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Ghiblis neues Meisterwerk: „When Marnie Was There“ — „Erinnerungen an Marnie“ — Omoide no Mānī

Am 19. Juli 2014 wurde das neueste Werk des Studio Ghibli in Japans Kinos uraufgeführt: Omoide no Mānī 思いでのマーニー, das auf dem 1967 veröffentlichten Kinderbuch „When Marnie Was There“ von Joan G. Robinson (1910-1988) beruht. Das Original spielt im britischen Norfolk, der Anime versetzt die 12-jährige Mittelschülerin Anna aus der Großstadt Sapporo in die Umgebung von Nemuro, also ins ländliche Hokkaidō. Anna hadert mit sich selbst; sie haßt sich sogar, wie sie zweimal im Film betont, denn sie benimmt sich gegenüber allen, die ihr näherkommen wollen, kratzbürstig, ja sogar gemein. Sie ist durch den frühen Verlust ihrer Eltern traumatisiert und fühlt sich zusätzlich verraten, als sie erfährt, daß ihre Pflegefamilie vom Jugendamt regelmäßig Geld für sie bekommt: niemand, denkt sie, liebt sie; niemand kann sie vertrauen. Ihr Selbsthaß bedroht sie auch körperlich, sie leidet an Asthma.

Ihre Pflegemutter schickt sie deshalb während der Ferien zu ihrer Schwester aufs Land, weil der Arzt Luftveränderung empfiehlt. Aber dieses Land hat es in sich: Man lebt dort ganz anders; es gibt viel frisches Gemüse, herrlichen Sternenhimmel und wunderbare Landschaften, die Anna zu neuen Buntstiftskizzen inspirieren. Denn zeichnen kann sie, und ihre Pflegemutter hat ihr (die einzige offenkundige Reminiszenz an Deutschland) eine Schachtel Buntstifte geschenkt, auf der deutlich das deutsche Wort „Künstler“ zu lesen ist — Faber-Castell wird es freuen.
Während sie mit den Gleichaltrigen der Gegend nichts anfangen kann, obwohl (oder vielmehr weil) sie sich ihr freundlich nähern, fühlt sich Anna magisch angezogen von einem alten, verfallenen Haus auf der anderen Seite der Bucht, an der sie nun lebt. Ihr scheint, daß es nachts bewohnt ist, obwohl alle ihr sagen, es sei schon lange verlassen. Früher hätten Ausländer dort gelebt … Ein wichtiger Hinweis, denn Anna ist (wie die Nachbarskinder entdecken) blauäugig, „fast wie eine Ausländerin“, und sagt über sich selbst, sie sei eine Außenseiterin. Eines Abends begegnet Anna einem genauso blauäugigen Mädchen, das sich Marnie (im Film Mānī) nennt und angeblich in dem Haus lebt. Sie freunden sich nicht nur an, sie verlieben sich ineinander.
An diesem Punkt setzten übrigens schon vor der Veröffentlichung des Filmes Spekulationen an, dieser Ghibli-Film werde zu einem Ausflug in die Welt des yuri (Liebesbeziehungen unter Mädchen) werden und damit einen deutlichen Kontrapunkt zu den bislang strikt heterosexuellen Geschichten der Disney-Welt setzen. Diese Erwartungen werden nicht erfüllt. Die Geschichte und der Film stehen in der Tradition des Shōjo-Genres 少女文学, das in Europa unter dem Titel „Backfisch-Literatur“ bekannt ist. Es sieht so aus, als sei Mānī die in diesem Genre so häufig gesuchte „Soul Sister“, die Seelenverwandte oder platonische Geliebte von Anna; der erste Mensch, dem sie bedingungslos vertraut und den sie über alles bewundert. Anna gibt Mānī das Geheimnis ihres Unglücks preis, nur um zu erfahren, daß auch Mānī, allem Anschein zum Trotz, mit ihrer Familie unglücklich und einsam ist.
Doch Annas Vertrauen in Mānī gerät ins Wanken, als beide in der Ruine eines Getreidesilos von einem Unwetter überrascht werden. Mānī fürchtet sich, Anna will ihr helfen; doch in ihrer Verzweiflung redet Mānī ihre Freundin zweimal mit „Kazuhiko“ an, dem Namen eines Jungen, mit dem Anna sie zuvor schon auf einer Feier hat tanzen sehen. Anna schläft ein und träumt, daß Kazuhiko Mānī aus dem Silo abholt, während Anna allein zurückbleibt.
Tatsächlich ist Mānī spurlos verschwunden. Anna findet sie auch nicht mehr im alten Haus, in das plötzlich eine neue Familie eingezogen ist. Deren Tochter hält Anna für Mānī, denn sie hat in ihrem Zimmer Mānīs Tagebuch gefunden. In diesem Tagebuch schildert Mānī Erlebnisse, die Anna mit ihr zusammen erlebt hat — aber Annas Name kommt nie vor, sondern immer nur Kazuhiko.
Nun weiß Anna gar nicht mehr, was sie davon halten soll. Es ist am Ende die Kunst, oder besser gesagt: die Begegnung mit einer Künstlerin, die dasselbe Haus malt und die ihr die Augen über Mānī öffnet. Schließlich begreift Anna, wer Mānī ist, weshalb sie ihre Geschichte kennt und warum sie beide mit diesem Haus so schicksalhaft verbunden sind.
Mit diesem Wissen lernt sie sich selbst und ihre eigene Geschichte zu akzeptieren. Von den Geistern der Vergangenheit ist sie endlich erlöst. Oder anders gesagt: Sie weiß, daß diese Geister sehr real waren.
Über den Roman schrieb ein Leser:

I’m still not sure whether it is a ghost story, or a time travel story, or simply a trick of an imaginative memory? See what you think. I’m sure you’ll enjoy it!

Über den Film (an dem erstmals für das Studio Ghibli weder Miyazaki Hayao noch Takahata Isao irgendwie beteiligt waren) wird man dasselbe sagen. Es handelt sich um den zweiten Ghibli-Film von Yonebayashi Hiromasa 米林宏昌, der schon 2010 mit „Arietti“ überzeugen konnte. Die Charaktere sind Ghibli-üblich dezent und menschlich gezeichnet, wobei die typisch, wohlvertrauten Gesichtszüge gerade der Kinder Déja-vu-Erlebnisse garantieren. Die Musik von Muramatsu Takatsugu 村松崇継 ist dezent und fügt sich gut in die Handlung ein, ohne allerdings einen Ohrwurmeffekt zu erzeugen. Überbordende Komik oder fesselnde Action kann man in einem Film, dessen Haupttheme das Seelenleben eines pubertierenden, mit sich selbst ringenden Mädchens ist, nicht erwarten. Dennoch gibt es Szenen voller Dramatik, die man so oder so ähnlich schon zu sehen geglaubt hat: Aber dies ist kein Zufall, denn der Film ist wie die Handlung ein meisterhaftes Leporello aus Erinnerungen und Träumen, aus Wünschen und Wirklichkeiten, aus Vergangenheit und Gegenwart; kurz: ein animiertes DÈJA-VU. Und gerade deshalb sehenswert.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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