber einer wichtigen chinesischen Kalenderreform bekannt ist. Insofern ein durchaus berufener Gewährsmann für eine japanische Kalenderreform. Freilich hat Zhang Heng sein Gedicht geschrieben, als er des korrupten Treibens am chinesischen Kaiserhof überdrüssig geworden war und nur noch den Wunsch hegte, in die friedliche Natur seiner Heimatprovinz zurückzukehren. In einer ähnlichen Gemütslage befand sich wohl auch Ōtomo no Tabito.
Aber selbst das paßt recht gut zur Stimmung im heutigen Japan. Abes Verweis auf die traditionelle japanische Kultur und ihren Hang zu Schönheit und Sanftmut bildet schon einen rechten Kontrast zum wenig schmeichelhaften Image, das er und die übrige Politikerzunft unter ihren Landsleuten genießen. Auch wenn politische Geister Abe mit dem Brimborium um die neue Devise ein gigantisches Ablenkungs- und Manipulationsverfahren vorwerfen: Die Sehnsucht nach einem Land, in dem die Pflaumen ewig blühen und die Winde sanft säuseln, mag man getrost als nationales Anliegen bezeichnen. So ergibt sich auch, ganz überraschend, eine Lesart der neuen Devise, die konsensfähig und zugleich ziemlich wörtlich sein dürfte:

Laßt uns in Ruhe!

Das hat man so von Japan ganz sicher noch nie gehört.
Die Polizei von Kyōto appelliert an ihre Bürger, unfallfrei in die neue Zeit zu kommen (April 2019)
Die Polizei von Kyōto appelliert an ihre Bürger, unfallfrei in die neue Zeit zu kommen (April 2019)

„Happy New Era“: Zehn Tage Zwangsurlaub

Medien, Shintō-Schreine und Kaufhäuser versuchen tapfer, das japanische Publikum für die Feierlichkeiten zu begeistern. Sie erhoffen sich gute Umsätze. Zeitschriften und Bücher mit Rückblicken auf die Heisei-Zeit sind erschienen, ebenso Aufforderungen an die Jugend, die neue Zeit mit neuem Geist zu füllen. Wie auch immer. Aber die meisten Japaner haben für solche Dinge wenig Zeit und haben durchaus ihre Mühe damit, in Euphorie zu geraten. Am 27. April, einem Sonnabend, begann für die Japaner eine ungewöhnlich lange Ferienzeit, die allerdings von nicht wenigen als Zwangsbeglückung empfunden wird. Denn die Regierung Abe entschied, den Tag des Thronwechsels, den 1. Mai, zum Feiertag zu erklären. Gesetzlich gilt, daß ein Tag, der zwischen zwei Feiertagen liegt, gleichfalls Feiertag zu sein hat. Da bereits der 29. April (Geburtstag des Kaisers Shōwa), 3. Mai (Verfassungstag) und 5. Mai (Tag der Kinder) Feiertage sind, ergibt sich erstmals in der Geschichte eine lückenlose Folge von zehn arbeits- und schulfreien Tage vom 27. April bis 6. Mai. Hunderttausende Japaner nutzen diese Zeit, um zu verreisen. In der Folge sind Flug- und Hotelpreise auf das Mehrfache der normalen Werte gestiegen. Der positive Effekt für die Regierung: Es sind weniger Menschen in Tōkyō, was die Sicherheitslage begünstigt. Der negative Effekt: Es können weniger Menschen zum Fähnchenschwenken mobilisiert werden. Selbst die Fahnen an den staatlichen Schulen, denen Beflaggung vorgeschrieben wurde, werden deshalb von den Hausmeistern gehißt werden müssen. Der Urlaub ist wichtiger, und die Regierung hat es ja schließlich selbst so gewollt. Den neuen Kaiser kennt und respektiert man, aber daß seine Thronbesteigung angesichts seiner gegen Null gehenden Gestaltungsmöglichkeiten einen echten Wandel in Japan bedeuten wird, glaubt wohl niemand wirklich. Viel mehr beschäftigt die Bevölkerung die Frage, wie oft es wohl noch einen Thronwechsel geben wird, wenn man mit den bisherigen Regeln weitermacht. Es fehlt einfach an männlichem Nachwuchs. Eine rechtsgerichtete Zeitschrift unkte: Die einzigen, die mit der Situation des Kaiserhauses zufrieden sein können, sind die Kommunisten — denn sie haben früher stets die Abschaffung des Kaisertums gefordert und können nun ganz in Ruhe zusehen, wie es sich auf natürliche Weise abschafft.
Aber noch ist es nicht so weit. Das Elektronik-Kaufhaus BigCamera beschenkt seine Kunden zur Zeit mit Kalendern und T-Shirts unter dem Slogan:

Happy New Era — Herzlich willkommen (Yōkoso), Reiwa!

