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„Tote Lehre“ — Eine Bilanz nach 20 Jahren

Der Leitartikel der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vom 11.2.2017 von Jürgen Kaube trägt die Überschrift „Tote Lehre“. Er beklagt, daß die Bildungsmisere, in der sich Deutschland offenkundig befindet, auch durch „Gleichgültigkeit“ auf Seiten der Lehrenden verursacht wurde — insbesondere in den Geisteswissenschaften.
Gerade habe ich ein Wintersemester mit bis zu 14 Stunden Lehre pro Woche hinter mir. Im Sommer habe ich freundlicherweise, zum ersten Mal seit 2011, ein Forschungsfreisemester. Im Oktober, wenn ich mit der Lehre weitermache, werde ich exakt 20 Jahre Professor sein.
In diesen 20 Jahren habe ich an vermutlich 60 Studienordnungen mitgewirkt — genau weiß ich es nicht, weil ich die Übersicht verloren habe. Die Halbwertzeit einer Studienordnung, nach deren Regeln gelehrt und gelernt werden soll, beträgt vielleicht zwei Jahre. Dann kommt eine „Reakkreditierung“ oder eine andere, zumeist sinnfreie Intervention, die uns dazu zwingt, in zeitraubenden Sitzungen Kapazitätsberechnungen, Modulbeschreibungen, Studiengangsberichte etc. neu auszuhandeln.
Dabei bleibt freilich die Hauptsache auf der Strecke: Die Lehre. Das Verhältnis zu den „Studierenden“ beschränkt sich auf das Einsammeln von Abwesenheitserklärungen, seit die NRW-Landesregierung vor zwei Jahren die Anwesenheitspflicht abgeschafft hat; das mechanische Abhaken von Listen von Voraussetzungen, damit ein Student endlich zu einer Prüfung zugelassen werden darf; das Anhören von Referaten, die zum überwiegenden Teil innerhalb einer Woche — also schlecht — vorbereitet werden; das Lesen von Hausarbeiten, die zum beträchtlichen Teil genau so geschrieben sind, wie man es von schlecht vorbereiteten Schülern erwartet: ohne präzise Fragestellung, in fehlerhaftem Deutsch, auf der Grundlage hastiger Recherchen, ohne Verständnis für methodische Probleme. Es fehlt eben auch den Studenten die Zeit, die sie eigentlich bräuchten, um mit Tiefgang und geistiger Freiheit zu studieren. Der Fetisch, dem wir alle dienen, lautet: 3 + 2. 3 Jahre für den Bachelor, 2 Jahre für den Master; zusammen nicht mehr als 5 Jahre, in denen Abiturienten zu Akademikern reifen sollen. Das ist die Vorgabe des Bologna-Systems.
Leider funktioniert das nicht. Nirgendwo. Denn „Bologna“ setzt nach seinen eigenen Vorgaben voraus, daß Studenten rund ums Jahr — Semesterferien eingeschlossen — nahezu 40 Stunden in der Woche „arbeiten“ (d.h.: studieren — einschließlich Lektüre und eigenen Recherchen). Nur dann wäre das Pensum in dieser Zeit zu bewältigen. Das tut aber so gut wie niemand (was auch früher nicht anders war), und deshalb verlängern sich die „Regelstudienzeiten“ in der Praxis: 6 Jahre, 7 Jahre und sogar noch länger sind keine Seltenheit.
Zum anderen sind die Vorkenntnisse der Abiturienten dermaßen gering, daß ein Anknüpfen an Dinge, die ich vor 20 Jahren als Allgemeinbildung betrachtet hätte, heute nicht mehr möglich ist. In meinem Feld sehe ich das vor allem am Rückgang der Fähigkeit, historische Vorgänge einzuschätzen. Kaum ein Student hat während seiner Schulzeit etwas über die Frühe Neuzeit oder das 19. Jahrhundert gehört; wenn ich daher etwas über Kaempfer und Siebold erzähle, kann dies kaum jemand mit dem Dreißigjährigen Krieg oder der Revolution von 1848 verbinden. Sämtliche Vergleiche zwischen europäischer und japanischer Geschichte sind für die heutigen Studenten nahezu so exotisch wie Vergleiche mit lateinamerikanischer Geschichte. Noch schlimmer ist: Viele können nicht einmal richtig lesen; und damit meine ich: exakt lesen, verstehend lesen, vergleichend lesen.
Meine jüngste Schlußfolgerung ist daher ganz simpel: Niemand hat etwas davon, wenn ich Fachidioten erziehe, die alles über Tokugawa Ieyasu wissen, aber nichts über den Westfälischen Frieden. Oder über Yoshida Shōin, aber nicht über Immanuel Kant. Deshalb setze ich in Zukunft wieder stärker auf Grundwissen und Grundfertigkeiten.
Und ab der nächsten Studienordnung, die jetzt in Arbeit ist und hoffentlich ab dem Wintersemester 2018/19 in Kraft ist, wird es auch wieder Proseminare geben — was seit „Bologna“ eigentlich völlig verpönt war.
Davor steht allerdings die Akkreditierung. Sie wird je Studiengang etwas 25.000 Euro kosten. Das entspricht etwa dem Jahresgehalt einer halben Mitarbeiterstelle. Einer Stelle, die wir für die Lehre dringend bräuchten.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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