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Kolonialismus ohne Ende

Shanghai World Financial Center Mit seiner markanten Öffnung zwischen 94. und 100. Stockwerk ähnelt das Shanghai World Financial Center, derzeit das höchste Gebäude Chinas (492 m) mit der weltweit höchsten Aussichtsplattform (474 m), ein wenig einer gigantischen Einkaufstasche. Der Architekt ist Amerikaner, doch finanziert wurde der Bau von einem großen japanischen Konsortium unter Führung des Unternehmens Mori (am besten bekannt durch seine Wolkenkratzer in Tokyo-Roppongi). Erst Ende 2008, elf Jahre nach Beginn der Bauarbeiten, wurde das Werk vollendet. Entsprechend happig ist jetzt der Preis für das Betreten der obersten Aussichtsbrücke (150 RMB — dafür kann ich im Hotel eine Woche lang im Internet surfen).
Ursprünglich sollte die Windöffnung an der Gebäudespitze kreisrund sein. Doch damit hätte sie zu sehr der japanischen Flagge geähnelt, so daß man von diesem Plan Abstand nahm. — Jedenfalls ist das die Legende, die in der Bevölkerung von Shanghai kreist. Modell des Gebäudes mit runder Windöffnung

Leicht absurder Anti-Japanismus dieser Art lebt auch andernorts weiter. In Südkorea z.B., wo während der Kolonialzeit japanische Archäologen Kyeongju, die Hauptstadt des alten Shilla-Reiches, ausgegraben und touristisch zugänglich gemacht hatten. Dazu gehörte nach damaligem Standard auch die Einrichtung einer Bahnlinie. Nach der Unabhängigkeit wurde aus diesen Stätten ein zentraler Baustein des koreanischen Nationalismus. Vor ein paar Jahren trafen sich nun Politiker der Region, um über deren Weiterentwicklung zu beraten. „Da ist noch diese japanische Eisenbahn“, bemerkte jemand. „Ganz übel. Eine japanische Eisenbahn.“ Die anderen stimmten zu: „Völlig klar — die muß weg. Wir wollen unsere eigene Eisenbahn.“ Jemand fragte: „Gut; und wohin bauen wir die neue Eisenbahn?“ Also nahm man sich eine Karte vor und sah nach. Und prüfte und maß und stellte fest: Die Japaner hatten die Eisenbahn genau dorthin gebaut, wo sie am besten hinpaßte. Es ging nicht besser. — Schweigen. Frust. Und dann, ganz leise: „Scheiß Japaner.“

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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