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Japanische Rhetorik und wie man sie übersetzt

So beginnt am 24. Juli 2017 eine Meldung der politischen Redaktion in Japans staatlichem Nachrichtensender NHK:

安倍総理大臣は衆議院予算委員会で、東京都議会議員選挙の応援演説で、聴衆からのヤジに対し「こんな人たちに負けるわけにはいかない」などと述べたことについて、批判を排除したと捉えられたなら不徳の致すところだとしたうえで、批判に耳を傾けながら政権運営にあたる考えを強調しました。

In lateinischer Umschrift:
Abe Sōridaijin wa Shūgiin Yosan Iinkai de, Tōkyōto Gikai Giin Senkyo no Ōen Enzetsu de, Chōshū kara no Yaji ni taishi "Konna Hitotachi ni makeru Wake ni wa ikanai" nado to nobeta koto ni tsuite, Hihan wo Haijo shita to toraerareta nara Futoku no itasu tokoro da to shita ue de, Hihan ni Mimi wo katamukenagara Seiken Un-ei ni ataru Kangae wo Kyōchō shimashita.(1)

An einem solchen, für japanische Nachrichten durchaus nicht ungewöhnlichen Bandwurmsatz hat man schon ein bißchen zu knabbern. Deshalb demonstriere ich hier einmal, wie ich mich solchen Satzungetümen methodisch nähere.

Das grammatische Thema

Die erste und wichtigste Frage zum Verständnis lautet: Was ist das Thema dieses Satzes? Dafür gibt es in der japanischen Grammatik einen speziellen Markierer, die Themapartikel は (ha, gesprochen wa). Sie steckt grundsätzlich irgendwo am Anfang eines thematischen Zusammenhangs; so auch hier, und zwar nach dem 7. Schriftzeichen:

安倍総理大臣は
Abe Sōridaijin wa

Die Themapartikel taucht noch ein zweites Mal auf, aber hier erkennbar eingefaßt in Anführungszeichen (「」), also in einem Zitat, das erst einmal außer Betracht gelassen werden kann. Das übergeordnete Thema dieses Satzkomplexes lautet also auf deutsch:
Premierminister Abe
(Wer nicht weiß, was ein Premierminister oder wer Abe ist, tut gut daran, sich in gängigen Nachschlagewerken kundig zu machen. Ich versehe diese Begriffe daher mit Verweisen, die zur Orientierung dienen können.)
Wir wissen also jetzt schon einmal: Es geht um den aktuellen japanischen Premierminister.

Die Satzanalyse

Für komplexe Sätze im Japanischen richte ich mich stur nach den Regeln für komplexe Sätze im Lateinischen. Denn für die Prosa-Rhetorik beider Sprachen gilt: Das Hauptverb steht am Ende, alle Nebensätze bilden ihrerseits in Verben endende Wortverbindungen, die wie Parenthesen behandelt werden können. Also lassen wir am Anfang alles weg, was nicht direkt mit dem Hauptverb in Verbindung steht. Damit haben wir den Hauptsatz.

安倍総理大臣は衆議院予算委員会で ... 考えを強調しました。
Abe Sōridaijin wa Shūgiin Yosan Iinkai de ... Kangae wo Kyōchō shimashita.
Premierminister Abe betonte im Haushaltsausschuß des Unterhauses den Gedanken ...

Wir sehen jetzt schon, welche Information wir als nächstes dringend benötigen: nämlich, um welchen Gedanken es sich handelt. Also nehmen wir den Ausdruck hinzu, der vor dem Wort „Gedanke“ steht:

政権運営にあたる考え
Seiken Un-ei ni ataru Kangae
der Gedanke, sich den Regierungsgeschäften zu widmen

Davor steht eine Verbform mit der Endung -nagara, die Gleichzeitigkeit bedeutet und dem Hauptsatz beigeordnet ist, mit dem sie in jedem Fall dasselbe Subjekt teilt.

批判に耳を傾けながら
Hihan ni Mimi wo katamukenagara
während er (Abe) Kritik berücksichtige

Achtung: Da es sich hier um indirekte Rede — eine Aussage Abes — handelt, ist der Konjunktiv notwendig!

Wir arbeiten uns weiter von rechts nach links vor und finden dort die Konjunktion ue de うえで; sie ist freundlicherweise in Abgrenzung von dem Adverb ue de 上で in Hiragana geschrieben und dann auch mit einem Komma abgegrenzt. Das ist nicht immer der Fall. Aber da eine Verbform davor steht, ist kein Zweifel möglich: Es handelt sich um eine Konjunktion. Da kein anderes Subjekt angegeben ist, ist immer noch das Subjekt des Hauptsatzes gemeint.

