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Die Gesellschaft verliert ihre Sprache

Das Wintersemester hat in Bonn soeben begonnen. Erste Stunde im Koreanisch-Kurs für Erstsemester. Studenten fragen die Dozentin, die ihnen die Grundzüge der koreanischen Sprache erläutern will: „Was ist ein Vokal? Was ist ein Konsonant?“
Sie wußten es schlicht nicht.
Der Zugang für Koreanisch wird über einen Numerus Clausus gesteuert. In diesem Jahr lag er bei 2,2. Wir können also annehmen, daß die Koreanisch-Lerner ein überdurchschnittlich gutes Abitur gemacht haben.
Aber wie will man unter diesen Umständen in unserer Gesellschaft über Sprache überhaupt noch sinnvoll diskutieren? Wie soll man z.B. verständlich machen, was ein generisches Maskulinum ist? Wie will man über Rassismus und verwandte Phänomene sinnvoll disputieren, wenn gar kein Verständnis für die Komplexität von Sprache vorausgesetzt werden kann?
Unsere Gesellschaft verliert offenbar ihre Sprache. Was das für die Möglichkeiten von Kommunikation, Verständigung und Kritik bedeutet, mag ich mir gar nicht ausmalen.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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