Artikelformat

Sterben für ein Buch

Am 12.8.2022 wurde der indische Schriftsteller Salman Rushdie bei einer Vortragsveranstaltung in New York lebensgefährlich verletzt. Der Anschlag — ausgeführt von einem jener Menschen, bei denen ideologische Hirnwäsche augenscheinlich den anterioren cingulären Kortex zerstört hat — erinnert an die Bedrohung, unter der Menschen leben müssen, die sich für die Freiheit von Meinung und Wissenschaft einsetzen.
Und daran, daß Menschen für diese Freiheit sterben.
Am 12.7.1991 wurde Professor Igarashi Hitoshi 五十嵐一 auf dem Campus der Universität Tsukuba ermordet. Ein Jahr zuvor hatte er die „Satanischen Verse“ Rushdies ins Japanische übersetzt. Der Tathergang wurde nie aufgeklärt; nach japanischem Recht ist die Tat inzwischen verjährt. Vermutet wurde u.a. ein Anschlag des iranischen Geheimdienstes.
Eine Woche vor diesem Mord wurde auch Ettore Capriolo, der die „Satanischen Verse“ ins Italienische übertragen hatte, in Mailand von einem Iraner schwer verletzt.
Zwei Jahre später starben 35 Menschen im türkischen Sivas, als eine aufgehetzte Menschenmenge das Hotel in Brand setzte, in dem Aziz Nesin, der Teile der „Satanischen Verse“ übersetzt hatte, wohnte. Die fanatische Meute hinderte die im Hotel Eingeschlossenen an der Flucht und störte die Löscharbeiten der Feuerwehr massiv. Nesin selbst wurde dabei leicht verletzt.

1945 schrieb George Orwell eine Einleitung zu seiner Novelle Animal Farm, die unveröffentlicht blieb, bis sie 1972, vor 50 Jahren also, von der New York Times mitgeteilt wurde. Der Kernsatz hieraus lautet:

If liberty means anything at all, it means the right to tell people what they do not want to hear.

Das ist 2022 so wahr wie 1972 und 1945.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

Drucken / Print / 印刷

Kommentare sind geschlossen.