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Gans im Glück

Gänse sind Vögel, die in rechtwinkliger Formation fliegen können und deren Ordnungssinn sie dem Menschen ähnlich macht. Das ist jedenfalls die Erklärung dafür, warum die alten Chinesen für diese Tierart ein Schriftzeichen schufen, das die Bestandteile für Vogel 隹, rechten Winkel 厂 und Mensch 人 vereinte: 雁.1 Freilich erklärt dies noch nicht, warum sie ihm die Lesung (und damit den Namen) gan beilegten (damals ŋăn auszusprechen, also ungefähr „ngan“; im modernen Chinesischen ist daraus yan geworden, im Japanischen blieb es gan.).

Aber ein Blick auf die glücklichen Streifengänse, die in Münchens Englischem Garten direkt vor dem Japanischen Teehaus schwimmen, klärt auf. Denn die Streifengans ist, wie ihr lateinischer Name anser indicus verdeutlicht, ein Migrant aus Süd- und Zentralasien, was bedeutet, daß sie auch in der Mongolei und in Teilen Chinas vorkommt. Ihr Sanskrit-Name lautet hansa हंस, was auf das indogermanische Wort für diesen Vogel, nämlich ghans (in Lautschrift: g̑ʰáns), verweist.

Streifengans im Englischen Garten in München

Und da liegt doch der Gedanke nahe, daß es von ghans zu gan nicht ganz so weit sein und mit dem Zugvogel auch der Name zwischen Ost und West gewandert sein könnte. Also ein lebender Beweis dafür ist, daß Kiplings kühne Behauptung „East is East and West is West, and never the twain shall meet“2 schlicht falsch ist.

In Indien gilt die Streifengans als Symbol und Fluggerät Brahmas, des Weltenschöpfers, und ihr Flug als Allegorie der Befreiung aus dem Rad der Wiedergeburt.3 Die Gans im Glück also, oder vielmehr die Gans ins Glück: Das paßt schon.


1 Tōdō, Akiyasu: Gakken Kanwa Daijiten. Tōkyō: Gakushū Kenkyūsha 1982, S. 1436.
2 Rudyard Kipling: „The Ballad of East and West“ (1889). Das Zitat ist natürlich unvollständig. Kipling fährt bekanntlich fort: „But there is neither East nor West, Border, nor Breed, nor Birth, When two strong men stand face to face.“ Aber Kipling spricht hier von Menschen, nicht von Vögeln, und deshalb ist es in meinem Kontext doch wieder richtig.
3 Verbreitet wird die Gans allerdings dort auch für einen Schwan gehalten. Falsa demonstratio non nocet.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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