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Analoger Spam aus Fernost: „Wir bauen das heitere Japan“

Eine Menge Menschen in Deutschland und Österreich haben in den vergangenen Wochen Post von ihnen unbekannten Menschen aus Japan bekommen: Briefe und Postkarten, in artiger Handschrift abgefaßt, teils mit, teils ohne Absenderangabe, doch stets begleitet von einer Bildpostkarte. Die damit verbundenen Nachrichten lauteten:

anbei erhalten Sie einige der vielen Dokumentarfotos aus dem japanischen Archiv, die beweisen, was 1937 in Nanking, China, wirklich geschah. Bitte sehen Sie selbst, ob es einen sogenannten „Nanking-Holocaust“ gegeben hat. Wir Japaner wuenschen uns eine gute deutsch-japanische Beziehung, die nicht von der Propaganda anderer Laender beeinflusst wird.

oder

hier sind einige Dokumentarfotos aus dem japanischen Archiv, die Ihnen deutlich zeigen, was in der Zeit, in der der sogenannte Nanking-Holocaust stattgefunden haben soll, in Wirklichkeit dort passiert ist. Diese sind nur ein Bruchteil der vielen Beweismaterialien.

oder

mittlerweile ist es bewiesen, dass jedes Foto im „Nanking-Holocaust-Museum“ eine Faelschung bzw. ein Foto eines andernorts stattgefundenen Massakers durch die Chinesen ist. Dennoch wird dieser angebliche Holocaust als Propaganda gegen Japan immer mehr benutzt. Hier sind einige Dokumentarfotos aus dem japanischen Archiv.

Darüber standen sprachlich mitunter etwas fragwürdige Anreden (in meinem Fall z.B.: „Sehr geehrter Herr Japanologie“), so daß man sich schon fragen konnte, wie weit die Verfasser dieser — durchweg in Druckbuchstaben verfaßten — Texte des Deutschen mächtig sind.

Dank der beigefügten Bildpostkarten war es nicht allzu schwer, den Urheber dieser Aktion herauszufinden. Die Bilder werden nämlich, so steht dort, „produziert“ von einem Japaner namens Mizuma Masanori 水間政憲. Und der ist alles andere als unbekannt.

Der UNESCO-Gegenappell

Im April 2015 reichten 16 Japaner bei der UNESCO einen Aufruf ein, die von der VR China beantragte Eintragung von Dokumenten über das Nanjing-Massaker von 1937 in das „Memory of the World“-Programm abzulehnen. Der Aufruf war erfolglos; der chinesische Antrag setzte sich durch. Doch zu den Unterzeichnern des japanischen Pamphlets gehörte auch Mizuma Masanori, und er stattete die Anlagen zu diesem Dokument mit zahlreichen Fotos aus, die beweisen sollten, daß es kein Nanjing-Massaker gegeben habe.

Mizumas pathologischer Gebrauch der Photographie

Die Fotos entnahm Mizuma der Illustrierten Asahi Graph アサヒグラフ, die während der der Kriegsjahre die japanische Bevölkerung mit Berichten von den Kriegsschauplätzen versorgte. Wie allseits bekannt, herrschte in Japan zu dieser Zeit eine rigide Pressezensur; eine Zeitschrift wie Asahi Graph konnte deshalb ebenso wenig frei berichten wie seinerzeitige deutsche oder meinetwegen US-amerikanische Zeitschriften. Es ist deshalb sehr fragwürdig, welche Aussagekraft deshalb beispielsweise die Fotos von lachenden chinesischen Kindern an der Seite japanischer Soldaten haben, die Mizuma so gern anführt, um zu zeigen, daß die Japaner damals keine Schandtaten verübten. Daß Fotos nur sehr eingeschränkten Beweiswert haben, gilt natürlich nicht nur für das Nanjing-Massaker. Jeder Historiker weiß das. Diese naive Art, Fotos als „Beweise“ in historischen Auseinandersetzungen einzusetzen, muß man in Anlehnung an Pierre Bourdieu zu den „pathologischen Gebrauchsformen der Photographie“ rechnen.