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Leica, Huawei und der Patriotismus

Ein Werbevideo für den Kamera-Hersteller Leica, von einer Tochter der Werbeagentur Saatchi & Saatchi in London produziert, erinnert an den Tiananmen-Zwischenfall 天安門事件 von 1989, der sich im Juni 2019 zum 30. Mal jährt. In China ist dieses Video, das auf geschickte Weise fiktive Szenen aus China, Afrika und Arabien zusammenmischt, auf empörte Kritik gestoßen. Der Kommunikationskonzern Huawei, der sich anschickt, den Weltmarkt mit Billigprodukten zu erobern, und bislang in seinen Smartphones Leica-Objektive verbaut, denkt sogar daran, die Beziehung mit Leica zu beenden. Ein Firmenvertreter äußerte gegenüber der Tageszeitung FAZ:

„Patriotismus ist für das Smartphonegeschäft von Huawei in China von großem Wert.“

Mag sein. Aber erstens ist Geschichtsfälschung durch Zensur unpatriotisch; ich bin sicher, daß man dies in China in spätestens 30 Jahren auch so sehen wird. Und zweitens ist für uns die Freiheit der Meinung von noch größerem Wert. Wertvoller als jedes in Massenmenschenhaltung produzierte Smartphone allemal.

由伦敦萨奇和萨奇广告代理公司的子公司制作的相机制造商徕卡的宣传视频回顾了1989年天安门事件,该事件标志着2019年6月成立30周年。在中国,这部巧妙地融合了中国,非洲和阿拉伯半岛虚构场景的视频遭到了愤怒的批评。迄今为止,华为通信公司已经在其智能手机中安装了徕卡镜头,现在甚至想结束与徕卡的关系。华为希望用廉价产品征服世界市场。一位公司代表告诉日报FAZ:

“爱国主义对华为在中国的智能手机业务具有重要价值。”

可能是。但首先,通过审查来伪造历史是不爱国的;我相信你最迟会在30年内在中国看到这一点。第二,对我们来说,意见自由具有更大的价值。无论如何,比在大众人类中生产的任何智能手机更有价值。

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Reiwa 令和: Japans neue Ära befiehlt den Frieden (?)

Die am 1. April 2019 nicht als Aprilscherz, sondern als Name der am 1. Mai beginnenden Regierungszeit des nächsten japanischen Kaisers verkündete Devise (nengō 年号) lautet Reiwa 令和. Der Begriff stammt erstmals in der japanischen Geschichte nicht aus einem klassischen chinesischen Text, sondern aus der altjapanischen Gedichtsammlung Man-yōshū 万葉集.
Dort heißt es in einem (im Original auf chinesisch geschriebenen) Prosatext zwischen den Gedichten:

初春の月にして気淑く風
Im guten Monat [gemeint ist: 2. Monat] zu Frühlingsbeginn war die Luft rein und der Wind besänftigte sich …

Aber von diesem Zitat kann man wohl kaum auf die Bedeutung der neuen Devise schließen. „Der Februar besänftigt sich“ kann ja wohl kaum gemeint sein.
Das zweite der beiden Schriftzeichen, wa 和 („Friede, Harmonie, Japan, befrieden, besänftigen“), lag relativ nahe. Ich hätte jedenfalls jede Wette abgeschlossen, daß irgendetwas mit „Friede“ vorkommen würde, und wegen der Doppelbedeutung (der älteste japanische Staat hieß Dai-Wa oder Yamato 大和) lag das Zeichen bei der jetzigen nationalistischen Regierung auch recht nahe. Man knüpft damit z.B. an Shōwa 昭和 an, die Zeit des Kaisers Hirohito (1926–1989). Es ist exakt das 20. Mal, daß 和 in einer Devise benutzt wird — ein Dauerbrenner also.
Das erste Schriftzeichen 令 hingegen kommt zum ersten Mal zu dieser Ehre; es bedeutet an sich „befehlen, anordnen“. In extrem altmodischen Wörtern wie reikei 令兄 („Ihr werter Herr Bruder“) oder reishi 令姉 („Ihre werte Frau Schwester“) kann es auch schon „wert/gut“ bedeuten. In der chinesischen klassischen Grammatik steht 令 zudem als Faktitiv oder Kausativ: „etwas veranlassen“.
Somit ergeben sich als mögliche Deutungen für die neue Devise:

