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Mythen, Flaggen, Heldentum: Das Geschichtsbild der japanischen Liberaldemokraten

Die Liberaldemokratische Partei Japans (Jiyū Minshutō 自由民主党 — LDP –, die aktuell den größten Teil der japanischen Regierung unter Ministerpräsident Abe Shinzō 安倍晋三 stellt und eine satte Mehrheit im Unterhaus besitzt) hat eine Broschüre herausgegeben, in der die aktuell auf dem Markt erhältlichen sieben Lehrbücher für den Geschichts- und Staatsbürgerunterricht an Mittelschulen verglichen und bewertet werden. Sie trägt den umständlichen Titel „Schulbücher für unsere Kinder, welche Patriotismus und moralische Gesinnung fördern, die das neue Grundgesetz der Erziehung weist“. Ihr Zweck ist, den LDP-Politikern (und anderen Gleichgesinnten) in den Erziehungskommissionen (Kyōiku Iinkai 教育委員会), welche in den Städten und Gemeinden über die Auswahl von Lehrbüchern entscheiden, die Wahl zu erleichtern. Die LDP empfiehlt von den sieben Werken, die das japanische Kultusministerium offiziell zugelassen hat, nur zwei.

Eines stammt aus dem 2007 gegründeten Verlag Ikuhō 育鵬, der eine 100-prozentige Tochter des Verlages Fusō 扶桑 ist, der wiederum ein Ableger des Privatfernsehsenders Fuji TV und der Zeitung Sankei Shinbun 産経新聞 ist und internationale Berühmtheit erlangte, als er 2001 das völkisch gesinnte Lehrwerk des „Vereins für ein Neues Geschichtslehrbuch“ (Atarashii Rekishi Kyōkasho wo tsukuru Kai 新しい歴史教科書をつくる会) verlegte. Dieses Buch löste im In- und Ausland dermaßen heftige Proteste wegen seiner Glorifizierung der japanischen Vergangenheit aus, daß sich kaum eine Erziehungskommission traute, es für den Schulunterricht auszuwählen. Der neue Verlag hat diesen Makel noch nicht (Fusō hat sich von dem „Verein“ distanziert) und soll dieses Mal den Durchbruch bringen. Mit dem Segen der LDP.

Das zweite Buch, das alle LDP-Kriterien erfüllt, stammt aus dem Jiyū-Verlag 自由社, der seit 2007 in Nachfolge von Fusō das Lehrbuch des „Vereins für ein Neues Geschichtslehrbuch“ herausgibt.

Nur diese beiden Lehrbücher erhalten in der Broschüre durchgängig Bestnoten. Die LDP Bücher empfiehlt demnach faktisch Bücher aus zwei Verlagen, deren politische Verortung an der äußerst rechten Ecke des Meinungsspektrums steht. Die Kriterien der LDP sind dabei bemerkenswert:

Liebe zu Land und Geschichte

Wird aus einer Perspektive der Weltgesellschaft heraus geschrieben, die auf Verständnis und Liebe zum Territorium und der Geschichte unseres Landes beruht?

Das Ikuhō-Lehrbuch wird hierzu vorbildlich mit der Aussage zitiert:

Unser Land hat im Laufe seiner Geschichte das Einheitsgefühl seiner Bürger gewahrt, mit Fleiß und unter Respektierung guter Manieren zahlreiche Nöte überwunden und hat dabei ein wohlhabendes Land mit einer weltweit seltenen Sicherheit geschaffen.

Man reibt sich die Augen, wenn man die zahlreichen Wirren und blutigen Auseinandersetzungen denkt, von denen die japanische Geschichte so reich ist. Aber das wird hier nur zur Vorgeschichte eines gut gesitteten Einheitsstaates, in dem Ruhe herrscht.

Mythen und Naturverehrung

Die LDP stellt die Frage an die Schulbücher:

Wecken sie mittels der Mythen und Überlieferungen in Kojiki 古事記 und Nihon Shoki 日本書紀 Interesse für den Glauben und die Sichtweise der damaligen Menschen?

Kojiki und Nihon Shoki werden bereits seit langem in der japanischen Geschichtswissenschaft als unhistorische Propagandaschriften des 8. Jahrhunderts bewertet. Bis 1945 wurden sie von den Nationalisten allerdings geradezu als Heilige Schriften betrachtet und im Schulunterricht zur Indoktrination eingesetzt. Der LDP scheint dies zu gefallen.

