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Neuer Streit um Japans Schulbücher

Am 29. März 2022 stellte Japans Kultusministerium die Ergebnisse der Zulassungsverfahren für neue Oberschul-Lehrbücher vor. In 14 Geschichtsbüchern gibt es demnach Änderungen, welche die japanisch-koreanischen Beziehungen betreffen. Diese Änderungen gehen auf einen Beschluß des japanischen Kabinetts unter Abe Shinzō vom April 2014 zurück, als festgelegt wurde, daß japanische Schulbücher mit Blick auf die moderne japanische Geschichte die „einheitliche Auffassung der Regierung“ wiedergeben sollten:

Gibt es eine einheitliche Auffassung der Regierung, die durch Kabinettsbeschluß oder auf andere Weise zum Ausdruck kommt, oder gibt es Präzedenzfälle des Obersten Gerichtshofs, so stützt sich die Erklärung auf diese Präzedenzfälle.

Am 29.4.2021 legte das japanische Kabinett dann fest, es sei seine „einheitliche Auffassung“, daß die von kritischen Historikern bevorzugte Bezeichnung „Militär-Trostfrauen“ (従軍慰安婦 Jūgun Ianfu) falsch sei und stattdessen „einfach“ (単に) nur von „Trostfrauen“ die Rede sein solle. Zudem solle der Einsatz Hunderttausender Koreaner in der japanischen Kriegswirtschaft nicht als „Verschleppung unter Zwang“ (強制連行 Kyōsei Renkō) genannt werden, sondern „Mobilisierung“ (動員 Dōin).
Dieses Ansinnen der Regierung kommt nach Ansicht von Historikern und Medien einer Zensur gleich, und auch die japanische Anwaltsvereinigung erklärte am 17.2.2022, es sei

als staatliche (regierungsseitige) Kontrolle über den Inhalt von Schulbüchern zu werten, was im Sinne der genannten Verfassung keineswegs zulässig ist.

Doch den Verlagen blieb nichts anderes übrig, als dem Befehl der Regierung zu entsprechen. Den Reigen begannen im letzten Herbst die Mittelschullehrbücher, nun kamen die Oberschulbücher an die Reihe. Allerdings zeigten sie dabei Kreativität. Denn es ist nach wie vor nicht verboten, neben der Auffassung der Regierung auch andere Auffassungen vorzustellen. Der Schulbuchverlag Jikkyō änderte beispielsweise die Formulierung „Viele Frauen wurden zu Trostfrauen der japanischen Armee gemacht“ in „Viele Frauen wurden zu ‚Trostfrauen‘ gemacht und mußten in Bordellen arbeiteten, an denen auch die japanische Armee beteiligt war“. Im Schulbuch des Verlags Tōkyō Shoseki wurde die Erklärung des damaligen Kabinettssprechers Kōno zu den „Militär-Trostfrauen“ um die Mitteilung ergänzt, der Kabinettsbeschluß von 2014 halte das Wort „Militär-Trostfrauen“ nicht für angemessen. Im Schulbuch des Yamakawa-Verlags wurde die Formulierung, Arbeiter seien unter Zwang nach Japan verschleppt worden, umgeändert in: Arbeiter wurden gewaltsam nach Japan gebracht.
Wie an diesen Beispielen zu sehen, ist der Widerstand japanischer Schulbuchautoren und ihrer Verlage gegen einen regierungsamtlichen Geschichtsrevisionismus ungebrochen. Am Inhalt des Schulunterrichts wird sich wegen dieser Umformulierungen wohl kaum etwas ändern. Doch natürlich gibt die verharmlosende und beschönigende Tendenz der amtlichen Sprachregelungen Anlaß zur Sorge, und das nicht nur im Inland. Die südkoreanische Regierung hat wie schon im September 2021 auch dieses Mal heftige Kritik daran geübt. Die auch in den südkoreanischen Medien geübte Kritik geht allerdings auf die Umgehungstaktik der japanischen Verlage nicht ein. Aber die japanisch-koreanischen Dispute waren noch nie für feinsinnige Differenzierung bekannt.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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