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Der Staatsakt: Und ewig blühen die Kirschen …

Das für den 27. September geplante Staatsbegräbnis für den ermordeten ehemaligen Ministerpräsidenten Abe Shinzō 安倍晋三 wirft neue Rätsel auf. Womit hat er das verdient, fragen sich zahlreiche Japaner: Mehr als 280.000 von ihnen unterzeichneten eine Online-Petition, in der gefordert wird, den Staatsakt abzusagen. Zu den Initiatoren gehört die emeritierte Soziologie-Professorin Ueno Chizuko 上野千鶴子. In Japan finden solche Petitionen in der Regel wenig Zuspruch, deshalb spricht die große Zahl von Unterschriften für die Vermutung, daß ein Gutteil der Japaner Vorbehalte gegen die postume Ehrung hat.
Diese Vorbehalte dürften angesichts der Tatsache nicht geschrumpft sein, daß mit der Durchführung des Staatsakts jene Firma beauftragt wurde, die zu Lebzeiten Abes dessen äußerst umstrittene Kirschblüten-Parties organisiert hatte: Murayama ムラヤマ war, welch Zufall, die einzige Firma, die ein Angebot dafür abgab, und erhielt den Auftrag für 176 Mio. Yen. Laut dem zuständigen Kabinettsminister ging bei der Ausschreibung alles mit rechten Dingen zu … es hätte sich eben nur diese eine Firma beworben …
Aber die Kosten für das Begräbnis liegen natürlich bedeutend höher. Die Regierung nannte 250 Mio. Yen. Doch darin sind die Kosten für die Polizei und für die Bewirtung ausländischer Staatsgäste noch nicht enthalten. Die Opposition hatte auf der Nennung des Kostenrahmens bestanden, um in Gespräche über die Durchführung einzutreten. Schließlich sind es Japans Steuerzahler, die für die merkwürdige Idee ihres Ministerpräsidenten aufzukommen haben.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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