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Das Loch des Krieges und das Joch des Krieges

Die Europa-Karte der zivilen Flugbewegungen, die man auf flugradar.org und anderswo verfolgen kann, zeigt heute, am 24. Februar 2022, ein großes Loch über dem Kontinent. Über Europa legt sich wieder Das Joch des Krieges.
So hat der russische Schriftsteller Leonid Andrejew seinen tagebuchartigen Roman benannt, den er 1918 veröffentlichte. Darin heißt es:

Es mag wohl sein (ja, und es ist so), daß höhere Geister, Politiker, Journalisten imstande sind, einen Sinn in dieser ungeheuerlichen Balgerei zu sehen, meinem kleinen Geiste aber ist es unverständlich, was daran Erhabenes und Vernünftiges sein soll. Und wenn ich mir vorstelle, daß ich in den Krieg ginge, inmitten eines freien Feldes stünde und die anderen absichtlich mit Waffen und Kugeln wider mich losgingen, um mich zu töten, das Gewehr auf mich anlegten, sich bemühend, mich zu vernichten, so fängt das Ganze an, mir lächerlich zu erscheinen, einen Hauch von übernatürlicher Dummheit zu bekommen.

Für die Menschen, die in diesen Stunden — denen sicher lange Tage folgen werden — getötet oder verletzt, vertrieben oder vernichtet werden, wird dies sicher nicht „lächerlich“ sein. Wir leben nicht, um „einen Hauch von übernatürlicher Dummheit“ zu spüren. Aber wenn wir ihn spüren, dann sollten wir nicht zögern, Dummheit als Dummheit zu bezeichnen. Und uns zu schämen und zu fürchten, weil unsere Dummheit uns Menschen immer wieder zu neuer Dummheit verführt.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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