したうえで
shita ue de

Vor dem Verb shita した steht allerdings die zitatanzeigende Konjunktion to と. Deshalb ist die korrekte Übersetzung hier
nachdem er (Abe) gesagt hatte

Das Zitat vor to lautet:
不徳の致すところだ
Futoku no itasu tokoro da
Er übernehme die moralische Verantwortung

(Wörtlich: „Es handelt sich um einen untugendhaften Vorgang.“ Das Wörterbuch Kōjien 広辞苑 erklärt diese Redewendung: „Ein Ausdruck der Entschuldigung, mit dem man sich selbst Versagen zuschreibt, wenn etwas nicht gut gelaufen ist.“)
Das Ganze muß natürlich als indirekte Rede in die 3. Person und den Konjunktiv gebracht werden.
Wofür Abe die moralische Verantwortung übernehmen will, ergibt sich aus dem mit to verschachtelten verbalen Ausdruck, der davor steht:

批判を排除したと捉えられたなら
Hihan wo Haijo shita to toraerareta nara
Falls es so aufgefaßt worden sei, daß er (Abe) Kritik unterdrückt habe

Davor steht das Adverb ni tsuite について („angesichts, hinsichtlich“), dem ein weiterer mit to verschachtelter Verbkomplex voransteht. Das Subjekt ist immer noch dasselbe.

東京都議会議員選挙の応援演説で、聴衆からのヤジに対し... などと述べたことについて
Tōkyōto Gikai Giin Senkyo no Ōen Enzetsu de, Chōshū kara no Yaji ni taishi ... nado to nobeta koto ni tsuite
Angesichts dessen, daß er bei einer Unterstützungsrede zur Wahl der Abgeordneten des Parlaments der Präfektur Tōkyō auf Zwischenrufe aus der Zuhörerschaft heraus u.a. ... geäußert hatte

Nun fehlt noch das, was Abe wörtlich geäußert hat; es steht in Anführungszeichen, ist also wörtliche Rede:

「こんな人たちに負けるわけにはいかない」
"Konna Hitotachi ni makeru Wake ni wa ikanai"
"Von solchen Leuten dürfen wir uns nicht unterkriegen lassen"

Übersetzung

Fehlt nur noch, diese Einzelteile jetzt schön ordentlich zusammenzusetzen und der deutschen politischen Rhetorik anzupassen:

Premierminister Abe bekräftigte im Haushaltsausschuß des Unterhauses seine Absicht, sich seinen Regierungsgeschäften zu widmen und dabei auch Kritik ernstzunehmen, nachdem er gesagt hatte, er übernehme die moralische Verantwortung dafür, falls angesichts dessen, daß er bei einer Unterstützungsrede zur Wahl der Abgeordneten des Parlaments der Präfektur Tōkyō auf Zwischenrufe aus der Zuhörerschaft heraus u.a. geäußert hatte, „Von solchen Leuten dürfen wir uns nicht unterkriegen lassen“, der Eindruck entstanden sei, daß er Kritik unterdrückt habe.

Interpretation

Für die deutsche Öffentlichkeit mag eine solche Einlassung merkwürdig erscheinen; man erinnere sich nur daran, wie aggressiv etwa Helmut Kohl auf die nicht selten massiven Störungen seiner Wahlkampfreden reagierte. In Japan gehört dies allerdings nicht zum guten Ton. Insofern wirken selbst Äußerungen, die nach deutschen Maßstäben nur milde verächtlich wären („solche Leute“), als unpassend und nicht souverän gegenüber dem gern als „Schiedsrichter“ (shinpan 審判) bezeichneten Wahlvolk.
Die Aufregung erklärt sich allerdings nur dadurch, daß Abes Partei die Wahl in Tōkyō (und seitdem auch noch die Bürgermeisterwahl in Sendai) verloren hat und die Umfragewerte für seine Regierung in den Keller gefallen sind. Da wird man als Politiker dünnhäutig und hellhörig, und die Öffentlichkeit registriert sehr genau, welche Nervosität im Augenblick herrscht.

Anmerkung

1 Die Umschrift des Japanischen ins lateinische Alphabet erfordert stets Entscheidungen, die man auch anders treffen könnte. In Übereinstimmung mit den Regeln des japanischen Kultusministeriums habe ich in der Umschrift Hauptwörter wie im Deutschen großgeschrieben. Das erleichtert vor allem das Lesen. Die Frage, was man als Hauptwort betrachtet und wo man die Wortgrenzen setzt, ist ihrerseits komplex, aber hier nicht Gegenstand meiner Betrachtung.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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