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Trägt Japans Regierung Mitschuld an Erdbebentoten?

Japans Massenmedien trauen sich nicht recht, einen schlimmen Verdacht auszusprechen, wonach die japanische Regierung womöglich Mitschuld am Tod von Japanern während der anhaltenden Erdbebenwelle in der Präfektur Kumamoto 熊本 trägt. Die Indizien hierfür werden von der Presse nur bröckchenweise unters Volk gebracht, während in den „Sozialen Medien“ Eins und Eins schon längst zusammengezählt werden und die Frage nach der Verantwortung von Ministerpräsident Abe Shinzō 安倍晋三 bereits gestellt wird.

14. April

Die Erdbebenserie begann um 21:30 Uhr am Abend des 14. April. Obwohl hierbei stellenweise die in Japan höchste Intensitätsstufe 7 erreicht wurde, lag die Zahl der Todesopfer erstaunlich niedrig: 9 Menschen verloren in dieser Nacht ihr Leben.
Wenige Minuten später richtete die Regierung in Tōkyō einen Krisenstab ein. Der zuständige Minister ist Kōno Tarō 河野太郎 von der LDP, seit Oktober 2015 als Minister ohne Geschäftsbereich für Deregulierung, Verbraucherschutz und Katastrophen im Kabinett. D.h., es gibt kein eigenes Katastrophenschutz-Ministerium, sondern in Notfällen wird mit Sonderstäben gearbeitet, die in der Staatskanzlei koordiniert werden.
Da es heftige Nachbeben gab und während der Dunkelheit kaum eine Chance bestand, die Gebäude auf Schäden zu untersuchen, verbrachten zahlreiche Menschen die Nacht lieber im Freien als in ihren Häusern.

15. April

Am Morgen des 15. April lagerten viele Einwohner von Kumamoto und Umgebung deshalb auf blauen Plastikplanen in den als Notfallsammelplätze vorgesehenen öffentlichen Parkanlagen.

Im Freien übernachtende Einwohner von Kumamoto am Morgen des 15.4.2016 (Foto: Nakasato Akira/Mainichi Shinbun)
Im Freien übernachtende Einwohner von Kumamoto am Morgen des 15.4.2016 (Foto: Nakasato Akira/Mainichi Shinbun)

Am Morgen des 15. April um 7:05 Uhr erstattete Minister Kōno Ministerpräsident Abe Bericht.1 Um 11:15 Uhr versprach er Abe, die „im Freien“ (okugai 屋外) übernachtenden Menschen noch am selben Tag „im Innern“ (okunai 屋内) unterzubringen.2 Die der politischen Sabotage an Abe unverdächtige (rechtsgerichtete) Zeitung Sankei Shinbun 産経新聞 berichtete über dieses Gespräch aus einer etwas anderen Perspektive:

Ministerpräsident Abe Shinzō traf sich am Vormittag mit Katastrophenschutzminister Kōno Tarō und wies ihn … an, noch am gleichen Tag in Vorbereitung auf die Verschlechterung der Wetterlage für die Katastrophenopfer, welche ins Freie geflüchtet waren, Fluchtplätze im Innern [von Gebäuden] sicherzustellen.

D.h., die Anweisung ging eindeutig auf den Wunsch des Ministerpräsidenten zurück. Zu diesem Zeitpunkt hatte Abe bereits beschlossen, am 16. April Kumamoto zu besuchen, um dort Krisenmanagement zu demonstrieren. Er wollte anschließend nach Hokkaidō 北海道 weiterreisen und dort eine Wahlkampfrede halten, denn dort stand eine wichtige Nachwahl fürs japanische Unterhaus an.
Für die geplante Abe-Reise hätten blaue Plastikplanen mit übernächtigten Menschen offenbar keinen positiven Werbeeffekt bedeutet. Es stand zudem zu befürchten, daß durch die mitreisenden internationalen Journalisten Bilder von auf Plastikplanen nächtigenden Japanern um alle Welt gegangen wären. Also sollten die Menschen aus dem Freien verschwinden. Die offizielle Begründung lautete, es sei Regen vorhergesagt.
Kōno wies die zuständigen kommunalen Behörden nun entsprechend an. Um 20:53 h twitterte Kōno, er sei „ständig in Kontakt mit dem Gouverneur von Kumamoto [Kabashima Ikuo 蒲島郁夫] und dem Vizeminister Matsumoto [Fumiaki 松本文明]“.3 Doch dabei gab es offenbar heftigen Widerstand. Die Zeitung Mainichi Shinbun 毎日新聞 berichtete um 23:25 h nämlich:

