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Nagasaki und Hiroshima: Kopipe-Abe schweigt

Am 6. und 9. August gedachte man in Hiroshima und Nagasaki der Atombombenabwürfe auf diese Städte vor 69 Jahren. Wie jedes Jahr. Business as usual, mag sich auch Ministerpräsident Abe Shinzō 安倍晋三 gedacht haben, als er sein Grußwort abliefert. Die Zuhörer trauten ihren Ohren nicht: In weiten Teilen hat Abe nämlich sein Redemanuskript von 2013 wiederverwertet. Lustloses Kopipe wird ihm deshalb nun vorgeworfen, die japanische Abkürzung für den englischen Begriff Copy-Paste.
Denn nicht nur japanische Ministerpräsidenten sind genial, wenn es darum geht, Sprache zu rationalisieren. Kopipe gehört in dieselbe Reihe neu-japanischer Wörter wie depachika (aus depāto chika = „Lebensmittelabteilung im Untergeschoß eines Kaufhauses“) oder saradore (aus sarada doreshingu = „Salatdressing“). Wenn man die Regeln einmal kennt, kann man solche Wörter selbst bilden. Versucht habe ich es mit einem besonders überflüssigen Wort, bādosutoraiku („bird strike“, Vogelschlag), das ich aufs Geratewohl zu badusuto verkürzt habe. Und siehe da: Piloten benutzen es tatsächlich genau so!
Wer will also einem Ministerpräsidenten vergönnen, daß er die zahlreichen Grußworte, die er tagaus, tagein halten soll, auf ähnliche Weise rationalisiert?
Nun ja, zum Beispiel die 75-jährige Jōdai Miyako 城台美弥子, die in Nagasaki in diesem Jahr als Vertreterin der Überlebenden des Atombombenabwurfs reden durfte. Sie hat für den anwesenden Abe drastische Worte der Kritik gefunden:

Wir brauchen die baldige Umsetzung eines Vertrags zum Verbot der Atomwaffen. Japan, das zum Opfer der Atombomben geworden ist, hat die Pflicht, der Welt als Führer voranzugehen. Doch erfüllt die gegenwärtige japanische Regierung diese Pflicht auch? Die Genehmigung zur Ausübung des Rechts auf kollektive Selbstverteidigung, die jetzt vorangetrieben wird, ist ein Gewaltakt, der die japanische Verfassung mit Füßen tritt. Heißt das etwa, Japan solle wieder Krieg führen und sich mit Waffengewalt verteidigen können? Die Produktion und der Export von Waffen führen zum Krieg. Wenn einmal ein Krieg losbricht, ruft der Krieg neuen Krieg hervor. Hat die Geschichte dies nicht bewiesen? Nötigen Sie die jungen Leute und Kinder, die Japans Zukunft schultern sollen, nicht! Vergessen Sie die Leiden der Atombombenopfer nicht und tun Sie nicht so, als habe es dies alles nicht gegeben!

Übrigens hat Abe auch noch eine geniale Rationalisierung gefunden, um auf diese Kritik zu reagieren: Er schwieg. Was hätte er auch sagen sollen? Daß sich nicht nur eine Ansprache, sondern auch die Geschichte bisweilen wiederholt?

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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