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Rede von Ministerpräsident Abe in Pearl Harbor

75 Jahre nach dem japanischen Angriff auf den US-Stützpunkt Pearl Harbor auf Hawaii hat Japans Ministerpräsident Abe Shinzō 安倍晋三 diesen Ort gemeinsam mit US-Präsident Barack Obama besucht und dort am 27.12.2016 folgende Rede gehalten. Eine Analyse habe ich hier veröffentlicht.

Ich stehe jetzt hier, in Pearl Harbor, als Ministerpräsident von Japan. Wenn man die Ohren spitzt, hört man das Geräusch der Wellen, die sich brechen und wiederkehren. Die blaue, stille Bucht, beschienen von dem weichen Licht der untergehenden Sonne. Hinter mir, über dem Meer, das weiße Denkmal für die „Arizona“. Diesen Seelengedenkort habe ich mit Präsident Obama zusammen besucht. Für mich war es ein Ort, der mir Schweigen abverlangt hat. Die Namen der Soldaten, die gestorben sind, sind dort aufgeschrieben. Soldaten, die für ihre erhabene Pflicht, ihr Vaterland zu verteidigen, aus Kalifornien, Michigan, New York, Texas und vielen anderen Gegenden gekommen und an Bord gegangen waren, starben an jenem Tag, als der Bombenangriff das Schlachtschiff „Arizona“ entzweiriß, in den lodernden Flammen.
Noch heute, nach 75 Jahren, ruhen auf der „Arizona“, die auf den Meeresgrund gesunken ist, unzählige Soldaten. Wenn man die Ohren spitzt und die Seele schärft, dann hört man mit dem Wind und den Wellen die Stimmen der Soldaten.
Die Stimmen der entspannten und munteren Gespräche an jenem Tag, einem Sonntagmorgen. Die Stimmen der jungen Soldaten, wie sie Erzählungen über ihre Zukunft und ihre Träume austauschten. Stimmen, die in ihrem letzten Augenblick die Namen der geliebten Menschen riefen. Stimmen, die für das Wohlergehen ihrer ungeborenen Kinder beteten.
Jeder einzelne Soldat hatte eine Mutter und einen Vater, die sich um sie sorgten. Und eine liebende Frau oder Geliebte. Und wohl auch Kinder, auf deren Großwerden sie sich freuten.
Und dann wurden diese Gedanken jäh unterbrochen.
Beim Gedenken dieser nicht hintergehbaren Tatsache fehlen mir die Worte. Mögen eure Seelen Frieden finden.
In diese Gedanken vertieft, habe ich als Vertreter des japanischen Volkes Blumen in das Meer geworfen, in dem die Soldaten ruhen.

Lieber Präsident Obama, liebes amerikanisches Volk, liebe Menschen in aller Welt!
Als japanischer Ministerpräsident drücke ich gegenüber allen Seelen, die hier ihr Leben verloren haben, gegenüber dem Leben aller Helden, die in dem hier begonnenen Krieg verloren gingen, und gegenüber den unzähligen, unschuldigen Geistern der Menschen, die in dem Krieg geopfert wurden, aufrichtig unendliche Trauer aus.
Die Schrecken des Krieges dürfen wir nicht wiederholen. Das haben wir versprochen. Und wir haben nach dem Krieg ein demokratisches Land aufgebaut, die Herrschaft des Rechts respektiert und geschworen, nie wieder Krieg zu führen. Siebzig Jahre nach dem Krieg spüren wir Japaner für unseren Weg als Land des Friedens leisen Stolz und sind fest entschlossen, diesen Kurs unverändert fortzusetzen. Hier drücke ich vor den Soldaten, die im Schlachtschiff „Arizona“ ruhen, vor dem amerikanischen Volk und vor allen Menschen der Welt als japanischer Ministerpräsident diese Entschlossenheit aus.
Gestern habe ich auf der Basis der Marinesoldaten Kaneohe das Grabmal eines japanischen Marineoffiziers besucht. Es handelt sich um den Fregattenkapitän Iida Fusata, einen Kampfpiloten, der während des Angriffs auf Pearl Harbor getroffen wurde, den Rückflug zum Flugzeugträger abbrach, umkehrte und fiel. Das Grabmal an der Stelle, wo er abgestürzt ist, haben keine Japaner errichtet. Es waren amerikanische Soldaten, die den Angriff erlitten hatten. Sie haben sein Grabmal errichtet und den Mut des Gefallenen gepriesen. Auf dem Grabmal steht, als Ausdruck des Respekts für einen Soldaten, der sein Leben dem Vaterland geweiht hat: „Ein Kapitänleutnant der kaiserlichen japanischen Marine“, sein damaliger Rang.

