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Anti-Kriegs-Demo in Tokyo, 7.8.2015

Seit Juni 2015 ruft ein japanisches Studentenbündnis, das sich SEALDs (シールズ:Students Emergency Action for Liberal Democracy – s) nennt, jeden Freitag ab 19:30 zu einer Demonstration vor dem japanischen Reichstag in Tokyo auf. Es geht gegen die geplanten Gesetze der Regierung von Abe Shinzō 安倍晋三, mit denen Japan die Beteiligung an Aktionen kollektiver Verteidigung ermöglicht werden soll. Darin erblicken die Studenten und ihre Sympathisanten (wie die meisten japanischen Juristen) einen Verfassungsverstoß. Außerdem befürchten sie, daß Japan kriegsfähig gemacht und auch die Wehrpflicht wiedereingeführt werden soll.
An den Demonstrationen beteiligten sich neben Studenten sehr viel Erwachsene, aber auch Oberschüler. Einige traten sogar in Schuluniformen an, was die betroffenen Schulen allerdings nicht gern sehen. Das Engagement dieser jungen Leute kommt überraschend, weil man dieser Generation bislang vorgeworfen hat, zu unpolitisch zu sein. Kernkraftgegner haben sich übrigens auch beteiligt.
Am 7.8. habe ich mir eine Demonstration angesehen. Es ging sehr friedlich zu, die begleitenden Polizisten waren überaus höflich und haben, soviel ich sehen konnte, auch keine Videoaufzeichnungen angefertigt. Dafür habe ich einiges gefilmt und das Ergebnis auf Youtube veröffentlicht.

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Etwa zwanzig Minuten habe ich mich mit einem jungen Mann unterhalten, der mir auffiel, weil er ein T-Shirt mit deutschem Aufdruck („GRÜN ist die Farbe der Natur“) trug. Er konnte selbst kein Deutsch. Er stellte sich als Student der Naturwissenschaften im 4. Semester vor. Er sei in seinem Leben noch nie auf einer Demonstration gewesen. Diesmal aber fühle er sich verpflichtet, denn er lehne die Wehrpflicht ab. In vielen Einzelheiten, z.B. was das Recht auf kollektive Selbstverteidigung angehe, sei er noch dabei, sich seine Meinung zu bilden. Ihn interessierte sehr, was ich darüber und über die Territorialstreitigkeiten (Senkaku-, Takeshima-Inseln) zu sagen hatte. Vertiefte zeitgeschichtliche Kenntnisse hatte er nicht. Aber was mich beeindruckt hat: Er hat fleißig in seinem Notizheft mitgeschrieben. Ungefähr zwei Seiten kamen so während unserer Unterhaltung zusammen. Danach wollte er noch mit anderen Leuten reden.
Das mag merkwürdig klingen. Ich fand es toll und bezeichnend für den Ernst, mit dem junge Japaner an solche Fragen herangehen. Er wird sicher noch lange darüber nachdenken, was er von mir und anderen gehört hat. Mir hat schon deswegen der heutige Spaziergang zum Reichstag viel Spaß gemacht.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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