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Das Fährunglück: Eine koreanische Analyse

Anders als in japanischen Medien häufig zu beobachten, setzen sich südkoreanische Medien häufig schonungslos kritisch mit den Vorgängen in ihrem eigenen Land auseinander. Dies zeigt sich auch wieder im Fall der am 16. April auf dem Weg von Incheon nach Jeju nahe der Insel Jindo gesunkenen Fähre Sewol 세월. Ein Bericht der Chosun Ilbo vom 24.4. zählt das Geflecht von Versäumnissen und Fehlern auf, das zur Katastrophe mit rund 190 Toten und Vermißten führte. Sie betreffen das Schiffsmanagement und das Krisenmanagement zu See und an Land. Da das Schiff noch nicht geborgen und sein Rumpf nur vorläufig untersucht wurde, steht die eigentliche Ursache des Unglücks noch nicht fest. Wohl aber lassen sich nach Meinung der Tageszeitung Gründe finden, welche die Katastrophe beförderten:

  • Das Schiff verließ den Hafen von Incheon wegen dichten Nebels zwei Stunden später als geplant. Die Reederei hatte die Überfahrt nicht absagen wollen, obwohl alle anderen Schiffe im Hafen blieben. Die Besatzung blieb aber bei dem zuvor festgesetzten Einsatzplan, was dazu führte, daß eine Dritte Offizierin ohne große Berufserfahrung das Schiff durch die wegen schneller Strömungen gefährlichste Strecke führen mußte, während der Kapitän in seiner Kajüte eine Pause machte.
  • Das Schiff war bei seiner Ausfahrt überladen. Statt 990 t führte es 3.600 t Nutzlast mit. Dazu war seine Manövrierfähigkeit erheblich eingeschränkt. Außerdem waren seine Aufbauten 2012, nachdem es aus Japan gekauft worden war, so umgebaut worden, um mehr Passagiere befördern zu können, daß der Schwerpunkt des Schiffes nach oben verlagert und damit die Kentergefahr vergrößert wurde. Außerdem war die Ladung wegen Zeitknappheit vermutlich nicht ordentlich verstaut worden, weshalb sie sich losreißen und das Schiff zum Kentern bringen konnte.
  • Die Mannschaft kannte die geltenden Bestimmungen für Schiffsevakuationen nicht. Die Reederei hat die vorgeschriebenen Sicherheitsübungen vermutlich nicht durchführen lassen (2013 gab die Reederei für Sicherheitsübungen nicht einmal 400 Euro aus!). Die Besatzung alarmierte auch zunächst die Küstenwache in Jeju, nicht die eigentlich zuständige in Jindo, und vergeudete in sinnlosen Kommunikationen wertvolle Zeit. Auch die Küstenwache von Jindo reagierte unprofessionell und zu spät.
  • Die Mannschaft ließ die Passagiere vorschriftswidrig im Stich. Sie forderten die Passagiere viel zu spät dazu auf, das Schiff zu verlassen. Die Rettungsboote funktionierten bis auf ein einziges nicht, in das sich die Besatzung rettete. Die geretteten Besatzungsmitglieder (20 von 29) logen mehrfach; so gab sich der Kapitän zunächst als „Passagier“ aus.
  • Die Behörden verhedderten sich in widersprüchlichen Angaben über die Zahl der Passagiere und der Geretteten. Um ihr Gesicht zu wahren, korrigierten sie sich nur schrittweise und erregten damit den Ärger der Öffentlichkeit. Die Familien der in Not Geratenen wurden schlecht und fehlerhaft informiert, ihre Bitten um mehr Informationen ignoriert, ihre Proteste unterdrückt.
  • Trittbrettfahrer streuten Gerüchte, die für zusätzliche Unruhe sorgten. Eine Frau behauptete beispielsweise im Internet, sie habe als Rettungstaucherin mitbekommen, daß ihre Kollegen Lebenszeichen eingeschlossener Passagiere erhalten hätten, daß die Küstenwache sie aber zum Nichtstun angehalten habe.

So identifiziert die Redaktion erschreckendes, tödliches mehrfaches Versagen auf den unterschiedlichsten Seiten — Reederei, Mannschaft, Behörden, Gesellschaft. Es klingt wie eine Bilanz, wenn es in dem Artikel auch heißt:

Viele glauben, daß dieses Desaster auf größere Probleme in der koreanischen Gesellschaft hinweist, die materiellen Gewinn prämiert.

Diese moralisierende Argumentation ist natürlich Teil des konservativen Weltbildes, dem die Zeitung anhängt. Nach dem großen Ostjapanischen Erdbeben 2011 gab auch der damalige Gouverneur von Tōkyō und rechtsextreme Politiker Ishihara Shintarō der „Gier“ in der japanischen Gesellschaft die Hauptverantwortung an dem tragischen Unglück. Dies ist nicht weit entfernt von linker Kapitalismuskritik. Freilich fehlt jeder Beweis dafür, daß es in weniger materiell eingestellten Gesellschaften, seien sie links oder rechts beherrscht, zu weniger tragischen Unfällen und Unglücken kommt. Gewissen und Verantwortungsbewußtsein sind weder links noch rechts. Jede Gesellschaft, in denen sie gefördert und belohnt werden, kann sich glücklich schätzen.

Autor: Reinhard Zöllner

Geb. 1961. Historiker und Japanologe. Seit 2008 Professor an der Abteilung für Japanologie und Koreanistik der Universität Bonn.

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