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Des allerkatholischsten Admirals Gelbe Gefahr

Am 21. Januar 2022 redete sich der Inspekteur der Bundesmarine, Vizeadmiral Kay-Achim Schönbach, im Gespräch mit einem indischen Think Tank um Kopf und Kragen. Sein Auftritt stand im Zusammenhang mit dem Besuch des deutschen Kriegsschiffs Bayern in der Region, über den ich bereits berichtet habe. Für seine „unbedachten Äußerungen“ (so nannte er sie selbst hinterher) versetzte ihn die Bundesverteidigungsministerin umgehend in den einstweiligen Ruhestand. Mich interessiert daran folgende Passage im originalen Youtube-Video ab 1:07:50, die in deutscher Übersetzung lautet:

Russland ist ein altes Land. Rußland ist ein wichtiges Land. Auch wir, Indien, Deutschland, wir brauchen Rußland. Denn wir brauchen Rußland gegen China. Wahrscheinlich nicht aus Ihrer Sicht, aus meiner Sicht. Ich bin ein sehr radikaler römischer Katholik. Ich glaube an Gott und ich glaube an das Christentum. Und da wir christliche Länder haben, spielt es keine Rolle, daß Putin Atheist ist. Ich denke, wenn wir dieses große Land, das keine Demokratie ist, als bilateralen Partner an unserer Seite haben und ihm eine Chance mit der EU und auch mit den USA geben, wenn wir es auf Augenhöhe haben, dann ist das eine leichte Aufgabe und hält uns Rußland richtig von China fern. Denn China braucht die Ressourcen Russlands. Und sie sind bereit, sie zu geben, weil unsere Sanktionen manchmal in die falsche Richtung gehen.

Offenbar hält Schönbach also „Kreuzzüge gegen China“ (so Peter Carstens in der FAZ) für nötig, um das christliche Abendland zu verteidigen. An diesem Gedanken erstaunt, daß er von einem bekennenden Katholiken geäußert wurde. Denn die katholische Kirche ist in China seit langem präsent, und der Vatikan bemüht sich um eine Entkrampfung seines Verhältnisses zur kommunistischen Führung (NOCH gehört der Vatikan zu den wenigen Staaten, die Taiwan anerkennen). Nach neuesten Schätzungen gibt es in China mehr als 100 Millionen Christen, wenn auch die meisten davon Protestanten sein dürften (genaue Zahlen sind unbekannt, aber die chinesische Regierung hat 2018 wenigstens 36 Mio. Mitglieder der von ihr anerkannten Kirchen registriert). Das bedeutet, daß der Anteil der Christen an der chinesischen Gesamtbevölkerung bei ca. 10 Prozent liegt. Und daß es dort mehr Christen als in Deutschland gibt. Unter diesen Umständen China als Gegner des Christentums zu bezeichnen, ist offenkundig absurd. (Wie überhaupt die Idee absurd sein sollte, ein bestimmtes Land — also eine politische Verwaltungseinheit — als irgendeiner Religion gehörig zu bezeichnen.) Ein südkoreanischer buddhistischer Mönch äußerte mir gegenüber einmal, er erwarte mit Bestimmtheit, daß China eines nicht sehr fernen Tages christlich dominiert sei.
Aber des katholischen Admirals Denkweise stammt natürlich nicht aus dem Vatikan. Vielmehr rührt sie aus der Tradition der „Gelben Gefahr“, die Ende des 19. Jhs. in Deutschland und den USA erfunden wurde. Der protestantische (!) Kaiser Wilhelm II. wetterte damals gegen China (und Japan) und betrieb europäische Bündnispolitik unter denselben Prämissen: Völker Europas, wahrt eure heiligsten Güter! Was damals Blödsinn war, ist heute auch noch Blödsinn. Damals wie heute gefährlicher Blödsinn.
Mit einem Bild des deutschen Malers Knackfuß versuchte Wilhelm damals für seine Politik zu werben. Es zeigte die europäischen Mächte, angeführt vom deutschen Erzengel Michael, im heldenhaften Abwehrkampf gegen den auf einer dunklen Wolke aus dem Osten herannahenden, städteversengenden Buddha. In allen Offiziersmessen der deutschen Kriegsschiffe hingen damals Kopien dieses Machwerks. Vielleicht hat Schönbach dort so denken gelernt.

Viele Karikaturisten machten sich damals über Knackfuß und Wilhelm lustig. Der Zeitschrift Lustige Blätter gelang damals eine besonders schöne Antwort, die in diesen Tagen hochaktuell ist, wie auch die Reaktionen auf Schönbachs geistigen Fehltritt wieder verdeutlichten.

Die gelbe Gefahr und der gelbe Neid (Die Zwietracht der Mächte) „Völker Europas, bewahrt gegenseitiges Misstrauen als das heiligste eurer Güter!“ (Lustige Blätter: schönstes buntes Witzblatt Deutschlands 15:30, 1900, S. 2)


Literatur zum Thema

  • Mehnert, Ute: Deutschland, Amerika und die ›Gelbe Gefahr‹. Stuttgart: Franz Steiner (1996)
  • Linhart, Sepp: Niedliche Japaner oder Gelbe Gefahr? Westliche Kriegspostkarten 1900-1945: Western War Postcards 1900-1945. Hamburg: LIT (2006)
  • Wippich, Rolf-Harald: The Yellow Peril: Strategic and Ideological Implications of Germany’s East Asian Policy Before World War I: The Case of William II. In: Sophia International Review 18 (1996), 57–65

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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