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Olympische Spiele: „Wer die Hymne nicht singt, kann Japan nicht repräsentieren!“

Seit das vom Deutschen Franz Eckert entscheidend bearbeitete Kimi ga yo 1880 durch das damalige Palastministerium zur Hymne des Kaisers gewählt wurde, herrscht Streit darum, ob es auch die Nationalhymne des Landes sei. Erst 1999 wurde es gesetzlich dazu erklärt. Freilich wollen es immer noch etliche Japaner nicht singen, weil es die Kaiserherrschaft verherrlicht und es gerade in den düstersten Zeiten der modernen japanischen Geschichte zur Pflicht gemacht wurde, mitzusingen.
Im Zuge der neokonservativen Restauration unter Ministerpräsident Abe Shinzō wird das Mitsingen nun erneut zum Prüfstein für Patriotismus gemacht. So hob die regierungsfreundliche Presse hervor, auf der Gründungsversammlung der neuen Oppositionspartei Minshintō 民進党 (aus der Vereinigung der zuvor größten Oppositionsparteien entstanden) Ende März 2016 sei zwar die Nationalflagge gehißt, jedoch die Hymne nicht gesungen worden. Der Vertreter einer rechtsstehenden Splitterpartei mit dem bezeichnenden Namen „Japans Seele“ 日本のこころ gab darauf gleich zum besten, einer Partei, welche die Nationalhymne nicht singe, dürfe man die Regierungsgewalt nicht anvertrauen. Schließlich sei das Gesetz über Nationalflagge und -hymne von 1999 ein „ehernes Gesetz“.
Die Kampagne zieht nun weitere Kreise: Der ehemalige Ministerpräsident Mori Yoshirō 森喜朗 (LPD) behauptete auf einer Veranstaltung für die 300 Athleten, die für Japan an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro teilnehmen sollen, wer die Hymne nicht mitsingen könne, sei kein Repräsentant Japans. Man solle sie auf dem Siegerpodest nicht nur vor sich hin murmeln, sondern laut singen.
Mori ärgerte sich wohl darüber, daß bei dem Athletentreffen die meisten Sportler still geblieben waren. Allerdings stand auf dem Programm auch nicht etwa das gemeinsame Absingen (seishō 斉唱) der Hymne, sondern ein „Gesangssolo zur Nationalhymne“ (kokka dokushō 国歌独唱). Freilich wird Mori, der auch Mitglied des Organisationskomitees für die Olympischen Spiele in Tōkyō 2020 ist, demnächst 79 Jahre alt und hat vielleicht Schwierigkeiten, das Kleingedruckte auf solchen Programmen zu lesen. Außerdem ist Mori schon des öfteren mit markigen Sprüchen hervorgetreten; seine auf Vorkriegsrhetorik zurückgreifende Behauptung, Japan sei ein „Land der Götter mit dem Kaiser im Zentrum“ und einem eigentümlichen „Staatskörper“, hatte ihn 2000 sein Amt gekostet.
Sein Geburtstag ist übrigens am 14. Juli. Das ist bekanntlich der französische Nationalfeiertag, an dem mit Hingabe die „Marseillaise“ gesungen zu werden pflegt. Das ist tatsächlich eine echte Nationalhymne, deren Text Mori wie allen Populisten allerdings nicht besonders gefallen dürfte …

Tremblez, tyrans et vous perfides
L’opprobre de tous les partis,
Tremblez!

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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