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Wie liest man eine Erdbebenmeldung?

Deutsche Medien sind leider in ihren Meldungen über Erdbeben (die ja überwiegend im weit entfernten Ausland stattfinden) notorisch unzuverlässig, weil sie sich nicht an sinnvolle Standards halten.

„Stärke“ ist Unfug!

Typischerweise beginnt eine Meldung in Deutschland so:

… hat sich ein Erdbeben der Stärke X

Bereits hier lohnt sich das Abschalten. „Stärke“ ist keine brauchbare Beschreibung eines Erdbebens. Man muß stets unterscheiden zwischen „Magnitude“ (das ist die geologische Meßgröße für ein Erdbeben) und „Intensität“ (das ist die Meßgröße für die Auswirkungen, die ein Erdbeben auf der Erdoberfläche mit sich bringt). Denn ein noch so „starkes“ Erdbeben (mit hoher Magnitude) muß keinen großen Schaden anrichten, wenn es tief unter der Erdoberfläche stattfindet. Leider ist den meisten deutschen Journalisten dies offenbar unbekannt. Was hier „Stärke“ genannt wird, ist meist die Magnitude, die allein eben noch nicht viel aussagt.

„Richterskala“ ist Unfug!

Häufig geht es deshalb weiter in der Meldung:

… auf der nach oben hin offenen Richterskala

Bei einem Erdbeben, wie es in Italien oder Griechenland immer wieder einmal vorkommt, mag das vielleicht angehen. Aber die meisten Erdbeben, über die in Deutschland berichtet wird, haben ganz andere Dimensionen und sprengen deshalb die von Charles Richter und Beno Gutenberg 1935 in einer logarithmischen Formel aufgestellte Magnitudenskala: Ab einer bestimmten Größe versagt ihre Formel. Sie wurde deshalb 1977 von Kanamori Hiroo modifiziert und heißt seitdem Momenten-Magnitude. Wichtig ist, daß sie logarithmisch ist: Ein Erdbeben der Magnitude 9,0 ist 1000-fach stärker als ein Erdbeben der Magnitude 7,0 und 32-fach stärker als bei der Magnitude 8,0!

Intensitätsskalen

Aber noch einmal: Über die dabei auftretenden Schäden an Mensch und Natur ist damit noch nichts gesagt. Deshalb werden in japanischen Medien nicht die Magnitudenwerte zuerst genannt, sondern die Intensität. In Japan gilt dabei eine Skala, die 1900 von Ōmori Fusakichi in 7 Stufen erstellt wurde. Sie wurde nach dem Kōbe-Ōsaka-Erdbeben 1996 auf 10 Stufen erweitert, doch durch einen Numerierungstrick bleibt die Stufe 7 die höchste. Ein Erdbeben der Stufe (jap. 震度 shindo) 7 (wie es jetzt in Kumamoto sich ereignet hat) ist das „stärkste“ (also intensivste) Beben, das sich nach japanischen Maßstäben messen läßt!
Bis zu einer Intensität von 4 muß man sich demgegenüber wenig Gedanken machen. Jedenfalls nicht in Japan, wo die meisten Gebäude so konzipiert worden sind, daß sie Erdbeben standhalten sollen. In Italien, Griechenland oder dem Rheingraben gilt dies nicht. Deshalb wird dort auch eine andere Intensitätsskala verwendet, nämlich die 1897 von Giuseppe Mercalli erstellte zehnteilige Skala. Für Japan ist sie einfach nicht aussagekräftig genug. Vielleicht lernen dies deutsche Medien auch noch irgendwann einmal, aber viel Hoffnung habe ich nicht.

Skala der Erdbebenintensität (Modifizierte Ōmori-Skala)

Stufemax. Beschleunigung (mm/s)Wirkungen (u.a.)
0< 500nicht spürbar
1< 1.500kaum spürbar
2< 2.500spürbar; Deckenleuchten pendeln
3< 3.500gut spürbar; kann Angst auslösen
4< 4.500löst Angst aus; Schlafende wachen auf; hoch gelagerte Gegenstände können herabfallen
5-< 5.000verbreitete Angstzustände; Gehen erschwert; Möbel machen Geräusche; Bücher fallen aus Regalen
5+< 5.500Angst; Bewegungen erschwert; Fernseher fallen um; Eßgeschirr fällt aus den Regalen; Aufzüge setzen aus
6-< 6.000Stehen erschwert; Möbel fallen um; Türen klemmen; manche Häuser werden beschädigt
6+< 6.500Stehen umöglich; Dachziegel fallen herab; Fensterglas bricht; Mauern fallen um; Versorgungsleitungen werden beschädigt; Häuser werden zerstört
7ab 6.500freie Bewegungen unmöglich; Möbel verrutschen unkontrolliert; Grabsteine fallen um; auch stabile Häuser werden zerstört; Gas und Strom fallen aus; Straßen und Eisenbahnen werden beschädigt; Bergrutsche
Ursprünglich 1900 von Ōmori Fusakichi als 7-teilige Skala entwickelte, 1996 auf 10 Stufen erweiterte, in Japan gültige Bewertung der Intensität eines Erdbebens

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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