„Mit einem Blick erkennen“

Mizuma selbst hat eine ganze Serie von Büchern veröffentlicht, deren Titel mit den Worten „Mit einem Blick erkennen“ (ひと目で分かる) beginnen und mit „die Wahrheit über …“ enden: So „Die Wahrheit über den GHQ-Plan zur Gehirnwäsche bei Japanern“ (「GHQの日本人洗脳計画」の真実); „Die Wahrheit über den japanisch-koreanischen Anschluß“ (「日韓併合」時代の真実), „Die Wahrheit über den japanischen Geist in der Zeit der ‚Befreiung Asiens'“ (「アジア解放」時代の日本精神) und natürlich auch „Die Wahrheit über die ‚Trostfrauenfrage'“ (「慰安婦問題」の真実) — alles in diesen Tagen auf dem rechtsnationalistischen Spektrum der japanischen Welt höchst beliebte Themen. Die Werke bestehen im wesentlichen aus Fotos aus Asahi Graph und Kommentaren Mizumas, mit denen er behauptet, diese Fotos würden gegen Japan erhobene Vorwürfe entkräften. Diese Methode ist unwissenschaftlich und paradox: Einerseits bestreitet Mizuma mit gutem Recht die Beweiskraft ähnlicher Bilddokumente, die von chinesischer Seite ins Spiel gebracht werden; andererseits behauptet er, die japanischen Fotos seien glaubwürdig. Die Widersprüchlichkeit dieser Argumentation begreift er nicht.

Die Nanjing-Leugner

Aber der 1950 geborene Mizuma ist kein professioneller Historiker. Er hat ein Jurastudium an der Keiō-Universität hingeschmissen, um sich als Künstler und dann als Journalist und freier Schriftsteller durchzuschlagen. Zu seinen Freunden gehören die rechtsnationalistische Aktivisten Sakurai Yoshiko 櫻井よしこ und Ara Ken-ichi 阿羅健一. Ihr gemeinsames Thema ist die Leugnung des Nanjing-Massakers von 1937. Dabei orientiert sich Mizuma laut Selbstaussage an Tanaka Masaaki 田中正明, der seinerseits während des japanischen Angriffs auf Nanjing Ordonnanz von General Matsui Iwane 松井岩根 war. Matsui befehligte den Angriff und wurde dafür nach dem Krieg als Kriegsverbrecher hingerichtet. Tanaka gab 1985 das Feldtagebuch Matsuis heraus — allerdings an mehreren hundert Stellen dermaßen „bearbeitet“, daß Tanaka der Geschichtsfälschung bezichtigt wurde.

Die Mitunterzeichner

Zu den übrigen Unterzeichnern des UNESCO-Gegenappells gehören neben Ara Ken-ichi u.a. auch der Taiwaner Huang Wenxiong (in Japan besser bekannt als Kō Bun-yū) 黄文雄, der sich mit merkwürdigen Thesen zur ostasiatischen Geschichte hervorgetan hat; Moteki Hiromichi 茂木弘道, der von ihm ins Englische übersetzte Mangas in den USA verbreitet, aber noch mehr Menschen dadurch bekannt ist, daß er als Geschäftsführer der Society for Dissemination of Historical Fact 歴史事実普及協会 in aller Welt Schriften verbreitet, die Japan von jedem Kriegsverbrechen freisprechen sollen; und Watanabe Shōichi 渡部昇一, ein Anglist und ehemaliger Professor der Sophia-Universität in Tōkyō, der seinen Doktortitel an der Universität Münster erlangte und nun als ein führender Repräsentant des rechtsgerichteten und in der jetzigen politischen Konstellation extrem einflußreichen Nippon Kaigi 日本会議 auftritt. 1997 veröffentlichte Watanabe ein Buch über den deutschen Generalstab (Doitsu Sanbō Honbu — Sono eikō to shūsen), das der gleichfalls konservative Historiker Hata Ikuhiko 秦郁彦 als Plagiat aus einer deutschen Quelle bezeichnet hat.