„The brave respect the brave.“

Dies ist ein Zitat aus einem Gedicht von Ambrose Bierce. Auch dem Gegner im Kampf Respekt erzeugen. Auch den verhaßten Gegner zu verstehen versuchen: Hier zeigt sich die großherzige Seele des amerikanischen Volkes.
Nach dem Krieg, als Japan, soweit das Auge blickte, verbrannte Erde war und an bodenloser Armut litt, da waren es Amerika und das amerikanische Volk, die ihm, ohne zu zögern, Lebensmittel und Kleidung schickten. Dank der Pullover und Milch, die Sie alle uns geschenkt haben, konnten wir Japaner überleben. Und die USA eröffneten Japan den Weg zur Rückkehr in die internationale Gemeinschaft. Unter der Führung der USA konnten wir als ein Mitglied der freien Welt Frieden und Wohlstand erlangen.
In die Herzen unserer Großväter und Mütter haben sich diese wohlmeinenden und helfenden Hände, die Sie alle uns Japanern, mit denen Sie als Feinden heftig gerungen hatten, entgegenstreckten, und diese großartige Großherzigkeit tief eingebrannt. Auch wir haben es in Erinnerung. Wir erzählen es unseren Kindern und Kindeskindern weiter und werden es nie vergessen.

Ich habe gemeinsam mit Präsident Obama das Lincoln Memorial in Washington besucht. Was dort an der Wand geschrieben steht, hat sich meinem Herzen eingeprägt.
„Jedermann ohne Arg mit Barmherzigkeit begegnen.“
„Die Aufgabe vollenden, zwischen uns allen den ewigen Frieden zu errichten und sorgfältig zu wahren.“
Dies sind Worte von Präsident Abraham Lincoln.
Als Vertreter des japanischen Volkes drücke ich hiermit erneut gegenüber Amerika und der Welt von Herzen meinen Dank für die Großmut aus, die sie Japan erwiesen haben.

75 Jahre nach „Pearl Harbor“. Japan und Amerika, die damals einander in einem epischen Krieg bekämpft haben, sind heute in einem seltenen, tiefen, starken Bündnis verbunden. Einem Bündnis, das, heute stärker als je zuvor, gemeinsam gegen die zahlreichen Gefahren angeht, welche die Welt bedrohen. Einem „Bündnis der Hoffnung“, das das Morgen erbaut.
Was uns vereint hat, war der Geist der Großmut, „the power of reconciliation“, die „Kraft der Versöhnung“. Dazu will ich hier in Pearl Harbor an der Seite von Präsident Obama die Menschen der Welt auffordern. Nämlich zu dieser Kraft der Versöhnung.
Die Schrecken des Krieges sind aus dieser Welt nicht verschwunden. Die Kette von Haß, der Haß hervorruft, will nicht enden. Die Welt braucht gerade heute den Geist der Großmut und die Kraft der Versöhnung. Japan und die USA, welche den Haß ausgelöscht und auf der Grundlage gemeinsamer Werte Freundschaft und Vertrauen gesät haben, haben gerade jetzt die Aufgabe, weiterhin gegenüber der Welt an die Größe der Großmut und die Macht der Versöhnung zu appellieren. Deshalb ist das Bündnis zwischen Japan und den USA ein „Bündnis der Hoffnung“.

Die Bucht, auf die wir blicken, ist überall friedlich. Pearl Harbor. Eine schöne Bucht, erfüllt vom Glanz der Perlen, ein Symbol für Großmut und Versöhnung. Es ist mein Wunsch, daß die Kinder von uns Japanern und, Präsident Obama, die Kinder von allen Amerikanern und deren Kinder und Enkel sowie alle Menschen in der ganzen Welt Pearl Harbor immer als Symbol der Versöhnung in Erinnerung behalten mögen.
Dafür werden wir unsere Kräfte ohne Zögern weiterhin einsetzen. Das gelobe ich, an der Seite von Präsident Obama, hiermit feierlich.

(Aus dem Japanischen von Reinhard Zöllner.)

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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