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Kanō Jigorō und das Erbarmen

Seit sechs Wochen warte ich auf Antwort von einem Mitarbeiter der Verwaltung meiner Universität. Ich habe ihn wegen eines die Studenten betreffenden, dringenden Problems um einen Termin gebeten. Nach vier Wochen habe ich meine Bitte wiederholt. Er hat bis heute nicht reagiert.
Heute abend, kurz vor 20 Uhr, bin ich ihm zufällig auf der Straße begegnet. Mein Kleinhirn signalisierte: Chance ergreifen! Ansprechen, überrumpeln, überwältigen!
— Ja, so denken Sieger. Aber der mir dort im Halbdunkel begegnete, war ein Häufchen Elend: schwarze Ringe unter den Augen, abgemagert, ängstlich geweitete Augen. Unter dem Arm hielt er — offenbar auf dem Weg aus dem Büro nach Hause — ein dickes Aktenbündel. Das Tagesgeschäft war für ihn wohl noch nicht beendet. In diesem Zustand eine leichte Beute also.
Mein Großhirn schaltete sich ein: „Guten Abend“, wünschte ich ihm — und ging weiter.
Wahrscheinlich hätte ich ihn tatsächlich überrumpeln können. Auf die Matte legen, wie die Ringer sagen.
Und die Judo-Kämpfer. Solange es mein Rücken zuließ, war ich ja selber einer. Ich habe geworfen und mich werfen lassen. Was auf der Judo-Matte geschieht, so erklärte es der Gründer des Judo, der große japanische Pädagoge Kanō Jigorō, ist allerdings kein Machtkampf, schon gar nicht um billige Siege: Jita kyōei 自他共栄, „beiderseitiges Wohlergehen“, sah Kanō als Ziel seines Sportes an. Nicht umsonst wurde Kanō das erste japanische Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees, zu einer Zeit, als man dort noch die Teilnahme an fairen Spielen für wichtiger hielt als das Siegen. Oder das Geldverdienen.
Das war die eine Botschaft, die mir mein Großhirn vermittelte. Die andere kam aus dem Herzen. Sie lautete: Erbarmen. Oder, fast gleichbedeutend, Barmherzigkeit. Oder auch Gnade.
2017 gedenken wir des 500. Jahrestages der protestantischen Reformation. Barmherzigkeit und Gnade waren deren Schlüsselbegriffe. Wer sich für das Thema interessiert, findet unten einen passenden Buchhinweis. Ich danke meinem Großhirn, daß es mich heute daran erinnert hat. Und daß es mir die Schande eines billigen Sieges erspart hat.
Aber eine Antwort will ich natürlich trotzdem. Sobald er ausgeschlafen ist.

Reinhard Zöllner: Luther in zehn Worten
[bookcover: 3741292362]

(ISBN: 9783741292361)

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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