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Hong Kong, China … die Revolution beginnt

Ich kann mich historisch an keine einzige erfolgreiche Revolution erinnern, in der nicht mehrere, mitunter höchst antagonistische Lager zusammenarbeiteten. Die anschließenden „Säuberungen“, in denen mühsam und gewaltvoll versucht wurde, Homogenität zu erzeugen („Die Revolution frißt ihre Kinder“), belegen das doch. Robespierre, Trotzki und selbst Mao haben das alles erlebt. Revolution nur mit der reinen Lehre kann nicht gelingen.

Es ist kritisiert worden, daß die gegenwärtige Protestbewegung in Hong Kong politisch sehr unterschiedliche und teilweise an die koloniale Vergangenheit der Stadt anknüpfende Forderungen erhebe. Wenn wir angesichts der anhaltenden Proteste für Hong Kong in diesen Tagen eine revolutionäre Stimmung unterstellen, dann sollte uns allerdings wirklich nicht wundern, daß sich darunter auch Stimmen finden, die unseren jeweils eigenen politischen Vorstellungen nicht entsprechen; so sind Revolutionen nun einmal. Und wenn ich mir die Ergebnisse der letzten Kommunalwahl sowie die Beteiligung an Massendemonstrationen in Hong Kong ansehe, dann kann ich auch nicht erkennen, daß hier privilegierte, reaktionäre Elitenkinder auf eigene Faust handelten. Die Bevölkerung hat sie auf die einzige ihr jetzt mögliche Weise hinreichend legitimiert. „Ermächtigt“ wäre zuviel gesagt; aber das ist, worum es letztlich geht.

Am 30. August 2019 hat Liao Yiwu in der FAZ auf das Schicksal von Yang Wei hingewiesen, der wegen Tiananmen jahrelang im Gefängnis saß und 1998 die Demokratische Partei Chinas gründete. Als einziger der Parteigründer entging er der erneuten Verhaftung durch Flucht ins Ausland. Soeben wurde er jedoch aus Kanada nach China abgeschoben, obwohl er offensichtlich als Spätfolter der Haftfolter geistig verwirrt war. Angeblich soll er in diesem Zustand im Gerichtssaal gerufen haben: „Schickt mich nach China zurück!“ Liao kommentiert:

Wenn sich die Leute in Hongkong nicht mehr wehren, werden wir alle eines Tages auch schreien: ‚Schickt mich nach China! Schickt mich nach China!‘

Und heute, am 10.1.2020, macht Liao in der FAZ (Druckausgabe, S. 11) die Verurteilung des chinesischen Pastors Wang Yi zu einer neunjährigen Gefängnisstrafe im Dezember bekannt; auch er ein „Mittäter“ von Tiananmen. Liao zitiert ein Gedicht, das Wang 2015 schrieb. Darin heißt es:

In dieser Zeit schreib unbedingt ein verdächtiges Gedicht! / Eine Zeile Chinesisch stürzt die Regierung. / … In dieser Zeit sag ein Gedicht auf, das sind zwei, drei Verbrechen. / Wenn du nichts aufsagst, wirst du aufgesagt.

„Wenn du nichts aufsagst, wirst du aufgesagt.“ —
Das geht mir deutlich näher als die Sorge um postkoloniale Kopfschmerzen.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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