  • Frieden befehlen
  • Frieden anordnen
  • Frieden machen
  • Japan befehlen
  • Japan (zu etwas) veranlassen
  • Besänftigung befehlen
  • sanft machen
  • japanisch machen
  • werter Friede
  • wertes Japan

usw.
Die neue Devise enthält also viel Japanisches. Sie wird jedoch Ausländern wenig Freude bereiten. R und L kann man bekanntlich reicht velwechsern. Und den Diphtong ei kann ohnehin kaum jemand aussprechen. Für Deutsche z.B. mag eine Aussprache wie „Laiva“ naheliegen, für Amerikaner dagegen so etwas wie „rrrieway“.

Am Verfahren der Verkündung äußert der Verfassungsrechtler Mizushima Asaho 水島朝穂 drastische Kritik:

Ich bin mit dem Inhalt oder der Art der Entscheidung nicht zufrieden. Auch wenn man den Zweifel hintanstellt, daß das vor 40 Jahren erlassene „Devisen-Gesetz“ festgelegt hat, daß die Devise durch eine Kabinettsverordnung bestimmt wird: Das Kabinett konnte alles bestimmen, einschließlich der „Zeit“ bis zur Ankündigung; es war eine wunderbare politische Show der Abe-Regierung. Die Medien außer E-Tele und BS übertrugen sie live. Wie von NHK angekündigte, kommentierten dieselben Journalisten wie seit 16 Jahren die „Gedanken“ „als Premierminister Abe …“. Daß die Pressekonferenz des Kabinettsministers und die Erklärung des Premierministers etwas verspätet begannen und man die Studioansagerin „Ich bin so aufgeregt“ sagen ließ, halte ich nicht für einen Zufall. Es handelt sich um die perfekte Demonstration der Verbindung von Fragmentierung und Eilbedürftigkeit im Sinne der von H[erbert] Schiller beschriebenen „Manipulation der öffentlichen Meinung“. …
Zudem kann man wohl sagen, daß [die neue Devise] in der Bedeutung nicht von „Frieden durch Recht“, sondern „aktiven Frieden durch Befehl (einschließlich Gewaltanwendung)“ tatsächlich ein Symbol für den „aktiven Pazifismus“ à la Abe ist.

Also dann: Willkommen im Jahr Reiwa 1 … aber erst ab dem 1. Mai!

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Nordkorea 1951: Militärbordelle „reduzieren die Kampfkraft“

Eine Trouvaille aus den jetzt über CrossAsia zugänglichen Foreign Broadcast Information Service (FBIS) Daily Reports der CIA aus der Zeit des Korea-Krieges betrifft den Zusammenhang zwischen Kampfmoral und Sex im Krieg. In einer Rundfunkmeldung vom 11.5. 1951, die über den Chinese International Service ausgestrahlt wurde, heißt es:

As a rule the degradation and degeneration of the American Army organization affects the individual life of the troops. The main function of the American Special Service Division is to provide the GI’s with obscene and sexy magazines and papers and fantasy story books. Among the belongings of the American POW’s are nude snapshots, lewd pictures, and prophylactic rubbers. The prophylactic kit is a legal army supply item for the American soldiers. According to (name given—Ed.), when the troops were stationed in Japan, the majority of the officers and men frequented the brothels from five to seven times a week, thus weakening their bodies and directly reducing their fighting spirit.

(DAILY REPORT. FOREIGN RADIO BROADCASTS (FBIS-FRB-51-100), S. 2, 11.5.1951)

Sachlich ist dies nichts Neues, diese Aspekte der Arbeit der Special Service Division sind schon aus dem Zweiten Weltkrieg bekannt und direkt mit der Problematik der „Trostfrauen“ verknüpft (die ja auch während des Koreakrieges sowohl in Japan als auch in Südkorea für amerikanische Soldaten angeheuert wurden). Die US-amerikanische Argumentation dafür lautete jedoch gerade umgekehrt, daß man durch solche „Dienste“ die Kampfmoral der Truppe steigere! Offenbar dachten Chinesen und Nordkorea genau umgekehrt … jedenfalls offiziell.

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