Der Hof von Yamato

Yamato 大和 ist der Name derjenigen politischen Einheit, von der aus bis zum 6. Jh. wichtige Impulse zur Staatenbildung in Japan ausgingen. In Darstellungen vor 1945 wurde es deshalb als „Yamato-Reich“ oder „Yamato-Hof“ bezeichnet und unmittelbar zum Vorläufer des japanischen Kaiserreichs gemacht. Japanische Historiker bezweifeln allerdings, daß sich Yamato damals bereits auf dem Stand eines entwickelten Reiches befand, und sprechen deshalb nicht vom „Kaiserhof von Yamato“ (Yamato chōtei 大和朝廷), sondern vom „Königreich“ oder „Machtzentrum“ von Yamato. (Deshalb verweise ich hier auch nicht auf den deutschsprachigen Wikipedia-Artikel zu „Yamato“, denn dieser befindet sich in dieser Beziehung auf einem völlig veralteten Stand. Die englische Wikipedia spricht korrekt von „Yamato polity“). Der LDP, die die japanischen Mythen so liebt, ist das zu wenig. Sie fordert von einem guten Geschichtsbuch, „Kaiserhof von Yamato“ zu schreiben — und den Gefallen tun ihr eben nur die Bücher aus dem Ikuhō– und Jiyū-Verlag.

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Standbild des mythischen Feldherrn und Herrschers Yamato Takeru 大和武 im Kenroku-Park in Kanazawa

Heldentum

Die LDP verlangt „die lückenlose Behandlung“ von Persönlichkeiten, „welche sich für Staat, Gesellschaft und Kultur“ eingesetzt hätten. Dazu gehören nach ihrer Meinung der mythische Gründungskaiser Jinmu (8. Jh. v. Chr.) ebenso wie der neokonfuzianische Gelehrte Nakae Tōju 中江藤樹, der im 17. Jh. besonders heftig auf der Pflicht zum Gehorsam gegenüber Fürsten und Eltern bestanden hatte, und Ninomiya Sontoku (Kinjirō, 19. Jh.), der japanischen Kindern vor 1945 als bildungsbeflissener und seinen Eltern ergebener Streber vorgehalten wurde. Diese drei aus der (noch sehr viel längeren) LDP-Heldentafel kommen, oh Wunder, nur in den Ikuhō– und Jiyū-Werken vor.

Nationalsymbole

Seit langem fordert die LDP, Japans Lehrer und Schüler sollten die japanische Nationalflagge und die japanische Nationalhymne besonders ehren. So ist es konsequent, daß vor ihren Augen nur diejenigen Schulbücher Gnade finden, welche diese beiden Symbole ausdrücklich „als Beispiele für konkrete Fälle internationaler Umgangsformen“ hervorheben. Und das sind — ja, wirklich! — nur die Lehrbücher von Ikuhō und Jiyū.

Ausländerwahlrecht

„Als Referenz“ listet die LDP-Broschüre auch noch die Haltung der Schulbücher zur Frage auf, ob Ausländern das Wahlrecht eingeräumt werden sollte. Sie enthält sich hier einer Wertung. Allerdings sind die Werke Ikuhō und Jiyū die einzigen, welche nicht das geringste Problem darin erkennen, daß lange in Japan lebenden und dort Steuern zahlen Menschen sämtliche Mitwirkungsrechte abgesprochen werden. Damit dürfte die Entscheidung auch in diesem Punkt (der nicht im „Grundgesetz der Erziehung“ erscheint) leicht fallen — wenn man so denkt wie die LDP.

Ein Gegenvorschlag

Ziehen wir das Fazit: Die LDP möchte, daß Japans Schulkinder eine auf Mythen gestützte und angebliche oder echte Helden verehrende Grundbildung erhalten, welche sie dazu in die Lage versetzt, Japans Nationalhymne auswendig zu singen und seine Nationalflagge mit Stolz zu schwingen. In aller Welt und mit guten Manieren.
Fein. Aber dafür braucht man keine neuen Geschichtsbücher. Es würde völlig reichen, jene Lehrbücher einfach nachzudrucken, welche zwischen 1889 und 1945 in Japan verbreitet waren. Ob damit allerdings auch jene Fragen zufriedenstellend beantwortet werden können, die das 21. Jahrhundert an die Japaner stellt, bleibt abzuwarten.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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