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Wie gefährlich ist Alkohol für Ostasiaten?

Ein Team unter Dr. Lee Soo Joo u.a. an Koreas staatlicher Eliteuniversität SNU behauptet in einer neuen Studie, eine gemäßigte Einnahme von Alkohol verringere bei Koreanern das Risiko eines Schlaganfalls. Untersucht wurden die Trinkgewohnheiten von fast 2.000 Patienten nach ihrem ersten Schlaganfall. Die Daten wurden mit der gesunden Bevölkerung verglichen. 3 bis 4 Gläser (mit je 10 g Ethanol) täglichen Konsums, so die Schlußfolgerung, reduzierten das Schlaganfallrisiko signifikant. Übrigens tranken die Befragten in 78 % der Fälle „ein einheimisches Getränk“, nämlich Soju (koreanischer Branntwein, entspricht dem japanischen Shōchū und enthält ca. 20 % Alkohol).
Gegen diese hoffnungsvolle These erhob postwendend Professor Kang Boseung von der Hanyang-Universität Einspruch. Dies gelte nämlich nur für jene 60 % der koreanischen Bevölkerung, die das beim Abbau von Ethanol wichtige Enzym Aldehyd-Dehydrogenase 2 (ALDH2) in seiner effektivsten Variante besitzen. Der Rest — in der Untersuchung offenbar jener Teil der Kontrollbevölkerung, der überhaupt keinen Alkohol konsumiere — reagiere körperlich bereits auf geringe Mengen Alkohols mit Erröten (Flush-Syndrom), Übelkeit, Müdigkeit und Kater. Deshalb verzichte ein beträchtlicher Teil der ostasiatischen Bevölkerung darauf, überhaupt Alkohol zu sich zu nehmen. In dieser Gruppe gelte durch Alkoholgenuß ein höheres Risiko für Speiseröhren-, Magen-, Leber- und Darmkrebs, Fettlebigkeit, Gefäßerkrankungen und möglicherweise Herzinfarkte und Alzheimer.
Nur in Ostasien, und zwar bei ca. 40 % der dortigen Bevölkerung, ist dieses als „orientalische Variante“ bekannte Enzym-Allel ALDH2*504Lys verbreitet; offenbar ein Erbteil der Han-Chinesen. Sein genetischer Sinn war wohl, den Körper an der Einnahme von Alkohol zu hindern.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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