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Verhaftet wegen japanischer Kleidung

Im chinesischen Suzhou wurde am 10. August 2022 eine junge Frau auf offener Straße von Polizisten verhaftet, weil sie sich als japanische Manga-Figur verkleidet hatte und einen Kimono trug. Ihr wurde vorgeworfen, sich nicht wie eine Chinesin zu verhalten. Sie solle gefälligst „chinesische Kleidung“ (chines. hanfu 漢服) tragen.

Der Vorfall ereignete sich in der Huaihai-Straße, in der sich zahlreiche japanische Geschäfte befinden. Vorübergehend war es dort sogar möglich, sich Kimonos auszuleihen.

In den „Sozialen Medien“ reagierten viele Chinesen mit Unverständnis. Ein User veröffentlichte eine Liste japanischer Lehnwörter im Chinesischen mit dem Kommentar: „Vielleicht könnten die Chinesen erst einmal damit aufhören, diese japanischen Lehnwörter zu benutzen.“

Hier ein kleiner Auszug aus der Liste:

政治 (Politik)
政府 (Regierung)
行政 (Verwaltung)
改革 (Reform)
革命 (Revolution)
解放 (Befreiung)
政党 (Partei)
共産主義 (Kommunismus)
資本主義 (Kapitalismus)
民主主義 (Demokratie)

Und natürlich:
警察 (Polizei)

Wer in den Vor-Corona-Jahren beobachtet hat, wie sich ganze Scharen chinesischer Touristen in Japan (Frauen wie Männer) Kimonos ausliehen und damit fröhlich und stolz durch die Straßen Kyōtos flanierten, ahnt schon, wie eng und muffig es im Reich der Mitte geworden ist.

Übrigens sah Kleidung aus der Han-Zeit tatsächlich so aus:

Immerhin hat der Vorfall auch eine historische Dimension. Seit Anbeginn galt nämlich in der han-chinesischen Kultur (oder, wie es ein vermutlich chinesischer Beiträger auf YouTube jetzt ausdrückte, der „orientalischen Zivilisation“) Kleidung als Ausweis einer bestimmten ethnischen Identität. Menschen wurden anhand ihrer Kleidung als zivilisiert oder barbarisch eingeordnet. Ein Verzeichnis ausländischer Delegationen in der Liang-Dynastie aus dem 6. Jh. enthält eine ganze Palette solcher Typisierungen. Ein Diplomat aus Yamato (dem späteren Japan) und sein Kollege aus dem koreanischen Shilla wurden damals so abgebildet:

Beides könnte heute wieder trendy sein. Die Ironie der Geschichte liegt natürlich darin, daß die Kleidung in Japan und Korea sich in den folgenden Jahrhunderten stark an der chinesischen orientierte. Es war der Stil der Tang-Dynastie, welcher in Japan zum Vorbild für die Entwicklung des Kimonos wurde. Bis heute ist das „Tang-Gewand“ (karaginu 唐衣) ein wesentlicher Bestand des zwölflagigen Hof-Kimonos. Dasselbe Wort 唐衣 in koreanischer Aussprache (dangwi 당의) bezeichnet auch in Korea die dort eingeführte weibliche Hofkleidung.

Wie so häufig: Wenn man mit einem Finger auf einen anderen Menschen zeigt, zeigen vier Finger auf einen selbst zurück …

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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