Die Happiness Realization Party

Der Appell von 2015 geschah jedoch nicht nur im Namen dieser illustren Geschichtsleugner. Ganz an der Spitze der Unterzeichner stand Shaku Ryōko 釈量子. Sie wird im Dokument als Vorsitzende der Happiness Realization Party bezeichnet. Das ist der englische Name der Kōfuku Jitsugentō 幸福実現党, die 2009 von Ōkawa Ryūhō (der seither auch Präsident der Partei ist) gegründet wurde. Die Partei ist politisch nicht besonders erfolgreich. Sie ist aber der politische Arm jener von Ōkawa gegründeten Sekte Kōfuku no Kagaku („Die Wissenschaft vom Glück“), welche Lebensglück durch die Lektüre von Ōkawas Werken verspricht. Im politischen Spektrum sind Sekte und Partei stramm rechts verortet, wenngleich sie „einen eigenartigen Nationalismus“ pflegen, wie der Religionswissenschaftler Tsukada urteilt.1 Demnach stammt Japans Größe nicht so sehr aus der Vergangenheit, sondern aus seinen wirtschaftlichen Erfolgen in der Gegenwart. Die Schatten der Vergangenheit werden eher als Last empfunden, die der vollen Entfaltung Japans im Wege stehe. Im UNESCO-Gegenappell heißt es, es sei der Wille der Partei „to offer concrete and proactive policies to strengthen Japan’s national security and to foster economic growth“.

Tausend Tage Spammen für ein „heiteres Japan“

Mizuma scheint sich mit diesem Wunsch nach neuer Größe für sein Land zu identifizieren. Auf seiner Homepage ruft er dazu auf, „ein heiteres Japan zu verwirklichen“ (明るい日本を実現する), und zwar rechtzeitig vor den Olympischen Spielen in Tōkyō 2020:

Um die Olympischen Spiele 2020 in Tōkyō heiter begrüßen zu können, müssen wir China und Südkorea zum Schweigen bringen, die in ihrer Außenpolitik gegenüber unserem Land „Probleme des historischen Bewußtseins“ ins Spiel bringen.

Dafür hat er sich ein Projekt ausgedacht: Binnen 1.000 Tagen sollen 800.000 Bildpostkarten, die er selbst produziert hat — allesamt Nachdrucke von Fotos aus Zeitschriften wie Asahi Graph — an ausgesuchte Empfänger in aller Welt verschickt werden, die von der Nichtexistenz des Nanjing-Massakers und der Trostfrauen-Problematik überzeugt werden sollen. Eine Liste der vorgesehenen deutschen Empfänger hat er gleichfalls veröffentlicht, zusammen mit den oben wiedergegebenen Textbausteinen und Hinweisen für die korrekte Anrede, und es sind bislang tatsächlich diese Leute und Institutionen (von Journalisten über Japanologen und Sinologen bis hin zur Botschaft der Volksrepublik China), die mit diesen nichtssagenden Botschaften belästigt werden. Einige berichten nun auch über Emails, aber das muß ein anderes Projekt sein.

Ein heiteres Nebeneinkommen der Familie Mizuma

Denn Mizuma ist nicht an Email-Spamming interessiert; das übernimmt bereits sein oben erwähnter Kollege Moteki. Mizuma verkauft nämlich seine Postkarten: Ein Set mit 23 Stück für 3.000 Yen, zahlbar auf sein Konto bei der Postbank in Tōkyō-Asagaya. Wenn er alle verkauft, nimmt er dadurch rund 104 Mio. Yen ein. Nehmen wir an, daß er für jede Postkarte Unkosten in Höhe von 5 Yen hat, gibt das einen Reingewinn von 100 Mio. Yen. Das ist nicht unbeachtlich und wird mit Sicherheit für Heiterkeit und Glück in der Familie Mizuma sorgen.

Und damit erweist sich Mizuma doch als gelehriger Anhänger der Ōkawa-Wissenschaft vom Glück. Um glücklich zu werden, muß man nur rechnen können. Mal sehen, was das japanische Finanzamt dazu sagen wird. Die japanische Post jedenfalls wird sich natürlich freuen über 56 Mio. Yen zusätzlicher Portoeinnahmen. Wenn Mizumas Rechnung aufgeht.


1 Tsukada, Hotaka: Shūkyō to Seiji no Tentetsuten: Hoshu Gōdō to Seikyō Itchi no Shūkyō Shakaigaku. Tōkyō: Kyōei Shobō. 2015, S. 323

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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