Laut Vizeminister Matsumoto drückte der Gouverneur, als „Katastrophenschutzminister Kōno (Tarō) ihm nachdrücklich mitteilte, ‚Mir wurde heute eindringlich aufgetragen: «Löse noch heute die Evakuierungslager unter freiem Himmel auf!»‘ seinen Unmut mit den Worten aus: ‚Die Leute sind nicht nach draußen gegangen, weil es an Evakuierungslagern fehlt. Sie sind rausgegangen, weil sie Angst vor den Nachbeben haben und nicht im Innern der Gebäude bleiben können. Ihr habt keine Ahnung von der Gefühlslage vor Ort!'“

Es handelt sich um eine dreifache Schachtelung von Zitaten, wobei der Ausdruck „Evakuierungslager unter freiem Himmel“ (aozora hinanjo 青空避難所) offenbar von Ministerpräsident Abe selbst gegenüber Kōno verwendet wurde. Der Vorwurf des Gouverneurs, die Regierungszentrale habe kein Verständnis für die Gefühlslage (kimochi 気持ち) der Menschen vor Ort, verrät erhebliche Verärgerung.

16. April

Zwei Stunden nach dieser Meldung ereigneten sich um 1:30 h und 1:40 h in der Kumamoto-Region zwei Beben mit einer Magnitude von 7.1 und einer Intensität von 6+. Bei diesen Beben, die inzwischen nicht als Nachbeben gewertet werden (sondern das schwere Beben vom 14.4. wird vielmehr als Vorbeben angesehen), kamen diesmal rund 40 Menschen um. Ein beträchtlicher Teil von ihnen starb, weil sie in der Nacht gemäß der Forderung der Regierung Zuflucht „im Innern“ — nämlich in ihren Häusern — gesucht hatten: Die seit dem 14. April vorgeschädigten Gebäude kollabierten.
Die Aufräum-Aktion vom Vortag endete als totales Desaster. Fast 200.000 Menschen flohen nun aus ihren Häusern. Abes Besuch in Kumamoto wurde abgesagt, ebenso sein Wahlkampfauftritt auf Hokkaidō. Die aktuellen Fernsehbilder hätten nicht zur Werbung getaugt, und es wäre wohl zu befürchten gewesen, daß Abe die „Gefühlslage“ der Menschen in Kumamoto sehr deutlich zu spüren bekommen hätte.

23. April

Am 23. April holte Abe seinen Besuch in Kumamoto nach, wo die schlimmsten Trümmer inzwischen beseitigt worden waren. Am 24. April fand die Nachwahl auf Hokkaidō statt. Der Kandidat des Regierungslagers siegte.

Japan als Potemkinsches Dorf

Wenigstens ist es dem Regierungslager bislang gelungen, eine ausgedehnte Berichterstattung über die Frage nach Abes Verantwortlichkeit zu verhindern. Außer der Lokalausgabe der Mainichi Shinbun hat niemand die Nachricht aufgegriffen. Das war 2011 ganz anders, als der Besuch von Ministerpräsident Kan Naoto 菅直人 im Kernkraftwerk Fukushima II eilfertig skandalisiert wurde. Doch heute hat sich Japans Presse ganz in den Dienst einer Maschinerie ergeben, der es nur darauf ankommt, ein makelloses Bild Japans zu präsentieren. Die Olympischen Spiele von 2020 in Tōkyō und die hochgesteckten Ziele für die Förderung des internationalen Tourismus bilden hierfür das nationale Druckmittel, um das schöne Bild eines sauberen und heiteren Japan ja nicht zu beschmutzen: Japan verkommt zur Potemkinschen Kulisse für die Selbstdarstellung seiner Politiker.
Nein, mit der Gefühlslage der Bevölkerung hat dies nichts zu tun. Die hat auch weiterhin Angst vor Erdbeben.

Anmerkungen

1 Tweet von Kōno Tarō vom 15.4.2016, 12:59 h
2 Tweet von Kōno Tarō vom 15.4.2016, 16:35 h
3 Tweet von Kōno Tarō vom 15.4.2016, 20:53 h

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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