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AKW Fukushima: Warum war „Kernschmelze“ Tabuwort?

Der Betreiber des Atomkraftwerks Fukushima II, Tepco (Tōkyō Denryoku 東京電力), hat einen Bericht zum Ablauf der Nuklearkatastrophe vom März 2011 veröffentlicht, den eine externe Kommission (meist Juristen) im Auftrag von Tepco erstellt hat. Darin wird behauptet, der damalige Firmenchef Shimizu Masakata 清水正孝 habe drei Tage nach dem 11.3. vor einer Pressekonferenz vom Büro des damaligen Ministerpräsident Kan Naoto 菅直人 die Anweisung erhalten, das Wort „Kernschmelze“ (roshin yōyū 炉心溶融 oder meruto daun メルトダウン) nicht zu verwenden. Shimizu erinnerte sich allerdings nicht daran, wer genau ihm diese Anweisung gegeben hat. Jedenfalls wies er seinen Vizepräsidenten schriftlich an, gegenüber der Presse das Wort „Kernschmelze“ nicht zu benutzen.
Dabei war sich das Unternehmen der Sachlage völlig bewußt. In einer firmeninternen Fernsehsendung sprach ein Tepco-Mitarbeiter am 14.3. selbst von eingetretener Kernschmelze. In den Berichten an die Regierung und die lokale Verwaltung hat das Unternehmen aber zwei Monate lang nicht von einer „Kernschmelze“ gesprochen, obwohl dies nach den eigenen Notfallregeln eindeutig gegeben gewesen wäre (und ausländische Experten und Medien dies auch sofort erkannt hatten), sondern nur von „Schäden“ an den Kernen. Offenbar, so schließt der Bericht, habe es innerhalb des Unternehmens die Auffassung gegeben, das Wort „Kernschmelze“ sei zu vermeiden.
Da den Aufsichtsbehörden das Ausmaß der Schäden jedoch bekannt gewesen sei, habe diese Wortwahl auf die von der Regierung ergriffenen Schutzmaßnahmen keine praktischen Auswirkungen gehabt.
Ex-Ministerpräsident Kan hat die Behauptung Tepcos inzwischen scharf zurückgewiesen. Es sei unverständlich, weshalb die Kommission nicht mit ihm oder seinem damaligen Sprecher Edano Yukio 枝野幸男 über diese Frage gesprochen habe. Auch Edano protestierte gegen die Darstellung im Bericht und kündigte juristische Schritte an.
Die Kommission berief sich darauf, ihr Arbeitsauftrag habe eine Untersuchung der Vorgänge im Büro des Ministerpräsidenten nicht eingeschlossen; dafür hätte auch die Zeit nicht gereicht.
Der Hinweis auf den Zeitdruck für die Veröffentlichung des Berichts enthält den Schlüssel zu seinem rechten Verständnis: Die Oberhauswahl steht kurz bevor, und es liegt im Interesse des regierungsnahen Unternehmens, die damalige Regierungspartei und jetzige Opposition beim Wahlvolk schlecht dastehen zu lassen. Oder anders ausgedrückt: Es liegt im Interesse der jetzigen Regierung und der sie tragenden Parteien, ihre Vorgänger zu desavouieren. Der jetzige Regierungssprecher Suga Yoshihide 菅義偉 forderte deshalb auch sogleich eine vollständige Aufklärung über das, was damals unter Kan in der Regierung geschehen sei, lehnte aber eine regierungsamtliche Untersuchung hierzu gleich ab. Auf der Basis von Gerüchten läßt sich nun einmal besser verleumden.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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