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Kaisertum und Walfleisch

In einer Buchhandlung in Tōkyō ist derzeit ein auf den ersten Blick merkwürdiges Angebot auf den Auslagentischen zu beobachten: Im Hintergrund Bücher über die mit ihrem Mann am 30. April aus dem Amt scheidende Kaiserin Michiko 美智子, die erste Bürgerliche im Kaiserhaus; im Vordergrund Walfleischkonserven aus Ishinomaki 石巻. So wird zusammengebracht, was nur scheinbar zusammengehört.
 Die Kaiserin hat sich schon seit ihrer Zeit als Kronprinzessin für wohltätige Zwecke engagiert. Sie folgte damit dem Vorbild der ersten modernen Kaiserin Haruko (genannt Shōken), der Ehefrau des Kaisers Mutsuhito (Meiji). Dazu gehörte auch, Katastrophengebiete zu besuchen, um den Überlebenden Trost zuzusprechen und staatlichen Beistand, zumindest symbolisch, anzukündigen. Das tat Michiko natürlich auch nach der nuklearen Erdbebenkatastrophe vom März 2011.
 Zu den arg gebeutelten Städten des japanischen Nordostens gehört auch Ishinomaki, eine Hafenstadt, die auch für den dort betriebenen Walfang bekannt war. Dieser geriet lange vor der Katastrophe in internationale und nationale Kritik. Lange versuchte die japanische Walfanglobby, diese darbende Industrie als nationales Kulturgut vor dieser Kritik zu schützen. Der Tsunami bot nun ein hervorragendes neues Argument: Walfang gehört demnach zum nationalen Wiederaufbau. Dieser Wiederaufbau-Nationalismus wurde auf der Rechten publizistisch unterstützt. Unsere Buchhandlung ist ein glänzendes Beispiel dafür.
 Mit Japans Austritt aus der Internationalen Walfangkommission und der Wiederaufnahme des „traditionellen“ Walfangs ist dieses Ziel vordergründig erreicht. Bleibt nur die Frage, ob die japanischen Buch- und Fischkonsumenten den Köder auch schlucken werden.
 
 
 

Walkonserven und Kaiserin-Literatur in einer Buchhandlung in Tokyo (April 2019)

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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